FREUNDE DES HAUSES

Interview mit Flo Hayler, Initiator und Kurator des Ramones-Museums in Berlin (im November 2006)


Was war das Besondere an den Ramones? Was hat Dich als Jugendlichen so fasziniert, dass Du alles von ihnen gesammelt hast?

Wenn du damals als hässliches Entlein durch die Gegend gelaufen bist - die Frauen haben dich nicht angeguckt oder du warst eine Niete im Tennis, hast dich nicht im Fußballverein engagiert und wolltest nicht im Schützenverein schießen, dann war es gar nicht so leicht, seinen Platz im Leben zu finden. Doch als du dann diese Musik gehört und die Videos gesehen hast, dass das jemand machen kann, der so unglaublich strange aussieht wie Joey Ramone, da warst du automatisch Teil der Gang. Die Ramones kannte auch niemand anders, das Erlebnis musstest du nicht teilen. Du konntest nach Hause gehen, und es war deine Band, dein ganz eigenes Ding. Und ich glaube auch, dass es genau das ist, was viele Leute an kleinen, unbekannten Bands begeistert.

Du betreibst jetzt seit dem Jahr 2005 das erste Ramones-Museum der Welt. Was sind die verrücktesten Exponate?

Das Cover von "Acid Eaters" (1993)

Kürzlich habe ich ein besonderes Teil dazu bekommen: Eine Dame aus San Francisco hat mir ein in Styropor gemeißeltes, dreidimensionales Cover des „Acid Eaters“-Albums angeboten. Das Bild ist in Styropor eingeritzt und danach handbemalt worden. Das ist ungefähr so, als wenn ein Künstler aus einem Eisblock ein Kunstwerk haut. Das wurde in einem Plattenladen als großes Hintergrundposter benutzt, als die Ramones bei einer Autogrammstunde da gesessen haben. Und die Band hat das dann auch signiert. Die Dame hat mir das jetzt angeboten, und gesagt, sie würde es sonst bei Ebay reinstellen. Sie fände es aber schöner, wenn es im Ramones-Museum landen würde…

Was wollte die Dame aus Amerika für dieses seltene Stück haben?

300 Dollar, was für mich eigentlich okay war. Sie müsse das aber noch verschicken, und das würde noch mal 150 Dollar kosten. Und ich sagte, gut, auch das ist in Ordnung, aber es stellte sich heraus, dass die 150 Dollar nur für die Verpackung gereicht hätten. Im Endeffekt haben das dann zwei Freunde von mir aus Amerika mitgebracht. Und weil ich mich mit den Feet-Größen nicht auskenne, stellte sich vor Ort heraus, dass das Teil zweieinhalb mal eineinhalb Meter groß war – und das wird in keinem Flugzeug mehr transportiert. Wir haben es letztendlich aber rüber bekommen und seit letzter Woche steht es im Museum. Es sieht großartig aus! Ich kann eben schlecht nein sagen. Wenn mir jemand was anbietet, sage ich immer zuerst: Ja, okay.

Was ist für Dich das wertvollste Stück – ideell betrachtet?

Was mir am wertvollsten ist, sind die Sachen aus unserer aktiven Zeit, damals, als wir mit den Jungs unterwegs waren. Sachen, mit denen man direkt noch eine Erinnerung verknüpft. Ich denke, dass das Tauschgeschäft mit Johnny Ramone für die Jeans sicher eins der Highlights in meiner Fan-Karriere war. Wir saßen nach dem letzten Konzert der Band in Berlin in der Hotellobby, haben über den seinerzeit grassierenden „Ausverkauf“ der Ramones gesprochen und über Sachen, die man noch käuflich erwerben könnte. Damals war der aktuelle Preis für Johnny’s Gitarre bei 20.000 Dollar angesiedelt – im Preis inbegriffen war aber seine Lederjacke. Für die Pinhead-Maske wären 6.000 oder 7.000 Dollar fällig gewesen. Und das, was halt noch übrig blieb, war diese Jeans…

Wie hast Du Johnny überreden können, Dir seine Hose abzutreten?

