Freunde des Hauses //
Bela B. - Teil 2

"Das wäre ja auch total langweilig,...""

"...wenn sich Hosen und Ärzte jetzt permanent zu Kaffee und Kuchen einladen würden..."

Interview mit Bela B., Schlagzeuger und Sänger der Band "Die Ärzte" (Teil 2) (im November 2003) (Fotos: Hot Action Records)

??? Farin Urlaub hat mal gesagt, dass die Hosen mehr Hymnen schreiben als die Ärzte...

Bela B.: Das hat sich geändert. Campino hat da in den letzten Jahren eine Entwicklung durchgemacht, und bringt jetzt auch sehr viel Persönliches in die Hosen-Musik ein. Er hat zum Beispiel den Tod seiner Mutter in einem Text thematisiert, was ich sehr bemerkenswert fand. Viele legen die Hosen aber nach wie vor auf die geballte Faust und das "Einer für alle, alle für einen"-Gefühl fest. Sie sind allerdings auch für mich nach wie vor die Band, die den Onkelz in diesem Bereich und in der Größenordnung Paroli bieten können.

??? Zur vielzitierten Rivalität zwischen Ärzten und Hosen: Habt Ihr Euch damals wirklich geprügelt?

Bela B.: Die Wahrheit ist ja immer subjektiv. Wir haben uns geprügelt, aber es war eher eine Spaß-Prügelei. Da waren zwei Flaschen Wodka im Spiel. Und ein Wutausbruch von Campino war der Auslöser. Der war mir aber auch nur überliefert worden. Ich stand da einfach bei einem Konzert, die Suurbiers haben im Vorprogramm der Hosen gespielt. Und ich war über die Suurbiers-Gästeliste reingekommen. Campino soll daraufhin angeblich ausgerastet sein. Zu dem Zeitpunkt waren die Ärzte so ein bisschen die Hassfiguren der Szene. Weil Campi und ich uns aber schon eine Weile kannten, bin ich backstage gegangen und habe Wodka mitgebracht. Den haben wir dann nach dem Konzert vernichtet. Und dann haben wir uns trotzdem mitten im Winter vor dem Ballhaus Tiergarten geprügelt. Campino hat gesagt: "Zwei Ärzte gegen mich, das ist ungefähr fair." Das haben wir dann auch gemacht, Sahnie und ich.

??? Der Ausgang war aber nicht ganz so erfolgreich für Euch?

Bela B.: Wir sind dabei sowieso die ganze Zeit nur am Boden rumgeschlittert, wegen dem Glatteis. Ich weiß noch, dass es dann noch ein Geplänkel zwischen Andi und mir gab, und dass ich noch einen Tritt bekommen habe, als ich schon am Boden lag. Eine Viertelstunde später hat mir Andi aber auch schon wieder ein Bier in die Hand gedrückt. Ich hatte auf jeden Fall am anderen Tag ein fettes, blaues Auge von dieser Schlägerei. Es ist aber immer ein bisschen mehr draus gemacht worden, als wirklich los war. Ich denke jetzt aus der Weisheit des Alters heraus, dass das manchmal auch dankbar von uns aufgenommen wurde: Uns sind danach irgendwelche abfälligen Sprüche von Campino über die Ärzte immer mit totalem Hass überliefert worden. Und umgekehrt lief das bestimmt genauso. In dem damaligen Kontext von Punk-Rock und In-besetzten-Häusern-rumhängen, da hat es öfter blaue Augen gegeben. Nur bei uns findet das eben immer wieder in der Presse statt.

??? Im Interview mit dem Stern hast Du gerade erst erzählt, dass das eine Rivalität gewesen sei, die der Manager der Hosen geschürt habe...

