Das „Abvent“-Tournee Tagebuch von Hans Well (Biermösl Blosn)

Das „Abvent“-Tournee-Tagebuch von Hans Well (Biermösl Blosn)


Boris Kiselicki (LINK), ein mit uns befreundeter Comic-Zeichner, hat sich von der Generalprobe inspirieren lassen und hinterher seine Eindrücke zu Papier gebracht. (Kilck ins Bild)

Zum Ende des Jahres 2005 waren die Hosen in den Theatern dieser Republik unterwegs, badeten ihre Nasen wieder mal gepflegt in Puderzucker und unterzogen dem lokalen Glühwein einen gründlichen Geschmackstest. Damit Ihr Euch ein Bild davon machen könnt, was zwischen Freiburg und Dresden passiert ist, haben wir einen alten Freund gebeten, von der „Abvent“-Tournee zu berichten. Hans Well (Biermösl Blosn) hat aufgeschrieben, wie Campino mit falschem Kinnbart und echter Trompete zurecht kam, welche tragenden Hauptrollen Vom in der Inszenierung bekleidete und welches Stück Gerhard Polt zusammen mit den Hosen ins Mikro grölte. Oder so ähnlich…

26.11.2005 Freiburg - Stadttheater
27.11.2005 Bonn - Oper Bonn
28.11.2005 Düsseldorf - Schauspielhaus
01.12.2005 Frankfurt - Alte Oper
03.12.2005 Hamburg - Schauspielhaus
04.12.2005 Berlin - Berliner Ensemble
05.12.2005 Dresden – Staatsschauspiel

 




Prouktionsleiter Christof Matthiesen und Hans Well von den Biermösl Blosn

Nach drei Probetagen im Münchner „Tams“ ist es soweit. Der Spaß kann beginnen, wir sind nicht gerade übertrainiert. Die Bühne im Freiburger Stadttheater ist erst ab 15 Uhr zum Proben frei, dann aber auf einmal erst um 17 Uhr, weil im Foyer ein Adventsingen stattfindet. Das wollten eigentlich wir machen... Misstraut man unserer Adventität? Wir reden den Ablauf um 17 Uhr 30 durch und gehen dann um 20 Uhr nicht ganz entspannt, aber zuversichtlich auf die Bühne, quasi ein Kopfsprung vom 10-Meter-Brett in eine unbekannte Wassertiefe. Bei den Übergängen hangen wir in den Gängen, aber wir helfen uns gegenseitig. Einer für alle, alle...! Nach der Vorstellung gibt’s was Gutes in der Kantine.

 

Sonntag, 27. Nov/ember


"Auch wenn sie keine Noten können, spielen sie doch so manchen Klassikfachidioten locker an die Wand."

Wieder kein ganzer Durchlauf vorher zum Probieren, die Bühne ist nicht frei. Unten im Schauspielhaus ist Premiere von „ Anarchie in Bayern“, oben greift die Anarchie auf der Bühne um sich. Wie schon in Freiburg glättet eine fast schon humanistisch-christliche Solidarität der Hosen mit uns die Härten des Daseins als Juniorpartner, als in Kauf zu nehmende Bajuvaritätsknochen, die wir zu Beginn der Vorstellung für einen Teil der „Hosen“-Fan-Gemeinde halt sind – obwohl die bayrische Sprache im Vergleich zu rheinländischen Dialekten eine Weltsprache ist. Gottseidank relativieren sich Vorbehalte im Verlauf des Abends. Die Hosen sind schon sehr in Ordnung. Nicht in Ordnung ist ihr Understatement bezüglich ihrer Musik. Auch wenn sie keine Noten können, spielen sie doch so manchen Klassikfachidioten locker an die Wand. Und – sie singen zu den Brummtöpfen perfekte Gstanzl*.

[*Das Gstanzl ist ein bayerisch-österreicherischer Spottgesang (vorwiegend im Drei-Viertel-Takt), auch bekannt unter Vierzeiler, Schnaderhüpfl oder Trutzgsangl.]

 

Montag, 28. November


"Miroslav" wartet auf seinen Auftritt.

Wir hatten bei der Ankunft im Hotel Swisscom Neuss Ärger, weil wir keine 50 Euro für die Minibar vorauszahlen wollten. Der Gerhard Polt hat dem Manager dann auch klargemacht, dass man in Bayern seine Zeche immer erst nach dem Essen bezahlt und nicht vorher. Da haben wir das Geld nicht vorauszahlen müssen. Ehrlich gesagt, hab ich gar nicht mehr so viel dabei gehabt.
Aber jetzt gilt´s. Andere Rheinseite. Heimspiele sind nicht immer die leichtesten! Hosen-Gesänge schon eine halbe Stunde vorher im Zuschauerraum. Der Auftritt am Anfang mit meiner Rede als vorsitzender Aufsichtsrat ist keine leichte Vorstellung. Hier mannesmannt es. Wenn doch der Ackermann und so Typen öfters mal so behandelt würden...! Die Vorstellung selber ist an den Nahtstellen schön komprimiert und die beste bis jetzt. Aber immer wenn der Name „Bayern“ auftaucht, erhebt sich ein Sturm an Fortuna-Gesängen dagegen. Wenn man etwas gegen den FCB singt genauso, weil dieses Unwort genügt schon. „Zieht den Bayern die Lederhose aus...“ Das machen wir lieber selber! Der Auftritt hat sehr viel Spaß gemacht. Anschließend sind wir im Künstlerverein Malkasten, einem sehr schönen Lokal. Viele Freunde der ersten Stunde von den Hosen sind da, quasi aus der Gründerzeit.