Johnny Ramones Hose, hier mit Danko Jones (der nicht Teil der Sammlung ist) <<

Ich habe ihn gefragt, was er denn dafür haben wolle, und er sagte, er hätte gern ein Elvis-Poster. Ich kannte damals einen Postersammler von einem Schöneberger Indie-Kino und den habe ich gefragt, ob er nicht Elvis-Poster hätte. Er hat mir einen Stapel mitgegeben, Johnny hat sich eins von den Postern ausgesucht und zwei Wochen später hatte ich die Jeans im Briefkasten. Das war etwas wie der Start, wo man sich sagte, dass die eigene Sammlung doch etwas Außergewöhnliches ist und über den Sammlerstandard hinaus geht. Als wir damals auf den Konzerten waren, haben wir Poster abgerissen, T-Shirts gekauft, Setlists mitgenommen und Plektren gefangen. Und das sind so die Gegenstände, die ideell am wertvollsten sind, weil man mit denen auch etwas verknüpft. Die anderen Sachen besorgt man sich halt, um die Sammlung zu komplettieren.

Wann kam der Zeitpunkt, als Du Dir über das Museum Gedanken gemacht hast? War kein Platz mehr in der Wohnung?

Genau. Es war erstens kein Platz mehr in der Wohnung und zweitens bin ich damals mit meiner Freundin zusammengezogen, und die war der Meinung, ich müsste aus dem Alter mit Postern an den Wänden eigentlich langsam raus sein. Das klang irgendwie einleuchtend. Ich habe in dem Moment den Entschluss gefasst, den Plunder auszulagern und die Sammlung „öffentlich“ zu machen. Dass ich die Sammlung wirklich „Museum“ genannt habe, das hat ein bisschen gedauert, weil so etwas traut man sich ja nicht sofort. Wer würde schon sagen: Ich habe ein paar Bilderrahmen an der Wand, ich mache ein Ramones-Museum? Ich wusste also, wenn ich das so nenne, dann muss das dramaturgisch und chronologisch Sinn ergeben, dann muss ich Gegenstände anbieten können, die den Begriff rechtfertigen.

Unter welchen Gesichtspunkten hast Du die Kollektion seitdem vervollständigt?

Ich habe versucht, eine möglichst allumfassende Sammlung anzubieten, mit Sachen, über die die Leute lachen können, mit Anekdoten, mit kleinen Gimmicks, mit Seiteninformationen, statt nur stumpf Poster neben Poster zu hängen. Und das hat eine Weile gedauert, insgesamt acht Monate. Und als es dann so weit war, haben wir eröffnet. Mittlerweile hat sich das Museum sehr entwickelt. Viele Sachen, die am Anfang aus provisorischen Gründen an den Wänden hingen, weil wir nichts Besseres hatten, sind in der Zwischenzeit anderen Exponaten gewichen, auch Gegenständen aus dem engeren Umfeld der Band.

Beschreib das Museum doch mal für jemanden, der noch nicht in Berlin-Kreuzberg gewesen ist!

"Wir haben Johnnys Hose, wir haben Markys Schuhe, wir haben Joeys Bühnenhandschuh, der von Tourmanager Monte Melnick beigesteuert wurde, wir haben C. Jays Bassgurt und in Kürze auch einen Mikroständer von Joey" (Foto: Erik Weiss) <<

