"Campino hat früher immer am Mikrophon vorbei gesungen"
Interview mit Jürgen Engler, Sänger von Male und den Krupps (im Januar 2004)
??? Male gelten als die erste deutsche Punk-Band. Wie alt warst Du bei Eurem ersten Auftritt
im März 1977?
Jürgen Engler: Ich war 16 und ging noch zur Schule. Die anderen Bandmitglieder waren
sogar noch ein, zwei Jahre jünger als ich. Wir haben bei einem Schulkonzert hier in Düsseldorf
dann auch gleich mal eine Deutschland-Fahne verbrannt. Wir hatten ja ein Anliegen, das war ja
nicht nur die Musik. Wir wollten die Leute wachrütteln und zeigen, dass wir gegen den Staat sind.
Das wurde dann immerhin so ernst genommen, dass der Hausmeister mit zwei Eimern Wasser in die Aula
geflitzt kam, weil er den Parkettboden retten wollte (lacht).
??? Wie habt Ihr Euch damals für den Auftritt angezogen?
Jürgen Engler: Wir sind in der Anfangsphase eigentlich immer in alten, zerlumpten Jeans
rumgelaufen - sahen also wie eine Mixtour aus erster Ramones-LP und Sex Pistols aus. Die Musik
haben wir allerdings nicht den Engländern oder Amerikanern nachempfunden. Zu der Zeit kannten wir
noch keine einzige Punk-Platte, weil man die nirgendwo kaufen konnte. Erst im Herbst 1977 kamen
dann auch hier die ersten Scheiben in die Läden...
??? Wie viel Publikum kam zu den ersten Punk-Konzerten in Düsseldorf?
Jürgen Engler: Eigentlich haben da am Anfang nur Bands für andere
Bands gespielt. Da war kaum mal jemand, der nicht irgendwie selbst in die Sache
involviert war. Wer nicht in einer Band
war, hat eben ein Fanzine herausgegeben oder Konzerte organisiert. Ein Publikum
wie heute, das
willig ist, einer Punk-Band zuzuhören, gab es einfach nicht. Und außerhalb
der Szene gab es nur Anfeindungen. Die Normalos haben dich gehasst! Die ersten
eineinhalb
Jahre waren ein einziges
Spießrutenlaufen. Es war absolut unmöglich, mit aufgestellten Haaren einfach
mal so in die
Altstadt zu gehen. Da haben wir auch schon mal Prügel kassiert - und die
Opas haben uns immer
hinterher gerufen: "Unter Adolf wärst Du vergast worden!"
Male 1978 im Ratinger Hof
??? Wovon wart Ihr zu der Zeit musikalisch beeinflusst?
Jürgen Engler: Bis 1976 haben wir Sachen von den Rolling Stones
und The Who nachgespielt, ziemlich hart und roh. Ab Ende 1976 war es dann aber
wirklich
Male. Da hatten
wir
auch
noch
bis
Anfang
1978 ausschließlich englische Texte. Im
Frühjahr 1978 hat man gemerkt, dass da auch Leute aus dem angrenzenden Umland
hinzukamen, aus Solingen oder Kamp-Lintfort. Ab Frühjahr 1978 kamen dann Bands
wie Charley's Girls und
S.Y.P.H. hinzu. Die Hosen-Ecke kam erst später, Ende
1978.
??? Campino erinnert sich daran, dass er bei Euch im Proberaum zum ersten Mal ein
Mikrophon in der Hand hatte...
Jürgen Engler: Das war zu der Zeit, als wir im Keller vom "Rock On" geprobt haben, dem
legendären Plattenladen auf der Schadowstraße. Das war so eine Art Lagerraum für die Platten,
und wir hatten da ständig irgendwelche Zuschauer. Campino war auch öfter da, und wir haben dann
wohl auch öfter mal unser Stück "Ampelstadt" oder "We Are The Chaos Brothers" von den Lurkers
zusammen gesungen. Und das haben wir später auch live so beibehalten, wenn wir mit ZK auf Tour waren.
Wir haben uns ja auch eine zeitlang den Proberaum geteilt. Die anderen Bands dort haben uns
Punk-Kids natürlich gehasst. Die machten alle traditionellen Rock...
Male auf der Bühne bei der Eröffnung des SO36
??? Euer erstes Konzert außerhalb der Stadtgrenzen fand im August 1978 in Berlin statt...
Jürgen Engler: Das war bei der Eröffnung des SO36 in Kreuzberg.
