"Zurück zur Helvetica"
Interview mit Dirk Rudolph, Cover-Designer von "Zurück zum Glück" (im November 2004)
??? Du hast schon Cover für Such A Surge, Krupps, Philipp Boa, Rammstein und Element Of Crime entworfen. Welche Rolle spielt für dich das Image einer Band?
Dirk: Davon wird man natürlich unterbewusst beeinflusst. Wenn sich eine Band schon
in irgendeinem Bereich etabliert hat, wäre es auch Quatsch, alles
umzukrempeln und zum Beispiel zu sagen: Ihr werdet jetzt auf hart getrimmt.
Es würde keinen Sinn machen, wenn Element Of Crime plötzlich nur noch
Slacker-mäßig mit zerschlissenen Jeans und fettigen Haaren rumliefen. Ich
versuche als Grafiker adäquat auf die einzelnen Musiker zu reagieren. Dass
man sich ein neues Image zimmert, kommt eher im Popsternchen-Bereich vor.
Bei eigenständigen Musikern ist das schwieriger. Image ist natürlich auch
immer ein schwammiger Begriff. Ist das die Musik, sind das die Videos? Das
hat natürlich ganz viele Facetten.
??? Wenn du jetzt mit einer neuen Bands arbeitest, welchen Wissensstand brauchst du dann über die?
Dirk: Ein Baustein ist sicherlich: Was hat die Band vorher gemacht? Der nächste:
Wie klingt das, was sie vorher gemacht haben, und wie das, was sie gerade
machen? Der dritte: Wie ist der neue Albumtitel und in welche Richtung geht
es? Da fließt dann ein, was man von der Band schon früher mitbekommen hat
und was sich aus Gesprächen mit den einzelnen Musikern ergibt. Man
erarbeitet sich sozusagen ein neues Bild von der Band, wobei mir "arbeiten"
etwas zu angestrengt klingt. Ich verlasse mich eigentlich immer auf mein
Bauchgefühl.
Cover by Dirk Rudolph: Blackmail - Friend Or Foe?
??? Was macht deine Technik aus? In deinem Kunstbuch "Spark" sieht man, dass meistens Fotografien die Grundlage bilden.
Dirk: Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass ich mich als Zeichner nicht
besonders hervor tue (lacht). Ich habe schon früher viel fotografiert, auch
Bandfotos gemacht. Deshalb ist das Foto auch heute noch der Ausgangspunkt
meiner Arbeit, zu fast 90 Prozent. Der Film, der bei mir im Kopf abläuft,
startet an diesem Punkt. Was ich außer dem Fotografieren schon auch sehr
gerne mache, ist Gespritztes, Gesprenkeltes oder Geschmiertes, also eher
rohe Sachen. Um erkennbar illustrativ zu werden, müsste ich mit Zeichnern
zusammen arbeiten. Und wenn ich mit anderen Fotografen zusammenarbeite,
versuche ich schon vorher eine ungefähre Vorstellung zu entwickeln. Sonst
kriegt man im Zweifelsfall so originelle Motive geliefert wie: Musiker im
Kino, Musiker im Café oder Musiker vor der Wand.
??? Du verwendest außerdem auch spezielle Drucktechniken. Wie ist der Schriftzug
der Single "Ich bin die Sehnsucht in dir" entstanden?
Dirk: Schriften entstehen mit Pinsel, Stift, Kleber oder auch mal mit dem
Computer. Dieser Schriftzug ist zum Beispiel handgemalt. Jeder Buchstabe ist
mit Pinsel auf einen Din A4-Bogen gezeichnet, dann einzeln eingescannt und
zusammengesetzt worden. Bei der Live-DVD bestehen die Buchstaben aus
Packklebeband; jeder Buchstabe ist mit einem Packkleberoller auf Din
A4-Papier "geschrieben" worden. Bei "Zurück zum Glück" ist es eine ganz
normale Satzschrift, die es im Computer gibt. Hier sind dafür die
Farbkleckse ein handgemachtes Element. Und es passiert dann eben relativ
häufig, dass ich eine Montage aus diesen analogen Elementen und digitalen
Bildern anfertige.
Campino-Schablone: Das "Friss oder stirb"-Cover
??? Wie baut man sich eine Campino-Schablone, wie du sie für die Single "Friss oder stirb"
verwendet hast?