Das Museum ist ein von der Straße aus begehbares Souterrain, zwei Räume, insgesamt knapp 60 Quadratmeter. In den Zimmern beherbergte die Band El*Ke früher ihren Partykeller. Die Jungs wohnen über dem Museum in ihrer WG. Das Museum ist chronologisch aufgebaut, die Sammlung fängt 1975 an und endet 1996. Wir beschäftigen uns also ausschließlich mit den 22 aktiven Jahren der Band. Das heißt sämtliche Projekte, die vor oder nach dem Ende der Ramones bestanden, werden dort nicht mehr berücksichtigt. Zu sehen gibt es von Konzertplakaten über Promo-Gimmicks - wie den Baseballschläger zum ersten Album oder den Brieföffner zum zweiten - bis hin zu Setlists und unheimlich vielen T-Shirts eigentlich recht viel, insgesamt mehr als 300 Exponate. Und natürlich gibt es auch Gegenstände von der Band. Wir haben Johnnys Hose, wir haben Markys Schuhe, wir haben Joeys Bühnenhandschuh, der von Tourmanager Monte Melnick beigesteuert wurde, wir haben C. Jays Bassgurt und in Kürze auch einen Mikroständer von Joey, den er bei der letzten Ramones-Show in New York zerlegt hat. Das sind so die Sachen, bei denen man sich sagt: Wow, das Zeug war dabei!

Was hättest Du sonst noch gerne für Dein Museum?

Es gibt tatsächlich eine Sache, die ich sehr gerne hätte: die englische Version von dem legendären Baseballschläger. 1976 zur ersten Platte hat die Plattenfirma einen kleinen schwarzen Miniatur-Baseballschläger aus Holz rausgeschickt – und es gab zwei Versionen. Auf der amerikanischen Version steht „The Ramones – A Hit On Sire Records.“ Die englische Version ist mit: „Beat on the Brat“ beschriftet, allerdings habe das Ding in meinem Leben noch nicht gesehen.

Wie viel Unterstützung bekommst Du von der „Ramones-Familie“?

Heutzutage ist extrem viel Geld mit den Ramones zu verdienen. Und es gibt ein paar Leute, die, obwohl sie so nah an der Band waren und so viel für die getan haben, sehr wenig Geld verdient haben. Wenn ich zum Beispiel den Herausgeber von „Punk Magzine“, John Holmstrom, fragen würde, ob er mir einige seiner Originalzeichnungen zur Verfügung stellt, würde ich die bestimmt nicht umsonst bekommen – was völlig okay ist. Arturo Vega, der der Art Director der Ramones war und heute die Homepage officialramones.com betreibt, ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass jemand lieber sein eigenes Ding macht und nicht unbedingt viel Willen zur Kooperation zeigt. Andererseits habe ich von anderen sehr viel Unterstützung und anerkennende Worte bekommen, was mich zusätzlich motiviert hat, das Museum zu eröffnen. Marky Ramone und Tommy Ramone haben sich bisher nur lobend geäußert, CJ sollte sogar zur Eröffnung einfliegen, musste aber aus familiären Gründen absagen. Wenn es nach mir ginge, könnte es 150 Ramones-Museen auf der ganzen Welt geben. Ich kenne über Ebay so viele Leute, die horrende Preise für signierte Ramones-Devotionalien zahlen und mittlerweile so viel Zeug haben müssen, dass sie drei Museen ausstatten könnten. Es ist halt immer ein schmaler Grat. Es gibt die Guten, die einen unterstützen und die das aus Leidenschaft machen, und es gibt auch Leute, die mit den Ramones noch eine Mark verdienen wollen. Und das aus gutem Grunde: Die haben teilweise Jahre lang für einen Hungerlohn für die Band gearbeitet und haben jetzt nichts davon.

Der Eintritt in das Museum kostet 2 Euro Eintritt. Wie finanzierst Du die Erweiterung der Sammlung?

Die Investitionen in das Museum und die Kosten für die neuen Stücke muss ich immer noch selbst tragen. (Foto: Erik Weiss)

Das Geld wieder reinzukriegen, ist extrem schwierig, wenn du so wenig Eintritt nimmst. Und nur von den T-Shirt-Verkäufen geht es halt auch nicht – und deswegen bin ich jetzt ein Jahr, nachdem das Museum aufgemacht hat, immer noch genauso Fan und Hobbykäufer wie vorher auch. Das Museum war aber auch nicht dafür gedacht, dass man damit Geld verdient. Wenn es die Kosten decken würde, wäre das schon cool, und das tut es zurzeit auch – zumindest reicht es für die Miete und das Personal. Die Investitionen in das Museum und die Kosten für die neuen Stücke muss ich immer noch selbst tragen.