Dann haben wir 1979 zweimal in der Markthalle in Hamburg gespielt, was auf den
legendären "Into The Future"-Samplern dokumentiert
wurde. Und zwischendurch sind wir auch mal mit ZK in Bremen und Cloppenburg aufgetreten.
Das waren
aber immer Einzeltermine; ganze Touren, wie sie heutzutage üblich sind,
waren
damals
einfach noch nicht möglich.
Du wusstest, dass sich in der Stadt und in der Stadt ein paar Leute für
deine Musik interessieren...
??? Warum habt Ihr Euch ZK als Support-Band ausgesucht?
Jürgen Engler: Unser Schlagzeuger Claus war mit Isi befreundet,
und der hat mir
irgendwann erzählt, dass er da jetzt so einen Sänger hätte mit
einer englischen Mutter, der eine Band namens ZK gründen wollte. Isi und Campino
hingen
dann
auch
immer
zusammen
im
Ratinger Hof ab, bis sie sich langsam zu einer
richtigen Band entwickelten. Wie ZK am Anfang gespielt haben - das weiß Campino
bestimmt auch noch
selbst - das war schon granatenschlecht. Da konnte einfach keiner spielen. Beim
ersten ZK-Gig musste unser Schlagzeuger ja sogar noch aushelfen. Und Campino
hat immer am Mikrophon vorbei gesungen,
weil er so viel Action gemacht hat (lacht).
??? Wie hat sich der frühe Campino sonst so auf der Bühne präsentiert?
Jürgen Engler: Der hat immer viel Spökes gemacht und wusste
schon damals, wie er die Leute kriegt. Ich hatte mit ihm nach dem Konzert in
Bremen mal eine interessante Unterhaltung. Da hatten
wir vor einem totalen Proll-Publikum gespielt, das einfach am Wochenende mal
die Sau rauslassen wollte. Da waren viele Poser-Punks aus der Schnauzbart-Fraktion
dabei, und wir sind auf der Bühne
ständig angerotzt worden. Da ist mir damals zum ersten Mal der Kragen geplatzt,
aber Campino hat
ganz anders reagiert. Er hat nämlich zu mir gesagt: "Das ist auch unser
Publikum, die musst Du
genauso akzeptieren!" Er hatte offenbar damals schon sein Ziel vor Augen. Campino
hatte Größeres vor, während ich nicht so aufgeschlossen war und
nur
Musik
für
Leute
machen
wollte, die ich gut fand.
Die Krupps 1994
??? Wie hast Du die Entwicklung der Punk-Szene nach der Auflösung von Male gesehen?
Jürgen Engler: Die Hosen sind einfach länger dran geblieben.
Und Anfang der 80er ist eben auch das Volk drauf eingestiegen. Die Hosen haben
mich damals ja auch
immer so ein bisschen als Verräter abgestempelt, weil ich mich aus der Punk-Szene
zurückgezogen habe.
Das habe ich aber nur gemacht, weil die Revolution
kommerzialisiert
wurde.
Punk bin ich noch im Herzen. Dass
dann
ausgerechnet
mir hinterher Kommerz
vorgeworfen wurde, als ich die "Stahlwerksinfonie" mit den Krupps rausgebracht
habe, habe ich nie
verstanden. Ich habe einfach weiter Lärm gemacht, nur auf eine andere Art
und Weise.
??? Was hat Dich an der Entwicklung Anfang der 80er genau gestört?
Jürgen Engler: Die Leute sind nur noch in die Läden gerannt und haben sich "die Mode"
gekauft. Und es kam auf der Ratinger Straße auch ein immer größeres Proll-Publikum hinzu. Die
dachten: Punk ist Autos umschmeißen und Leute verkloppen. Und das war einfach nicht mehr meine
Welt. Ich konnte die Gewalt nicht akzeptieren, und auch nicht die Tatsache, dass viele Leute
einfach ohne Grund mitgemacht haben. Da spielten sich fast nur noch bierselige Saufarien ab,
was für einen Anti-Alkoholiker wie mich zusätzlich schwierig nachzuvollziehen war.
Single Cover von "Wir sind bereit"
??? Die Hosen haben 1982 auf der B-Seite ihrer ersten Single das Stück "Jürgen
Englers Party" veröffentlicht. Weißt Du, was der Hintergrund für diesen Text war?