Bela B.: Ich weiß, dass Jochen Hülder damals in uns eine Konkurrenz gesehen hat. Deshalb war ihm das ganz recht, dass wir plötzlich in der Punk-Szene ein komisches Image hatten. Er hat sich tatsächlich auch eine Zeit lang bemüht, uns für sein Label zu gewinnen. Ich hatte damals das Gefühl, er wollte uns mit der Macht, die ihm zur Verfügung stand, Steine in den Weg legen. Schuld waren wohl aber die Umfelder von beiden Bands. Uns haben nach der "Prügelei" auch befreundete Punks aus Düsseldorf angerufen, dass die Hosen in der Uel damit angegeben hätten, dass sie uns die Fresse poliert haben. Da ich mittlerweile aber sogar mal mit Andi in nem Urlaub abgehangen habe, weiß ich, dass er nicht der Typ ist, der mit so was hausieren geht.

??? Also herrscht zur Zeit Friede, Freude, Eierkuchen zwischen Ärzten und Hosen?

Bela B.: Die Konkurrenz zwischen unseren Bands muss es immer irgendwie geben. Das wäre ja auch total langweilig, wenn die Hosen und die Ärzte jetzt die allerbesten Freunde wären und sich permanent zu Kaffee und Kuchen einladen würden. Farin Urlaub würde mal ein Lied für die Hosen und Campi mal ein Lied für die Ärzte schreiben. Das wäre ja totaler Blödsinn! Dieses aneinander Reiben und auch dieses gegenseitige Beobachten, das macht ja auch irgendwie Spaß. Das hat es bei den Beatles und Stones, selbst schon bei Frank Sinatra und Elvis Presley gegeben. Das ist eine ganz gesunde Angelegenheit, die zu 70 Prozent aus Respekt voreinander besteht – und von den restlichen 30 sind mindestens 15 auch einfach der Spaß, sich hin und wieder gegenseitig zu verarschen. Wenn ich mal in einem Interview etwas sage, ist das ja immer ironisch oder zynisch gemeint; verletzten tun wir uns damit schon lange nicht mehr.

??? Die Grenzen zwischen Ärzten und Hosen verlaufen mittlerweile ohnehin fließend, wenn man nur sieht, mit wem Ihr so zusammenarbeitet. Kiki und Casi machen das Booking für beide Bands, Elmar Packwitz gibt jeweils den Stage-Manager, Manfred Meyer die Security, Olaf Heine hat diverse Video-Clips verantwortet und selbst beim Catering gibt es eine weitere Schnittmenge, die Rote Gourmet Fraktion. Wer betreibt da eigentlich bei wem Werksspionage?

Bela B.: Als wir uns 1988 gerade aufgelöst hatten, habe ich in einer Zeitschrift einen Tourbericht der Hosen gelesen, und da gab es ein großes Foto von den Hosen mit ihrer Crew. Und diese Crew bestand zu 50 Prozent aus Leuten, die vorher mit uns auf unserer letzten Tournee gewesen waren. (Anmerkung d. Red.: noch heute streiten sich beide Parteien, wer bei wem wann und womit zuerst gearbeitet hat.) Da habe ich in meinem jugendlichen Wahnsinn echt gedacht: Mann, die kopieren uns! In Wahrheit war das eine schlaue Entscheidung, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die schon mal drei Monate mit den Ärzten unterwegs waren. Deshalb macht Kiki umgekehrt jetzt auch seit zwei Jahren unser Booking. Das ist eine absolute Vertrauenssache, da geht es ja auch um Geld. Und wenn die Hosen einer Firma so lange die Treue gehalten haben, dann ist es sicher kein Fehler, mit KKT zu arbeiten. Dass Kiki nicht unser Tourbegleiter werden würde, war von vorneherein klar. Übrigens hat Kiki Casi durch mich kennengelernt. Die Rote Gourmet Fraktion hat wiederum zuerst für die Ärzte gearbeitet, jetzt arbeiten sie auch für die Hosen und für tausend andere Leute. Jeder will doch letztendlich Geld verdienen und möglichst viel Spass haben dabei – und es gibt in Deutschland doch kaum Bands, die so ausführlich touren wie die Hosen oder Ärzte. Dann ist es doch cool, dass wir uns die Mitarbeiter teilen.

??? Im Ox-Fanzine hast Du mal gesagt, dass "komischerweise die Bands, für die wir uns interessieren, hinterher immer mit den Hosen auf Tour gehen"...