Hast Du schon etwas von Kiki und Manfred Meyer aus der Hosen-Road-Crew abgreifen können, die jahrelang für die Ramones gearbeitet haben?

Nein, aber Manfred Meyer ist in meinem Museum vertreten, weil dort einer von Joeys persönlichen „Grußzetteln“ hängt, den er bei einem Konzert 1992 in München benutzt hat. Darauf grüßt er Manfred Meyer. Ich weiß, dass Kiki – das kennt man auch von den Tote-Hosen-DVDs – sehr schöne Ramones-T-Shirts hat, gerne mit abgeschnittenen Ärmeln, und ich glaube auch, dass die Toten Hosen bestimmt eine ganze Menge Geschichten und Erinnerungsstücke an ihre Zeit mit Joey haben, als er sie im Studio besucht hat. Meine schönste Tote-Hosen- Erinnerung bezüglich der Ramones ist allerdings, als Trini Trimpop 1995 in Bonn auftauchte. Er hat damals für Kanal 4 gearbeitet und eine sagenhaft gute Reportage über die Ramones gemacht, mit einem Live-Mitschnitt aus Köln und einem Interview mit Joey. Seine erste Frage war: „Joey, where is Dee Dee?“ [Anm. der Red.: Dee Dee war Gründungsmitglied der Ramones, aber kurz zuvor ausgestiegen und durch C. Jay ersetzt worden.]

Wie ist Trini als ehemaliges Bandmitglied der Hosen von den Ramones empfangen worden?

Trini betrat das Hotel mit seinem Kamerateam und Johnny, C. Jay und Marky saßen in der Lobby. Trini ging direkt zu Johnny und fragte: „Hey, where is Joey?“ Da hat Johnny ziemlich brüsk reagiert und erwidert, er hätte keine Ahnung, wo Joey sei. Er wisse nicht mal, wo dessen Zimmer ist. Die Toten Hosen waren in den Augen der Ramones immer Joeys Freunde, und es war leider so, dass du dich bei den Ramones entscheiden musstest: Bist du auf Joeys Seite oder bist du auf der Seite von allen anderen? Und die Toten Hosen waren halt immer Joeys Freunde und nicht Johnnys oder eben die „der anderen“. Ich weiß aber durch meine Arbeit beim unclesally*s, dass für viele Leute die „Learning English“-Platte der Hosen die erste Berührung mit altem Punk-Rock war. Und dadurch haben die Toten Hosen extrem viele Leute auf die Ramones, Lurkers, Heartbreakers und alle anderen, die mit auf der Platte waren, aufmerksam gemacht.

Wie bist Du selbst eigentlich erstmals auf die Ramones gestoßen?

Ich habe die Hosen schon in den 80er Jahren gehört – und auf der ersten Live-Platte haben sie die Sex Pistols und die Ramones gegrüßt – glaube ich. Und von da an war der Weg im Plattenladen relativ kurz von T zu R. Man wusste dann endlich mal, woher das alles kommt, und konnte etwas tiefer in die Geschichte des Punks eintauchen. In den 80er Jahren gab es auf Tele 5 auch eine Sendung namens „Off Beat“. Die haben einen Bericht gebracht, in dem Campino Joey in New York besucht. Eine sagenhafte Reportage, auch mit tollen Tönen aus dem Off, als die Reporterin kommentiert hat, wie Campino mit Joey umging. Er ist wohl ein bisschen frech geworden nach dem dritten Heineken und hat Fragen gestellt, die man vielleicht lieber nicht gestellt hätte. Aber das war eine unglaublich großartige Reportage, zum Beispiel mit Joey und Campino vor dem CBGBs. Die Toten Hosen waren damals alle zusammen in New York, aber nur Campino hat dieses Interview gemacht. Ohne die Hosen würden wahrscheinlich viele Leute in Deutschland die Ramones nicht kennen.