Jürgen Engler: Campino hat mir letztens gestanden, dass er
wohl zu der Zeit auf meine
Freundin scharf war (lacht). Man hat wohl auch gedacht, ich würde jetzt
Kommerz
machen.
Dabei
konnte man mit dem Lärm, den ich mit den Krupps anfangs gemacht habe, überhaupt
kein Geld
verdienen. Ich wollte einfach raus aus der Punk-Szene. Mein Schlüsselerlebnis
hatte ich 1980, als wir mit Male vor The Clash in der Philipshalle gespielt
haben. Ich hatte Punk bis zu dem
Zeitpunkt eigentlich immer so verstanden, dass man gegen Superstartum
ist. Und allein,
dass Punk-Bands jetzt plötzlich in der Philipshalle spielten, machte
mich irgendwie stutzig.
Male als Vorband von The Clash
??? Wie habt Ihr das Konzert mit Euren Helden in der großen Halle erlebt?
Jürgen Engler: Wir waren bereits am Nachmittag da und dachten, dass
wir irgendwann den
Soundcheck machen würden. Dann kamen The Clash aber erst um 17 Uhr in die
Halle und spielten
erstmal eine Stunde lang Fußball. Dann machten sie eine Dreiviertelstunde lang
Soundcheck,
spielten Chuck-Berry-Nummern wie "Johnny B. Good" oder "Bye-bye, Johnny" - und
dann wurden auch
schon die Hallentüren geöffnet und das Publikum strömte herein.
Eine noch härtere Nummer brachte
der Soundmann, der zu uns kam und unsere Gage forderte, damit wir am Abend Sound
und Licht hätten. Daraufhin haben wir ihn auf die Hälfte runtergehandelt und
bekamen dann auch nur die Hälfte: keine Monitore. Ich wette,
dass uns Pink
Floyd besser behandelt hätten, wenn wir mit denen aufgetreten wären.
Mit Punk-Rock hatte das auf
jeden Fall nichts mehr zu tun.
??? Hattest Du schon zu dieser Zeit Verbindungen zur Metal-Szene?
Jürgen Engler: Ich habe traditionellen Heavy Metal nie gemocht, und
tue
das
auch heute noch nicht. Was mich aber Mitte der 80er fasziniert hat, war, dass
sich
Metal
mit Punk und Hardcore
gekreuzt hat. Bands wie Suicidal Tendencies oder Crumbsuckers fand ich sehr interessant.
Und natürlich habe ich zu dieser Zeit auch mal ein bisschen Slayer gehört.
Und das hat
gut geknallt und war von dem traditionellen Metal schon Lichtjahre entfernt.
??? Die Krupps fügten dann erfolgreich die Verschmelzung von Elektronik und Metal hinzu...
Jürgen Engler: Mein Ziel mit den Krupps war: Wir sind eine Elektronikband und wollen
auf das Cover einer Metal-Gazette kommen! Da haben wir dann einige Jahre dran gearbeitet, sind
aber immer unberechenbar geblieben. Wir haben bis heute insgesamt vier Alben in den deutschen
Charts gehabt, zwei davon sogar in den Top-20, aber wir haben auch in Amerika und eigentlich in
ganz Europa gut verkauft. 1996 waren wir mit dem Album "III-Odyssey Of The Mind" bis auf Holland
eigentlich überall in den Charts.
??? Wo haben Euch Eure Touren hin verschlagen?
Jürgen Engler: Wir haben teilweise acht Monate am Stück getourt,
Europa rauf und runter, und wir haben viel in Amerika gespielt. Wir waren allerdings
immer eine Großstadt-Band. Wenn
wir in Berlin oder Köln gespielt haben, waren die Hallen wie Huxleys
Neue Welt ausverkauft.
Wenn wir aber nach Saarbrücken gekommen sind, konnte das aber auch schon
mal etwas anders aussehen.
Das ist bei den Hosen wohl ganz anders. Die könnten auch in Dörfern wie
Neumarkt
spielen,
und die Halle wäre
trotzdem voll wie immer.
Male 2003
??? Warum kam es Anfang der 90er Jahre zu einer kurzen Reunion von Male?