Bela B.: Das ist aber nicht wirklich so. Andi hat mir schon mal CDs von Bands geschenkt, von denen ich noch nie gehört hatte, zum Beispiel von der französischen Punk-Band "Marouse", mit denen sie auf Tour waren. Die Hosen haben schon viel früher als wir mit ausländischen Bands gespielt, um im Austausch dann in deren Ländern auf Tour gehen zu können. Wir haben zum Teil sehr schlechte Erfahrungen mit amerikanischen Bands gemacht. Eine Band, die ich aber super gerne bei uns mit dabei gehabt hätte, waren Social Distortion, nur waren wir zu der Zeit ihres letzten Albums einfach nicht auf Tour. Da sind die mit den Hosen mitgefahren. Das hat mich halt angepisst, weil das eine meiner absoluten Lieblingsbands ist. Da bin ich dann nach Wolfsburg gefahren und habe mir das Konzert von beiden Bands angeguckt. Und das endete dann auf Wöllis Hotelzimmer mit Mitgliedern beider Bands…

??? Auf Eurem neuen Album "Geräusch" gibt es das Stück "Als ich den Punk erfand". Ein neuer Nadelstich gegen Düsseldorf?

Bela B.: 1998 hatte ich den Song "Punk ist…" geschrieben. Und das war tatsächlich eine Abrechnung mit der Vergangenheit. Es gab in den 80ern ja wirklich einige Interviews mit Campino, in denen der gefragt hat, was an den Ärzten denn Punk sei: "Wo kommen die denn her? Die haben doch gar keine Punk-Vergangenheit." Da hat er sich seinerseits einige Male weit aus dem Fenster gelehnt. Da habe ich dann in "Punk ist…" ein paar Zeilen eingebaut, die sich darauf bezogen, was Campino für die Punk-Bewegung geleistet hat: "Besoffen Lieder grölen vom Tresen / und nur 77 ist echt gewesen!" Diese Zeilen waren eindeutig Campino gewidmet. Das neue Stück hat aber nichts mit Düsseldorf zu tun. Da können sich Leute angesprochen fühlen, die immer noch im Untergrund leben und uns für Kommerzschweine halten, die wir auch sind (lacht).

??? Die Hosen haben im letzten Jahr bei ihrem Konzert auf Helgoland "Westerland" gecovert. Wie hast Du davon erfahren?

Bela B.: Da hat mich Jörg von der Roten Gourmet Fraktion angerufen und einfach nur sein Handy hochgehalten. Und ich habe unser Stück sofort erkannt. Das ist als Kompliment an die Hosen zu werten!

??? Spielen die Ärzte im Proberaum auch mal Hosen-Songs?

Bela B.: Wir haben mal ein Benefizkonzert für das Tempodrom in Berlin gespielt. Vor uns ist eine ziemlich üble Band aufgetreten, und viele Leute hatten deshalb das Zelt verlassen. Und da haben wir als Eröffnungssong spontan "Hier kommt Alex" gespielt. Das war natürlich supergeil, weil sehr viele Leute reinkamen, und dachten, die Hosen würden spielen. Und dann haben sie uns gesehen und gesagt: "Das sind ja die Ärzte, auch gut!" Seitdem wird "Hier kommt Alex" immer wieder mal von uns angespielt, oder wir bauen es in einen anderen Song ein. Dabei ist das aber noch nicht mal mein Lieblingslied von den Hosen...

??? Welches Stück ist Dein Favorit?