Du bist in Helmstedt aufgewachsen. Wie traten die Hosen, die auf der „Damenwahl“-LP ja sogar ein Stück namens „Helmstedt Blues“ veröffentlichten, in der Provinz in Dein Leben?

Die Hosen waren damals die Rebellion im Kinderzimmer. Wenn du mit 13 deinen Eltern was Böses wolltest, dann hast du die Toten Hosen aufgelegt. So war das bei mir auch.
Helmstedt ist ein ehemaliges Grenzstädtchen, da gab es den Grenzübergang zur DDR, da fing die Transitstrecke nach West-Berlin an. Und jeder, der aus Berlin kam, musste auf den Weg in den Westen durch Helmstedt. Und irgendwann kamen da auch die Toten Hosen in Plattenform an, und die Platten wurden in der Schule unter der Bank gehandelt, genau wie die von den Ärzten. In den 80er Jahren waren Wörter wie „Scheiße“, das die Hosen in „Liebesspieler“ gesungen haben, echt nicht so cool, wenn deine Mutter die gehört hat…

Die Steigerung dazu hieß „Ficken, Bumsen, Blasen“…

Flo mit Thees Uhlman von Tomte nach dem DTH-Konzert in der ColorLine Arena in Hamburg 2004 <<

Mit diesem T-Shirt rumzulaufen, hätte ich mich damals nicht getraut. Ich habe mich mit den Hosen für die damaligen Verhältnisse aber auch schon ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Den ganzen politischen Kontext hat man natürlich noch nicht verstanden, „Disco in Moskau“ und so, aber das waren schon die ersten Momente, in denen die Eltern die Augenbrauen hochgezogen haben und sagten: „Oh, der Sohn hört Punk.“ Ich glaube, dass war bei Campino zu Hause ein paar Jahre früher nicht anders, als seine Mutter das feststellte. Das ist eine ganz natürliche Reaktion in sämtlichen Elternhäusern. Sobald es die ersten Anzeichen von Rebellion gibt, bekommen die Eltern Angst, weil sie nicht wissen, wie sie das zu deuten haben. In vielen Fällen relativiert sich das dann wieder und der Spross macht seine Banklehre, oder aber es läuft darauf hinaus, dass Musik den ganzen weiteren Lebensweg beeinflusst. Dass die Leute auch mit Anfang 30 noch dabei sind und ihr ganzes Leben um diese Leidenschaft Musik gebaut haben, genau wie bei mir. Und wenn man so will, kann man das auf Platten wie „Bis zum bitteren Ende – Live“, „Damenwahl“ oder „Debil“ von den Ärzten zurückführen. Genauso wie man das später vielleicht auf Platten von den Arctic Monkeys zurückführen wird.

Wie weit ging bei Dir die Rebellion?

Das ging vor allem alles ziemlich schnell. Wenn man sich intensiv mit Musik beschäftigt, stolpert man früher oder später über die Zeitschriften, in denen was über die Bands drin steht. Und in der Zeit fing es auch relativ zügig an, dass wir auf die ersten Konzerte gefahren sind, auch auf die ersten Toten-Hosen-Konzerte nach Hannover. Es war in Helmstedt jedoch schwierig, jemanden zu finden, der die Ramones gut fand. Die Toten Hosen waren nicht so das Problem, die kannte jeder, aber die Ramones kannte keiner. Ich musste dann mit den Freunden meiner älteren Schwester auf die Konzerte fahren und die haben mich erpresst: „Wenn du mit uns auf das Konzert fahren willst, dann musst du uns die Karten kaufen.“ Das heißt: Ich habe per Post für die ganze Mannschaft die Tickets bestellt und außerdem auch noch den Sprit und das Bier bezahlt, damit die mit mir zu den Ramones fahren. Ein teures Vergnügen. Und als wir in für mein erstes Ramones-Konzert in Bremen ankamen, sind die alle oben auf der Tribüne eingepennt, weil sie bekifft und besoffen waren. Und ich stand unten alleine im Pit.

