"Ob das noch Punk ist...?"
17. April Düsseldorf -> Saarbrücken
Die erste Tourstation war: "Osnabrück". Ich habe es halt nicht so mit
Städtenamen, aber dafür erinnerte mich die Umgebung rund um die Saarlandhalle
verdammt ans Ruhrgebiet. Ich habe in Wanne-Eickel ja gerade meine Kneipe "Dr.
Faust" dicht gemacht, weil es einfach nicht mein Leben war, Tag für Tag hinter
der Theke zu stehen. Und deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, dass die
Jungs mal wieder auf Tour gehen wollten.
18. April 2002 Saarbrücken
'A'
Zum Start einer großen Tour suchen wir uns immer eine Halle aus, die man schon
einen Tag vorher anfahren kann, um noch einen Probentag zu haben. Und wir
trafen in Saarbrücken sofort auch unsere erste Vorband auf dieser Tour: "A" aus
England. Sehr nette Jungs, die auf der Bühne direkt mal richtig Gas gegeben
haben! Den Hosen merkte man eventuelle Nervosität auf der Bühne nicht an. Im
Gegenteil: Es überwog das Gefühl, "endlich wieder auf Tour zu sein". Und gut
durchtrainiert für die nächsten Wochen wirkten sie auch. Ich musste derweil in
der Saarlandhalle ungefähr 273 mal irgendeine Treppe hochlaufen. Dabei sage ich
doch immer: "Schwitzen ohne Grund - das ist nichts für mich!"
19. April 2002 Saarbrücken -> Zürich
Es ging mit dem Bandbus von "Osnabrück" über Straßburg nach Zürich. Ich erfuhr,
dass unser Backline-Chef Noppa in Saarbrücken von Campino auf der Bühne
zum "Mitarbeiter des Tages" ausgerufen worden war. Ich vermute, dass er sich
den Titel durch "unendlichen Fleiß und kompromisslose Unterwürfigkeit" verdient
hat. Das Konzert bestätigte wieder mal den ausgezeichneten Ruf, den Zürich bei
uns genießt. 12.500 im ausverkauften Hallenstadion feierten, bis der Arzt
kommt. T.V. Smith kam bei der Zugabe für zwei Stücke mit auf die Bühne: "Only
One Flavour" und "Gary Gilmore´s Eyes". Und nach dem Konzert war dann wieder
alles wie immer auf Tour. Die Jungs versammelten sich rund um mein Hotelbett. Muss ich
erwähnen, dass sie mein Zimmer wieder ruiniert haben?
20. April 2002 Zürich
Es ist immer wieder unglaublich, was die Jungs auf Tour an Sportgeräten
anschleppen! Es gibt regelrechte Wettbewerbe in den Disziplinen Billard,
Tischtennis, Inline-Hockey, Fußball und Backgammon. Und unser Reiseleiter Jens
Geiger trägt die Ergebnisse immer akribisch in sein Notebook ein. Es handelt
sich allerdings ausschließlich um Spiele, bei denen ich in gar keiner Liga
vertreten bin. Ihr erinnert Euch? Schwitzen ohne Grund - was soll das? Das ist
bei der Band anders, vor allem Andi spielt überall vorne mit. Nachdem ich das
Frühstück ausgelassen hatte, gab es abends ein gemeinsames Käse-Fondue mit der
Band und Tim Cross (dem Keyboarder von T.V. Smith, der den Jungs bei der
Aufnahme des aktuellen Albums im Studio geholfen hatte). Ich dachte, ich falle
tot um, als ich da ins Restaurant reingekommen bin. Es stank dermaßen nach
Käse, dass Manfred sich sicher war, dass da "alle ohne Schuhe" sitzen!
21. April 2002 Zürich -> Karlsruhe
9.000 Menschen in der Karlsruher Europahalle staunten, dass die Hosen mit einer
Spielzeit von zwei Stunden und 15 Minuten mittlerweile fast Qualitäten der 70er-
Jahre-Krautrock-Legende Grobschnitt besitzen. Allerdings nur, was die
Konzertlänge angeht. Vom Tempo her ist das bei den Hosen dann doch noch eine
andere Liga! Manfred vermeldete auch keinesfalls Dienst nach Vorschrift: "Im
Graben hatten wir alle Hände voll zu tun." Und traditionell schaute auch noch
ein Haudegen aus alten ZK-Zeiten vorbei. Fabsi war aus Bremen angereist, um die
After-Show-Party im Club "Cubus" zu organisieren.
22. April 2002 Karlsruhe -> Düsseldorf
Ich habe den freien Tag genutzt, um T-Shirts in Auftrag zu geben. Es wird auf
dieser Tour zwei unterschiedliche Aufdrucke geben: "Dr. Faust sagt: Kein Spaß
mit Drogen!" und "Dr. Faust sagt: Lüg mich nicht an!"
23. April 2002 Düsseldorf -> Münster
Endlich wieder in der alten Münsterlandhalle! Bei den letzten beiden Touren
hatten wir in einem Neubau nebenan gespielt, doch in der alten ist das immer
noch etwas anderes. Das Publikum hat sich schon lange vor dem Konzert mit
eigenen Songs eingesungen. Und die Band ließ sich offenbar von dieser Euphorie
anstecken. Ich hatte schon beim Soundcheck eine Gänsehaut bekommen, als ich
wieder mal "Mehr davon" von der "Horrorschau" live hören durfte. Sie haben es
dann tatsächlich nach 15 Jahren auch wieder in einem Konzert gespielt! Und
Campino ließ es sich dazu nicht nehmen, auf den Balkon zu klettern und von dort
in die Menge zu springen. Dafür bekam der Sänger von einem Fan ein T-Shirt mit
der Aufschrift "Netter, älterer Herr..." zugeworfen, das er kurz darauf auch
wirklich am Leib trug.