Bela B.: Ein wirkliches Aha-Erlebnis hatte ich – angesichts der Pogrome in Rostock – bei "1000 gute Gründe". Das habe ich zu der Zeit eines Morgens im Radiowecker gehört. Und empfand das als ein viel deutlicheres, intelligenteres Lied als "Sascha...". Es war natürlich fast schon ein bisschen zu intelligent, um von den gewissen Einzellern, an die es gerichtet war, verstanden zu werden (lacht). Ausserdem muss man "Willkommen in Deutschland" unbedingt dazu zählen. Es gibt eigentlich auf jeder Hosen-Platte Stücke, die ich richtig gut finde. "Liebeslied" fand ich damals auch richtig gelungen. Ich bin allerdings kein großer Fan von den Coverversionen, die die Hosen machen. Das ist auch noch ein weiterer Unterschied zwischen den Hosen und den Ärzten: Sie spielen Songs in der Regel nur nach, so dass sie fast wie das Original klingen. "Cocaine In My Brain" war jetzt eine Ausnahme. Wenn wir eine Coverversion spielen, versuchen wir immer etwas völlig Anderes daraus zu machen.

??? Was war das wichtigste Hosen-Album für die Ärzte?

Bela B.: Das komplette "Opel-Gang"-Album war ein wichtiger Moment für Farin und mich. Da haben wir in unserer gemeinsamen Wohnung zusammen vor der Stereoanlage gekniet und uns das ganze Album angehört. Die Hosen gab es ja damals schon ein halbes Jahr länger als uns, wir hatten gerade unsere erste Single raus, und da haben wir gedacht: "Wir hätten gerne auch so ein druckvolles Album!"

??? Welches Hosen-Stück hat Dich jemals am meisten genervt?

Bela B.: Was ich echt blöd fand, obwohl das Video gut gemacht war, das war "10 kleine Jägermeister". Ich habe damals gedacht: "Mann, Ihr habt Euren Bommerlunder, da muss man nicht noch mal einen Aufguss von machen!" Auf der anderen Seite ist das wirklich ein Song, der live extrem gut funktioniert, wie ich selbst erlebt habe. Und warum sollen die Hosen auch verschweigen, dass sie aus dieser Ecke kommen? Da stehe ich dann in einem Hosen-Konzert eben ziemlich allein, wenn ich sage, dass ich den Song scheiße finde (lacht). Der hat mich auch so genervt, weil das eine Nummer-eins-Single war, und das Video permanent im Musikfernsehen lief: Und wenn man das Radio anmachte, war da auch immer dieser Song. Da freust du dich über jede verzerrte Gitarre im Radio und dann kommt ausgerechnet dieses Lied! Aber über Geschmack kann man nun mal prima streiten.

??? Wie gelingt es Euch, Euer Privatleben aus den Medien rauszuhalten?

Bela B.: Es hat da ein paar kleinere Versuche gegeben, als ich in den 80er Jahren etwas mit einer sehr bekannten Sängerin aus den USA hatte. Wenn sich aber einer von uns im Alkohol- und Koks-Wahn sabbernd auf einem Hotelflur rumkugelt, wäre wohl niemand überrascht. Die würden sagen: Der spielt doch bei der Band, das ist doch ganz normal! Weil wir nicht ganz so moralisierend in der Öffentlichkeit da stehen, sondern eher selbstironisch mit uns umgehen, kann man uns auch keinen Strick daraus drehen. Die Leute, die solchen Gossip-Kram in der Bild-Zeitung lesen, die wollen ja nur wissen: Den Reichen da oben geht es auch schlecht. Und in unserem Fall ist das für die Leute einfach nicht interessant genug, weil wir eh machen, was wir wollen.

??? Warum haben sich die Hosen nie aufgelöst, obwohl es auch nicht immer problemlos ablief in der Bandgeschichte?

Bela B.: Das war sicher dieser Gang-Gedanke, dieses "Einer für alle"-Ding. Wir waren bei unserer Auflösung Mitte 20 und haben nicht damit gerechnet, dass jetzt noch mehr kommen würde. Wir wollten gucken, was wir sonst noch so hinkriegen. Kuddel und Campino haben schon bei ZK zusammen gespielt. Ich weiß nicht, ob die sich auch schon aus dem Kindergarten kennen (lacht). Eine Trennung von den Beiden kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Ich sehe das so: Während Kuddel der Traumgitarrist ist, der für seine Gitarre lebt, ist Campino der Energiebolzen. Meiner Auffassung nach braucht Campino jemanden, der seine Ideen instrumental artikuliert, und Kuddel ist einer, der jemanden braucht, der den Funken zündet. In den 80ern ist Kuddel auch irgendwo mal als Studiogitarrist aufgetaucht. Das fanden wir schon sehr beeindruckend.