Dirk: Wir haben ein Foto von Campino genommen, dieses verhärtet und dann am
Rechner nachgezeichnet. Die entstandene Schablone ist dann ausgedruckt,
ausgeschnitten und gesprüht worden. Und das Ergebnis haben wir dann
eingescannt, um das Cover fertig zu machen. Die Schablonentechnik ist durch
die Streetart zuletzt wieder sehr populär geworden, findet sich sogar in
Galerien wieder, aber eigentlich hat sie eine ganz lange Tradition. Ich
finde das aber durchaus schön, dass sich damit jetzt auch auf der Straße
ausgedrückt wird. Und natürlich ist auch das Grafik-Design über die Jahre
immer wieder aktuellen Trends unterworfen. Mal ist es chaotisch-wild wie bei
David Carson, mal ist es wieder sehr sachlich, zurück zur Helvetica.
??? Wer waren deine Vorbilder im Grafik-Design?
Dirk: Aubrey Powell und Storm Thorgerson von Hipgnosis, die in den 70er Jahren
sehr konzeptionelle Cover-Geschichten für große Rock-Bands gemacht haben,
auch immer auf Fotos basierend. Da gibt es zum Beispiel das fantastische
Cover zum Pink-Floyd-Album "Alarms", das ich übrigens noch nie gehört habe.
Die haben die Battersea Power Station in London genommen und zwischen den
Türmen ein aufblasbares rosa Schweinchen in die Luft steigen lassen. Sie
haben damals eine unglaubliche Vielfalt an surrealen Bildideen geschaffen,
und dabei lief das damals alles noch komplett analog, also das ganze
Überblenden, Schneiden und Fotografieren. Klasse finde ich auch nach wie vor
alle Arbeiten von Vaughan Oliver, der sehr viel für die Pixies gemacht hat.
Cover by Vaughan Oliver: The Pixies - Doolittle
??? In den 70er Jahren erschienen die Alben noch ausschließlich auf Vinyl.
Hättest du manchmal gerne auch etwas mehr Platz für deine Arbeiten zur
Verfügung?
Dirk: Ich würde mir natürlich wünschen, dass die Plattenindustrie damals nicht auf
die Idee gekommen wäre, die CD in einem Jewel-Case zu verpacken. Es müsste
für mich aber auch gar nicht so viel Fläche wie bei der LP-Hülle sein. Ich
würde mir ein 10-Inch-Format mit Buch-Charakter wünschen, also etwa 25 mal
25 Zentimeter. Das wäre eine handliche Größe. Was ich bei der CD wiederum
sehr schön finde, ist das Booklet. Dadurch hat man die Möglichkeit, mehr
Bilder und Bildinformationen unterzubringen als das früher der Fall war.
Früher setzte sich eine Platte ja meistens aus zwei Bildern zusammen: aus
der Vorder- und der Rückseite.
??? Ein gut gemachtes Booklet gilt heutzutage sogar als Kaufargument für eine CD.
Dirk: Da der Mensch für mich nach wie vor ein Jäger und Sammler ist, glaube ich
daran, dass Fans das Produkt in der Form im Schrank stehen haben möchten,
wie es von der Band autorisiert wurde. Es wird aber sicher auch immer Leute
geben, die damit begnügen, das Ganze billig herunterzuladen. Im Vordergrund
steht allerdings zum Glück immer noch die Musik. Wenn die Band keinen
interessiert, dann reißt das ein aufwendiges Digi-Pack auch nicht raus. Wenn
man aber eine Band ist, die bereits viele Fans hat, scheint es mir der
richtige Weg zu sein, eine wertige Verpackung anzubieten. Für 15 Euro darf
auch ruhig mal was geboten werden.
Cover by Dirk Rudolph: In Extremo
??? Wie bist du eigentlich zur Musik als dein bevorzugtes Thema gekommen?
Dirk: Ich habe mit 12 Jahren angefangen zu fotografieren und 1979, 1980 im
Zeitalter von Punk und New Wave eine kleine Band gegründet. Da habe ich dann
auch mal ein Fanzine gemacht und für befreundete Bands Kassettenhüllen
gestaltet. Wir haben außerdem Platten aus England importiert, Touren für die
Television Personalities oder The Jesus & Mary Chain organisiert und
zusammen mit einem Hagener Independent-Plattenladen Bootlegs herausgebracht.