24. April 2002 Münster -> Düsseldorf
Ein freier Tag im Hotel in Düsseldorf - mit entspanntem Blick auf das
Hafenbecken. Die wollen hier wohl die Docklands nachbauen, so sind sie halt,
die Düsseldorfer! Wir Wanner sind da anders. Ich könnte schwören, dass es hier
kapitale Zander zu angeln gibt, würde da gerne mal meine Rute reinhalten.
Leider ist mein Angelkollege Wölli nicht mehr mit auf Tour. Manfred meinte über
den mal: "Der sitzt da immer nur so rum, hat gar keinen Haken dran - und macht
nur die Kühltasche leer!" Das mache ich eigentlich genauso. Ich grille aber
dabei auch noch.
25. April 2002 Düsseldorf -> Dortmund
Die Sonne schien, so dass die Jungs nach dem Soundcheck erstmal die Inline-Skates
anzogen. Zum Thema des Abends wurde diesmal der Fußball. Über "Wofür man lebt"
verriet Campino, dass er es sicherlich an einem Samstagabend geschrieben habe -
"nach einem Spiel von Fortuna". Und nur einen Steinwurf vom Westfalenstadion
entfernt erinnerte sich Campino, der ja, seitdem er 8 Jahre alt ist, auch
Hardcore-Liverpool-Fan ist, an "sehr gute Erlebnisse, die ich im vergangenen
Jahr mit Dortmund hatte". Er bezog sich auf das Endspiel um den UEFA-Pokal,
das Liverpool in Dortmund gewonnen hatte, und vor allem auf seine Reise mit dem
BVB an die Anfield Road. Dass er sich dann aber zum Ende des Konzertes kurz ein
Dortmund-Trikot überzog, das er vom BVB selber mit eigener Rückennummer überreicht
bekommen hatte, kam bei mir nicht so gut an. Ich bin Schalker.
Hinterher kletterte Campino dann auch noch auf der Lichttraverse über der Bühne
herum! Und dabei habe ich wirklich immer wieder Schiss um ihn. Mir wird ja schon
schwindlig, wenn ich auf eine Leiter steige, aber der Sänger muss ja gleich auf
zehn Meter rauf, ohne jede Absicherung und mit dem Mikrophon in der Hand. Er
versprach abschließend noch, dass er "Alles aus Liebe" auf der nächsten Tour in
perfektem Polnisch singen wird. In Polen gibt es nämlich die Band "Ich Troje",
die mit einer Coverversion von dem Hosen-Stück "sämtliche polnische Verkaufsrekorde
seit dem zweiten Weltkrieg" gebrochen hat. Ich werde ihn dann demnächst mal daran
erinnern, dass er sich um Sprachunterricht kümmert...
26. April 2002 Dortmund, 2. Tag
Der zweite Abend war genauso ausverkauft wie der erste. Damit wurden die Shows
in der Westfalenhalle von insgesamt 24.000 Menschen besucht! Und es waren auch
endlich einmal alle Schlagzeuger im Backstage vereint: Trini und Wölli schauten
vorbei und stießen mit Vom auf das Konzert an. Zum ersten Mal waren Dover aus
Spanien als Vorband mit dabei, die beim Publikum auch gleich gut ankamen. Ich
habe bei denen aber erstmal gedacht: Wo ist denn das verdammte Schlagzeug???
Und habe es dann irgendwann auf der rechten Bühnenseite entdeckt. Die bauen das
in Spanien schon sehr, sehr merkwürdig auf! Die Hosen sorgten dann noch für einen
Paukenschlag, als sie das Überraschungsstück "Armee der Verlierer" spielten. Das
war 1983 mein allererstes Lieblingslied von den Jungs, weil ich mich mit dem Text
vollkommen identifizieren konnte. Außerdem ist das ja damals die B-Seite der
"Bommerlunder"-Single gewesen. Und Sauflieder haben mich ja noch nie interessiert...
27. April 2002 Erfurt (abgesagt)
Im Tourbus hatten wir gestern - auf dem Weg nach Dortmund - aus dem Radio von
dem schrecklichen Amoklauf in einem Erfurter Gymnasium erfahren. Die Band sagte
daraufhin sofort das dort für den nächsten Tag geplante Konzert ab.
28. & 29. April 2002 Düsseldorf
Ich habe das Düsseldorfer Hafenbecken diesmal noch in Ruhe gelassen und
nicht geangelt, sondern erstmal zwei Tage lang selbst "den Fisch gemacht",
das heißt sehr viel geschlafen, sehr viel gegessen und sonst nichts.
30. April 2002 Düsseldorf -> Nürnberg
Dienstag morgen sind wir nach Nürnberg aufgebrochen. Rocco Clein war mit
seiner Kamera an Bord, weil er ein Video-Tagebuch für Viva zusammenstellt.
Und einen neuen Busfahrer hatten wir auch dabei, weil der alte nach einem
Hörsturz ausgefallen war. Die Grundregeln für einen Busfahrer lauten bei
uns: Er muss die Ruhe selbst sein und darf sich bloß nicht nervös machen
lassen! Diesmal blieb aber auch so alles ruhig: Im Bandbus gibt es insgesamt
sechs Betten! Und als wir um 17 Uhr an der Arena ankamen, mussten die Jungs
auch sofort rauf auf die Bühne - zu einem schnellen Soundcheck. Im Konzert
knüpften sie dann sofort wieder da an, wo sie in Dortmund aufgehört hatten.
Ich möchte sagen: wir haben Nürnberg gut gerockt!
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