??? Die Schlagzeuger-Frage für den Schlagzeuger: Was fällt Dir zu Trini, Wölli und Vom ein?

Bela B.: Trini war definitiv ein Punk-Rock-Schlagzeuger. Der war einfach in der Band, weil er ein Kumpel war. Ich habe ja sogar noch den frühen Hosen-Gitarristen Walter live gesehen – und das war ja das Konzept der Hosen: "Wir sind eine Bande". Da kann auch ein Gitarrist auf der Bühne stehen, der beim ersten Song sein Kabel rausreißt und trotzdem bis zum Ende seine Show macht! Und dazu gehörte eben auch ein Schlagzeuger, der wirklich überhaupt nicht spielen kann (lacht). Wölli kannte ich schon länger. Der hat nach mir bei Frau Suurbier gespielt. Und die Hosen haben immer bei ihm übernachtet. Wölli war immer der ganz gerade Rock´n´Roll-Drummer, von dem ich mir auch ein paar ideelle Sachen abgeguckt habe.

??? Wie würdest Du seinen Stil beschreiben?

Bela B.: Er hat immer sehr straight gespielt, und das habe ich mir selbst auch als Leitlinie genommen. Was Wölli machte, war eben in erster Linie Rock, ohne das ganze Gefuddel darum. Das war eher so Phil-Rudd-mäßig: Einer, der hinten an der Maschine saß und den Beat gehalten hat wie der alte AC/DC-Schlagzeuger. Den Wechsel zu Vom fand ich jetzt aber auch sehr gut, ohne Wölli zu nahe treten zu wollen – aber die Hosen haben jetzt tatsächlich mehr Drive bekommen. Vom ist ein irre schneller und präziser, guter Schlagzeuger, der irgendwie das totale Feuer versprüht. Es ist ja genauso, wenn Vom irgendwo auftaucht. Wenn der uns auf einem Ärzte-Konzert besucht, dann dauert das doch keine zehn Minuten, da hängt der auf irgendeinem drauf (lacht). Der springt rum wie ein Flummiball und irgendwann sehen wir alle seinen Pimmel eine Zigarette rauchen. Die Drummer haben bei den Hosen immer gut gepasst, und Wölli – da ist wieder dieses Gang-Ding – ist ja nach wie vor bei vielen Konzerten zugegen.

??? Ihr steht seit über 20 Jahren auf der Bühne, Du leidest zumindest schon mal unter Tinnitus - wie lange wird es die Ärzte Deiner Meinung nach noch geben?

Bela B.: Ich habe keine Angst vorm Aufhören. Ich habe eine ziemlich genaue Vision, wie man weitermachen kann. Ich mag ja auch so Las-Vegas-Sachen, und mir hat auch das deutlich glamourösere Auftreten von Johnny Thunders kurz vor seinem Tod besser gefallen als die Sex-Pistols-Reunion vor ein paar Jahren. Von daher kann man Musik wohl auch einigermaßen stilvoll noch eine ganze Weile weitermachen. Gestern bin ich tätowiert worden, und im Tattoo-Studio lag ein "Rock Hard" rum. Da habe ich ein Interview mit Slayer gelesen, und Jeff Hanneman hat gesagt: "Wenn ich irgendwann nicht mehr so aussehe, wie meine Musik klingt, dann werde ich nicht mehr auf die Bühne gehen." Das ist ein interessanter Ansatz, über den ich noch nachdenken will. Slayer sind jetzt nicht unbedingt bekannt dafür, die intelligenteste Band der Welt zu sein, aber vom Ansatz her fand ich das ganz gut. Das Auge rockt ja immer mit (lacht).

??? Schaut Ihr da auch mal bei älteren Bands, wie die das Problem gelöst haben?