Weil der Plattenladen bei allen Vertrieben Schulden hatte und die ihm nichts
mehr ausbezahlt haben, gehörte mir plötzlich ein Viertel von dem
Plattenladen.
??? Hast du damals auch weiter selbst Musik gemacht?
Dirk: Die Bands, an denen ich im Laufe der Jahre beteiligt war, hießen Fenton
Weills, Die sauberen Drei oder Tag der Milch. Ein Kumpel von mir hat 1983,
1984 ein Konzert mit den Toten Hosen in unserem Heimatort Altena in
Westfalen organisiert, also in der absoluten Frühphase. Da haben wir dann
mit den "sauberen Drei" im Vorprogramm gespielt, aber ich kann mich nicht
mehr daran erinnern. Ich habe die Hosen aber sogar noch früher live auf der
Bühne gesehen; da galten sie noch als die Nachfolgeband von ZK. Wir sind
damals zu zweit nach Düsseldorf gefahren, das angekündigte Konzert fand dann
aber in Neuss statt. Und ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass wir
zusammen mit Jochen Hülder in irgendeinem Bus hingekarrt wurden.
Cover by Dirk Rudolph: Cortizone - Selling Out For The Sucker
??? Wie bist du vom Plattenladen aus im Grafik-Design-Büro gelandet?
Dirk: Ich hatte für unser kleines Label mal hier ein Etikett, mal dort ein
Tourposter entworfen. Und irgendwann stand dann Philipp Boa, der auch aus
Hagen stammte, bei uns im Plattenladen und fragte mich, ob ich nicht seine
neue Single gestalten wolle. Zum Glück hat er dann ein Jahr später einen
Plattenvertrag bei der Polydor bekommen und dann ging es darum, ein
Album-Cover zu entwerfen. Das habe ich natürlich gemacht. Und plötzlich gab
es auch Geld dafür. Ich habe dann parallel noch eine Ausbildung zum
Siebdrucker gemacht. Und als die Siebdruckerei pleite machte, habe ich mich
1989 selbständig gemacht.
??? Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit den Hosen?
Dirk: Mein Kontakt war zuerst vor allem Andi. Bei der "Reich & Sexy II" gab es
damals bereits eine Grundidee, das Gursky-Foto mit den 100 nackten Frauen.
Meine Arbeit bestand also zunächst eigentlich nur aus dem Grafik-Design.
Dann habe ich mit Andi telefoniert, und er meinte, dass er sich mal etwas
Gesprühtes vorstellen könnte. So entstand dann plötzlich das Cover für die
"Friss oder stirb"-Single. Und auch vor der "Zurück zum Glück" gab es keine
grundsätzliche Richtungs- und Findungsphase. Da haben wir wieder nach einem
Telefonat kurzfristig eine alte Idee aufgegriffen. Es hat einfach
funktioniert, und was ich machen wollte, traf offenbar auch den Nerv der
Band. Das war also ein geradliniger Prozess ohne zu viel Herumgeeiere.
Cover by Dirk Rudolph: Pia Lund - Gift
??? Wie sieht so etwas bei anderen Bands aus?
Dirk: Element Of Crime haben zum Beispiel auch einfach gesagt: "Mach mal!" Da habe
ich dann eine komplette Fotoproduktion durchgezogen, ohne dass wir vorher
darüber gesprochen hätten - und es hat ihnen hinterher gefallen. Ich habe
aber auch schon die absurdesten Argumente gehört, wenn ich den Nerv nicht
getroffen hatte. Spitzenreiter auf diesem Gebiet sind die Scorpions. Da
wurde für unser Meeting nicht nur ein Konferenzraum im Hyatt Hotel
angemietet, sondern da lagen dann auch 60 Entwürfe rum. Die sind aber
trotzdem nicht fündig geworden, haben alles noch mal mit einem
Kunstprofessor durchgekaut - und der hat ihnen dann einen meiner Entwürfe
empfohlen. Plötzlich fanden dann auch die Scorpions diesen Entwurf
weltklasse und bei mir hat kurz darauf das Telefon geklingelt.
??? Zum Abschluss: Was sind deine drei Lieblings-Platten-Cover aller Zeiten?
Dirk: Pink Floyd: "Alarms", Joy Divison: "Unknown Pleasures" und The Pixies: "Doolittle"
Mehr über Dirk Rudolph:
Homepage: www.dirkrudolph.de
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