 

Donnerstag, 01. Dezember

Vor zwei Jahren haben wir mit dem Gerhard schon in der Alten Oper gespielt, von daher keine böse Vorahnung. Wie ich dann meine Anfangsrede halte, verwechseln einige hundert Hosen-Fans meine Rolle mit meiner Peson. „Kapitalistenschwein, Drecksau, Buh usw....
Harte Nummer für mich, als Ackermann vor 2.400 Leuten zu stehen, aber zugleich unglaublich spannend. Mit Weihnachten hat das für mich aber nix mehr zum tun, da hört sich die Liebe auf. Ich entlasse 2.000 Leut im Publikum von der Bühne runter aus unserer Firma und stelle den Rest auf 1-Euro-Basis um! Das beruhigt die Gemüter allmählich und das Publikum verzeiht mir meine Anfangsrolle, ich aber verzeihe nicht!!! Das nächste Mal mach ich euch den G.W. Bush, Grrrr! Ihr Frankfurter, des habts jetz davo!

 

Samstag, 03. Dezember


Mr. Ritchie als "Der Ministrant"

Ein Tag dazwischen ist frei und der Kiki lädt uns zum Essen ein in eine Hafenboazn. Der Auftritt in Hamburg ist, ehrlich gesagt, für mich Wiedergutmachung für das in Frankfurt erlittene Unrecht (siehe „Hölle von Frankfurt“). Ein Superabend in dem ehrwürdigen Schauspielhaus. Breiti entzückte das Publikum mit einer hymnischen Gstanzl-Strophe über den Superkarneval von Hamburg, und der Campino brachte ein neues Lied über schlechte Manieren. Vielleicht eine Reminiszenz an Frankfurt...? Wir feiern sehr erleichtert und lange anschließend zusammen mit der Truppe in der Kantine. Schön für uns, einen Bruder und eine Schwester von Campino kennen zu lernen, die auch gegen das Endlager in Gorleben engagiert sind.

 

Sonntag, 04. Dezember


"Der Gerhard Polt hat dem Manager dann auch klargemacht, dass man in Bayern seine Zeche immer erst nach dem Essen bezahlt und nicht vorher."

Berliner Depressionswetter; bei Ankunft. ziemlich merklig. Aber im Berliner Ensemble, dem Brecht-Theater spielen zu dürfen, ist schon was Besonderes. Und dann gibt uns der große Peymann auch noch persönlich Tipps für unsere lokalen Bezüge, die wir wie immer ins Programm einbauen. Heute wird das Programm mit Kameras aufgenommen und deshalb bin ich leicht befangen. Das Publikum ist ungewohnt gesittet. Gute Manieren! Unser Programm spielt sich immer besser zusammen. In der Kantine des Theaters beim anschließenden Ausspannen bemerke ich, dass manche Hosen-Fans schon bei allen sechs Auftritten dabei waren. Einer, ein sehr netter Kerl aus Flensburg, Mutter und Tochter aus Düsseldorf, aus Braunschweig ein Paar usw. Da lernen wir nach so langen Bühnenjahren kennen, was ein echter Fan ist.

 

Montag, 05. Dezember

Öha! Vor dem Schauspielhaus Polizeifahrzeuge! Ja, wos is denn dös? Schon lange vor der Vorstellung wieder Hosen-Gesänge und Lieder der Hosen vom Publikum intoniert. Die Hölle von Frankfurt hängt mir noch immer im Hinterkopf. Aber in einem überschaubaren Theater kommt alles ganz anders, und der Abend wird aus meiner Sicht der beste, ein toller Abschluss. Als Breiti das Gstanzl singt:
"Pest und Cholera sind überwunden,
vorbei ist auch die Menschheitsgeisl TBC,
aber im Landtag von Sachsn,
grassiert immer noch die NPD"
singt das Publikum minutenlang: „Nazis raus!“ Schon sehr beeindruckend ! Nach Programmende erfahren wir, dass in der Stadt nach dem Fußballspiel Cottbus gegen Dresden Straßenschlachten tobten und viele rechte Idioten dabei ihren Gesinnungsschwachsinn skandierten.


"bavarian handmade"

Anschließend ist nach dem Spielende von „Abvent“ Bescherung. Wir schenken den Hosen unsere echt „bavarian handmade“ Brummtöpfe, mit denen sie die letzten sieben Abende auf der Bühne waren und die mein Bruder Stofferl in schweißtreibender Arbeit zusammenbrummte. Die Zeit mit den Hosen war für uns wunderschön; wir (meine Brüder und der Gerhard) haben sie als unsere Brüder angenommen, sie sind in unserer Familie Vollmitglieder geworden. Oiso, Briada! Spezl, Respekt! Dankschee für de Superzeit! Hoffentlich bis bald!

Ein besonderer Dank geht auch an die hilfreichen Geister im Hintergrund. Wir durften festellen, dass wirklich alle von der Hosen-Crew sehr angenehme und sympathische Menschen sind.

Euer
Hans Well (Biermösl Blosn)

P.S.: Danke übrigens auch an die Hosen-Fans für ihre praktizierte Toleranz unserer bayrischen Soft-Rock-Volksmusik gegenüber!