Wann war es bei Dir soweit, dass Du auf einer Ramones-Tour annähernd alle Konzerte gesehen hast?

Da kamen mehrere Faktoren zusammen: Du siehst ein Konzert und dann kommt die Band im Jahr darauf noch mal und dann kaufst du dir zwei Tickets, und dann drei und dann lernst du Leute kennen, die sich auch drei Tickets gekauft haben oder vier, und dann lernst du Leute kennen, die sogar jedes Konzert sehen, und in deren „elitären“ Kreis gilt es dann vorzustoßen – das ist aber nicht so leicht. Ich erinnere mich da die ein oder andere Autofahrt zu irgendwelchen Ramones-Hotels, wo es nur darum ging, die anderen abzuhängen. Aber mit der Zeit fand man immer mehr Gleichgesinnte und man hat Fahrgemeinschaften verabredet. Das war Anfang der 90er Jahre. Ich war gerade volljährig geworden, hatte mein erstes eigenes Auto und dadurch die Möglichkeit, ein bisschen zu reisen. Und immer wenn es die Ferien zugelassen haben, hat man erst gearbeitet, um das Geld zu verdienen, und hat dann seine Ferien darum gestrickt, dass man die Ramones sehen konnte. Man ist dann nicht mehr mit den Eltern in die Bretagne gefahren, sondern mit den Freunden nach Italien – und hat dafür sogar die mündliche Abiprüfung geschwänzt.

Wie oft hast Du die Ramones insgesamt live gesehen?

101 Mal – und das fast überall, außer in Südamerika, Japan und Australien. In Europa haben wir aber eigentlich alles mitgemacht. Wir sind nach Griechenland geflogen, nach England, nach Skandinavien, und zu den Konzerten in Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland sowieso. 1993 ging es dann so richtig los: Die letzten drei Ramones-Jahre waren sehr, sehr, sehr intensiv. Mit dem Lollapalooza-Festival und der White-Zombie-Tour in Nordamerika oder dem 20. Ramones-Jubiläum 1994 in New York. Da hat sich das komplette Leben einfach nur um die nächsten Ramones-Touren gedreht. Und alles andere, wie Schule oder Jobben, war nur zwischendurch. Es ging eigentlich nur um die Ramones. Echt schlimm.

Wie hat sich das Fansein bei Dir optisch geäußert?

Ich trug zu der Zeit kaputte Hosen und hatte lange Haare. Für meine erste schwarze Lederjacke gab es zu Hause richtig Ärger. „Wieso muss es denn ausgerechnet schwarz sein? Kannst Du nicht eine braune anziehen?“ Oder in der Schule haben sie mich an den Stuhl geschnallt und dann die Fransen an den Löchern in der Hose abgekokelt. Und dabei kommt es doch auf die Fransen an! Eine kaputte Hose ohne Fransen – wie sieht das denn aus? Und die „echten“, alten gebrauchten Levi’s gab es in Deutschland in nur ganz, ganz wenigen Läden. Ich musste damals nach Frankfurt, um kaputte Hosen zu kaufen.

War die Auflösung der Band für Dich dann eine Erlösung, weil sie Dir jede Menge Freizeit beschert hat?

Das weiß ich nicht so genau, weil ich sie danach nie wirklich vermisst habe. Privat haben wir über das Ende hinaus Kontakt gehalten, und es haben sich dann andere Schwerpunkte ergeben. Man stand irgendwie mitten im Leben. Die Schulzeit war vorbei, und man musste mit dem Studieren anfangen. Dann hat irgendwann der Alltag überhand genommen und der eigene Lebensweg begonnen. In der Phase war es eigentlich ganz gut, dass es die Ramones nicht mehr gab und man sich auf ein paar wesentlichere Dinge konzentrieren konnte (lacht).