Bela B.: Es gibt so einige Punk-Bands von ganz früher, bei denen es mir persönlich weh tut, die heute noch auf der Bühne stehen zu sehen. Da sind Campino und ich allerdings komplett anderer Meinung. Ich denke, die können ihre alten Songs zwar immer noch einigermaßen adäquat spielen, aber das macht mich nicht mehr so an. 999 möchte ich eigentlich nicht mehr live sehen. Da komme ich mir vor wie auf einer Suzy-Quatro-Rubettes-Oldie-Veranstaltung. Die Stones schau ich mir ja auch nicht an. Ich will diesen Keith Richards heute einfach nicht mehr sehen!

??? Gibt es gar keine positiven Gegenbeispiele?

Bela B.: Zu Blondie würde ich hingehen, die habe ich noch nie live gesehen. Farin hat mal gesagt, dass er hofft, dass seine Freunde zuverlässig genug sind, ihm den Zeitpunkt zu sagen, wenn es peinlich wird. Da müssen wir uns wohl alle drauf verlassen. Bei den Hosen ist das ja ganz gut geregelt: Die haben ja genug Freunde (lacht). Campino wird sicherlich, wenn er jetzt sein Kind hat, sein Leben auch mal überdenken. Das ist übrigens auch ein weiterer schöner Crossover-Effekt, dass seine Freundin Karina schon 1993 in unserem Video von "Mach die Augen zu" mitgespielt hat.

??? Immer wieder kommt von den Fans beider Bands die Frage, ob es nicht mal ein gemeinsames Stück von Ärzten und Hosen geben könnte. Für Dich vorstellbar?

Bela B.: Aus Ärzte-Sicht kann ich sagen, dass alles vorstellbar ist, was wir noch nicht gemacht haben. Unser einziges Dogma ist, dass wir uns nicht wiederholen wollen. Mal abgesehen von Themen in unseren Songs, die sich natürlich wiederholen, möchten wir spezielle Aktionen nicht ein zweites Mal machen. Als St. Pauli damals zu uns kam und fragte, ob wir denen einen Spieler kaufen wollen wie die Hosen für Fortuna, da haben wir gesagt: Warum sollen wir das auch noch machen? Ich glaube, dass so ein gemeinsames Stück auch ein ziemlicher Bringer wäre.

??? Was muss passieren, damit Ihr zusammen ins Studio geht?

Bela B.: Es muss nur der richtige Moment sein, das richtige Treffen, wie es die Hochzeit von Campinos Schwester war, wo Farin und Campino zum ersten Mal wieder über gemeinsame Konzerte gesprochen haben. Ein halbes Jahr später haben wir zusammen gespielt. Warum dann nicht auch ein Song? Ich würde es auch als Fan geil finden, nach so vielen Jahren, gerne auch inhaltlich über unsere Rivalität. Der Song "Du bist nicht allein" auf unserer neuen Platte klingt ja auch mehr nach den Hosen als viele Stücke von den Hosen selbst aus den letzten Jahren. Die Chöre sind eindeutig Hosen-beeinflusst.

??? Warum habt Ihr eigentlich im Jahr 2000 die zwei Konzerte zusammen gespielt - als "Die Zu Späten" und "Essen auf Rädern" im SO36 und Tor 3?

Bela B.: Das war, um endlich mal einen Punkt zu setzen. Hosen- und Ärzte-Fans, guckt mal, wir spielen sogar zusammen Konzerte, so schlimm kann unsere angebliche Feindschaft nun wirklich nicht sein!

??? Was würdest Du Dir abschließend von den Hosen wünschen?

Bela B.: Als Fan würde ich gerne noch einmal ein paar ganz simple Punk-Rock-Nummern von den Hosen hören. Zwei Minuten und ab dafür. Hymnenchorus... die AC/DC des Punkrock. Ich denke, da werde ich nicht all zu lange drauf warten müssen!

Hier geht's zurück zum ersten Teil des Interviews mit Bela B.!


Mehr über Bela B. und Die Ärzte:

Homepage der Ärzte: www.bademeister.com
Homepage von Bela B.: www.bela-b.de

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