Jürgen Engler: Rüdiger Thomas von Teenage Rebel Records wollte
die alten Sachen
wiederveröffentlichen, und da habe ich mich noch mal einen Nachmittag hingesetzt
und noch
ein paar neue Stücke geschrieben. 1991 erschien als Produkt dieser Zeit
auch noch die Single
"Die Toten Hosen ihre Party". Da haben wir mit etwas Verspätung zurückgeschlagen
(lacht). Das
war aber überhaupt nicht ernst gemeint, eher so ein Spaß-Projekt. Das Single-Cover
war ja auch von den Hosen abgekupfert. Zu der Zeit habe ich Campino auch mal
bei einem Judas-Priest-Konzert
wiedergetroffen und feststellen können, dass da trotz "Jürgen Englers
Party" keine
Feindschaft zwischen uns herrschte. Das war ja auch alles Kinderkram, aber irgendwie
auch ganz lustig.
??? Wie war Dein Kontakt zu den Hosen von da an?
Jürgen Engler: Wir haben öfter mal Interviews zusammen gegeben,
und die Hosen haben mich Mitte der 90er auch mal aus ihrer Radioshow bei Radio
Fritz angerufen. Von dem Aufstieg der
Hosen habe ich aber so gut wie gar nichts mit bekommen. Ich lebe seit Mitte der
90er Jahre
überwiegend in den USA - und habe die Hosen im Dezember 2002 in Oberhausen
erst zum vierten Mal
live gesehen. Das erste Mal war , glaube ich, 1982 irgendwo in Düsseldorf,
dann habe ich sie im Limelight in New York beim "New Music Seminar" gesehen und
zusammen mit den Stones im Müngersdorfer Stadion in Köln.
Wir
haben
aber leider mit den Krupps
nie auf einem Festival mit den Hosen gespielt.
??? Wie kam es zu Deinem Auftritt mit den Hosen bei der Show in Oberhausen?
Jürgen Engler: Irgend jemand hat den Hosen davon erzählt, dass
wir mit Male wieder auftreten, zum Beispiel als Support-Band von den Fehlfarben.
Darauf haben uns die Hosen zu ihrem Konzert in
Oberhausen eingeladen. Ich habe dann noch vorher mit Campino ausgemacht, dass
ich meine Gitarre
mitbringe, und er meinte, dass wir "First Time" von den Boys spielen können.
Und
dann
bin ich bei der Zugabe
auf die Bühne und dann haben wir mal wieder zusammen gerockt. Von dem Stück
gab es übrigens
auch mal eine deutsche Version von Male, die "Chaos in den Straßen" hieß. Vielleicht
hat sich
Campino ja deshalb dieses Stück ausgesucht, weil wir es früher mal im Proberaum
gespielt haben.
??? Wie hat Dir das Konzert ansonsten gefallen?
Jürgen Engler: Die
Texte, die auf die emotionale Seite zielen, finde ich sehr gut, zum Beispiel
Campinos
Stück über seine
Mutter. Mir haben insgesamt die Stücke am besten gefallen, bei denen Campino
Englisch gesungen hat.
Und die Version von "Cokane" von Dillinger fand ich richtig super. Die bierselige
Karnevals- und Fußballstimmung
ist nicht mein Ding.
Campino hat
mir bei der Gelegenheit übrigens seinen alten "I drink milk"-Badge geschenkt.
Ganz früher
war er im Ratinger Hof ja auch mal
Anti-Alkoholiker wie ich...
??? Wie geht es jetzt weiter mit Male und den Krupps?
Jürgen Engler: Erstmal geht es mit Male weiter, weil das für
mich ein wichtiges Bindeglied zwischen den Krupps und meinem Projekt DKay.com
geworden ist. Wir arbeiten gerade an einem neuen
Album, das "Deutscher Herbst" heißen soll. Ich denke, dass es nach wie vor wichtig
ist, seine
Meinung kund zu tun, wie ich das mit meinen Anti-Rechts-Statements bei den Krupps
getan habe. Ich habe auch immer meine Meinung gegen die Onkelz vertreten, die
mit ihrem alten Namen immer noch Geld verdienen. Wenn sie sich geändert haben,
müssten sie sich ja in "Gute Onkelz" umbenennen. Male
hatte
ja
nie
platte
Texte
wie "Scheiß Bullenstaat",
sondern wir waren immer etwas subtiler und ironisch. Und eigentlich war es ja
bei
den
Krupps auch nicht viel
anders: Wichtig war mir immer, etwas Neues zu kreieren, mit politischen Texte
und harter Musik, die
nicht für jedermann geeignet war. Das ist mein Leben.
Mehr über Jürgen Engler und Male:
Der Songtext von "Jürgen Englers Party" von 1982 im Songtext-Archiv
Die Homepage von Male: www.male-punkrock.de
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