Wann hast Du das erste Mal über Musik geschrieben?

Mein erstes Interview habe ich für das „Ramones, Ramones“-Fanzine aus England geführt, mit Andi von den Toten Hosen, vor einem Konzert in Halle. Das muss 1995/1996 gewesen sein und Andi hat davon erzählt, wie er die Ramones in den 70ern in Los Angeles gesehen hat. Das war super interessant und mein erster redaktioneller Beitrag, der allerdings nie erschienen ist, weil es keine weitere Ausgabe von dem Fanzine gegeben hat. Mein erstes richtiges Interview fürs unclesally*s habe ich 1997 mit den Lurkers gemacht. Ich hatte mich frisch beworben bei dem Blatt und die Chefredakteurin Caroline Frey fragte mich, was ich denn so möge. Ich sagte: Punk-Rock. Und da die Lurkers gerade im Tommy-Weißbecker-Haus gespielt haben, habe ich mir eben die vorgeknöpft.

Wie ging es für Dich weiter beim unclesally*s?

Ich war damals Student und ich habe meine Freizeit gerne und ausgiebig im Büro verbracht. Und da habe ich dann irgendwann Texte korrigiert und zusammen mit Caroline entschieden, welche Bands man im Heft haben will. Und dann hat sie mich irgendwann gefragt, ob ich nicht ihr Stellvertreter werden wolle, da sie für acht Wochen nach Südafrika müsse. Das habe ich dann für die Zeit gemacht. In den acht Wochen ist zwar kein Heft rausgekommen, aber ich habe mich um den ganzen Alltag gekümmert – und dabei ist es bis heute geblieben. Wir sind immer noch dieselben vier wie damals. Wir sind miteinander gewachsen und älter geworden.

unclesally*s

Wie würdest Du das redaktionelle Konzept Eures Magazins beschreiben?

unclesally*s erscheint zehnmal im Jahr, inhaltlich geht es bei uns in erster Linie um handgemachte Musik. Heutzutage ist das sehr viel englischer Rock, aber auch deutsche Indie-Bands wie die vom Hamburger Label „Grand Hotel van Cleef“ stehen sehr hoch im Kurs. Darüber hinaus sind wir auf Grund unserer eigenen Geschichte immer noch sehr Punk-Rock- und Rock-lastig, weil unsere Redakteure die Musik mögen. Wir sind vielleicht die Schnittmenge aus Punk-Rock-Magazin und einem Mainstream-Indie-Magazin, mit Bands, die auch kommerziell erfolgreich sind, oder zurzeit halt einfach angesagt wie Billy Talent oder Kettcar. unclesally*s erscheint bundesweit gratis. Das Leben ist schon teuer genug – CDs, DVDs, iTunes, Mobiltelefone – da sollte man nicht auch noch für die Information über Musik bezahlen müssen. Das Heft für umsonst rauszuhauen, war aber keine bewusste Entscheidung, es erschien uns nur irgendwie logisch – für die ersten unclesally*s-Ausgaben hätte man auch gar kein Geld nehmen dürfen

Der Name unclesally*s taucht nicht nur in Zusammenhang mit dem Heft auf. Was macht Ihr sonst noch außer dem Magazin?

unclesally*s veranstaltet sally*s-Partys und das sally*sounds-Festival. Für uns das mehr so eine Art Familienunternehmen – wahrscheinlich ein bisschen so wie bei den Toten Hosen. Wir haben unser eigenes Büro, und die Leute, die für uns arbeiten, sind in der Regel unsere Freunde oder gute Bekannte. Diese Philosophie nährt sich vielleicht auch so ein bisschen aus der Tradition solcher Bands wie Thumb oder Such A Surge, die in den 90ern die Beatsteaks mit auf Tour genommen hatten – einfach, weil sie eine gute Band sind. Mit der Philosophie der gegenseitigen Unterstützung sind wir groß geworden und es gibt immer noch so ein gemeinsames Gefühl, das man zu transportieren versucht, statt Trends zu orten oder auf Trends aufzuspringen.

Welche Themen behandelt Ihr außer den neuen Platten? Was ist Euch sonst noch wichtig?

Ich bezeichne uns gerne als „öffentlich-rechtliches“ Magazin, also quasi als Blatt mit Lehrauftrag. Uns ist es sehr wichtig, den Lesern anhand unserer Rubriken auch noch etwas mitzugeben, was über die Vorstellung der aktuellen Alben hinausgeht; Rubriken, die Wissen vermitteln sollen. Wir haben den Rock´n´Roll-Reiseführer, in dem wir mit Bands virtuell durch ihre Heimatstadt reisen. Und wenn jemand nach Vancouver fahren will oder nach Toronto, dann kann er mit Billy Talent die coolsten Plattenläden absurfen, oder mit den Flaming Lips durch Oklahoma, mit Tomte durch Hamburg oder den Sportfreunden Stiller durch München. Vielleicht machen wir das auch mal durch Düsseldorf mit den Toten Hosen. Wir haben darüber hinaus den Test, der angelehnt ist an „Wer wird Millionär“, bei dem wir zehn Fragen an einen Künstler stellen zu jeweils einem Thema, was den Entertainment-Faktor hat, dass die Bands sich als Fachmann oder totale Pfeifen outen können. Die Hosen hatten im großen Die Ärzte-Test übrigens acht von zehn Fragen richtig beantwortet! Nicht schlecht.

Warum sind Dir diese Inhalte so wichtig?

Wir versuchen den Leuten so ein bisschen Lebensgefühl zu vermitteln. Das ist über die reine Produktinformation hinaus ganz wichtig. Wir schreiben so, wie wir fühlen und wie wir denken, und wir nehmen kein Blatt vor den Mund, und ich denke, das ist ganz, ganz wichtig. Dass man auf Augenhöhe kommuniziert mit dem Leser und sich nicht als was Besseres oder elitär fühlt. Oder von oben auf die herabschaut, sondern eher im Gegenteil zu denen herauf. Man muss Leser und Jugendliche ernst nehmen in ihren Wünschen und Gedanken. Man darf sie nicht bevormunden. Und wir versuchen, alles ein bisschen lockerer zu sehen als andere Blätter.

Inwiefern tauchen die Ramones heute noch in dem Magazin auf?

Die Ramones sind immer noch Teil des Heftes. Vor wenigen Monaten hatten wir den großen Ramones-Test mit Marky Ramone. Und die Toten Hosen sind natürlich auch immer ein Thema, nicht nur, wenn sie eine Platte rausbringen, sondern auch oft als Referenz bei anderen Punk-Bands – ZSK zum Beispielt. Grund dafür ist auch, dass man sich natürlich bewusst ist, was die Hosen für den eigenen Lebensweg bedeutet haben – unabhängig davon, wo man heute steht. Ich glaube, die haben eine ganze Menge Leute in eine neue, andere, alternative Richtung gedreht. Wahrscheinlich hören sie das super ungern, weil sie das so alt erscheinen lässt, aber ich glaube, die haben echt eine Menge bewegt in vielen kleinstädtischen Kinderzimmern. Genau wie die Ramones auch.

Gibt es heute so etwas wie eine Lebensphilosophie, die sich aus Deiner Punk-Rock-Biographie ableitet?

Ich bin der Meinung, wenn man an etwas glaubt, dann muss man das auch durchziehen. Ich glaube, dass die Sachen, die man mit Leidenschaft und mit Konsequenz betreibt, irgendwann früher oder später von Erfolg gekrönt sind. Dafür gibt es immens viele Beispiele in der Musikgeschichte, in Firmengeschichten, wo auch immer. Man muss einfach an sich und seine eigenen Stärken glauben, und sich nicht vom eigenen Weg abbringen lassen - auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Wenn man lange genug am Ball bleibt, dann funktioniert das auch. Davon bin ich fest überzeugt.

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