Freunde des Hauses //
Uli Heimer

"Ich habe mir nichts gefallen lassen"

Interview mit Uli Hiemer, ehemaliger Eishockeyspieler bei der Düsseldorfer EG und Kapitän der Nationalmannschaft (im August 2001)

??? Du hast bereits mit 17 Jahren in Füssen in der 1. Eishockey-Liga gespielt und bist dann 1981 nach Köln gewechselt - warum?

Uli Hiemer: Die ersten beiden Jahre in Füssen waren sehr wichtig, weil ich dort sehr viel Eiszeit bekommen habe. In Füssen sah ich aber keine Perspektive, da wir nur mit Müh und Not die Play-Offs erreichten und dort in der ersten Runde ausschieden. Ich wollte ganz nach oben, mit den Besten zusammenspielen. Dieses Ziel habe ich vehement verfolgt.

??? Warum hast Du Dich für das Rheinland entschieden?

Uli Hiemer: Ich bin damals im Doppelpack mit meinem Bruder nach Köln gegangen. Er war 23, ich erst 19. Da war mein Vater schon froh, dass wir zusammen blieben. Ich habe damals bereits in der Nationalmannschaft gespielt. Und Köln war der finanzstärkste Klub, mit den besten Perspektiven, Meister zu werden. Heutzutage - als quasi Düsseldorfer - finde ich es lustig, dass es damals ausgerechnet Köln war.

??? Dein Vater musste drei Jahre einen weiteren Schock verdauen: Du bist in die USA gewechselt...

Uli Hiemer: Nachdem ich einmal von zu Hause weg war, hatte er auch nicht mehr den Zugriff auf mich, den er vielleicht haben wollte. Er wusste aber, dass ich meinen Weg gehen und keinen Blödsinn machen würde. Insofern war er beruhigt - und natürlich auch stolz, weil ich der erste Deutsche war, der in der NHL gespielt hat.

??? Wie sind die amerikanischer Talentspäher auf Dich aufmerksam geworden?

Uli Hiemer: Dabei hat es keine Rolle gespielt, dass ich gerade mit Köln Meister geworden war. Die Scouts der NHL hatten mich bereits von Kindesbeinen an beobachtet, bei Juniorenweltmeisterschaften oder anderen internationalen Turnieren. 1984 wurde ich von den New Jersey Devils relativ früh vor der nächsten Saison gedraftet, das heißt aus einem Topf von neuen Spielern ausgewählt. Das erste Trainingslager war dann eine ziemlich harte Zeit. Die Spieler machen in den USA alles, um einen Platz im Team zu kriegen. Sie spielen und trainieren auch mit Verletzungen, mit denen man hierzulande immer aussetzen würde. Sie gehen ein sehr hohes Risiko ein, um ins Team zu kommen. Das musste ich erst lernen.

??? Wie war Dein Leben außerhalb der Eisstadien?

Uli Hiemer: Meine damalige Freundin und jetzige Frau war mit drüben. Es war gut, dass wir uns damals beide durchbeißen mussten. Man hat sehr viel fürs Leben mitgenommen. Ich hatte dort als Sportler, insbesondere als NHL-Spieler, einen noch größeren Stellenwert in der Öffentlichkeit als hierzulande. Und es war für einen 22-jährigen Jungen aus dem Allgäu schon etwas ganz Besonderes, wenn nach dem Vormittagstraining gesagt wurde: "Komm, lass uns nach New York fahren, einen Kaffee trinken!"

??? Was habt Ihr in New York am meisten vermisst?

Uli Hiemer: Natürlich die Freunde und ab und zu mal ein g´scheites Bier, obwohl das bei einer Eishockeymannschaft eigentlich auch in Hülle und Fülle vorhanden ist. Wir waren damals halt nach jedem Auswärtsspiel in der Kneipe und haben uns richtig zugesoffen. Doch am nächsten Tag ging es dann weiter...

??? Konntet Ihr Euch das angesichts der vielen Spiele in der NHL überhaupt erlauben?

Uli Hiemer: Jeder musste selbst wissen, wie weit das geht. Dort spielte man mindestens alle drei Tage, das war ein ziemlicher Stress. Du warst mal zwei Wochen am Stück unterwegs, dann wieder zwei Wochen zu Hause. Und dazu kam der Druck. Dein Mitspieler ist dort gleichzeitig dein Konkurrent. Das läuft in der deutschen Liga anders.

??? Du galtest als der "Mann mit dem harten Schuss" oder auch als die "Schlagschussmaschine" - wo lagen Deine Stärken?

Uli Hiemer: Meine Stärken waren die Übersicht in der Defensive, das Spiel zu lesen, Pässe zu schlagen - und natürlich mein Schuss. Außerdem mein Wille und meine Aggressivität. Ich habe mir nichts gefallen lassen. Freunde gab es nur nach dem Spiel. Ich habe mich auf dem Eis selbst mit meinen besten Freunden und meinem Bruder angelegt.

??? Deine unnötigste Strafzeit?

Uli Hiemer: Das sind so viele. Eine, die besonders weitreichende Konsequenzen hatte, war die, als mein Schläger illegal war. Das kostete uns in den Play-Offs das Heimrecht gegen Krefeld - und deshalb sind wir dann ausgeschieden. Wir waren davor mit der DEG aber schon viermal hintereinander Meister geworden, was das Ganze etwas erträglicher machte. Heute kann ich darüber lachen.

??? 1987 bist Du aus den USA zurückgekehrt - zur Düsseldorfer EG. Warum ausgerechnet nach Düsseldorf?

Uli Hiemer: Einerseits hatten sie die besten sportlichen Perspektiven - andererseits haben sie mir ein bisschen mehr Geld geboten. Ich habe damals mit meinem Bruder telefoniert, der bei Düsseldorf spielte. Er war ein klarer Fürsprecher für die DEG, obwohl er wusste, dass er den Verein verlässt. Er hat gesagt: "Es läuft alles gut: Du bekommst Dein Geld, es herrscht eine Superatmosphäre, gibt eine tolle Mannschaft und die Perspektive, Meister zu werden." Das konnte damals kein anderer Klub bieten.

??? Und wie war das erste Spiel an der Brehmstraße?

Uli Hiemer: Das ist nach wie vor für jeden Spieler, der dort aufläuft, eine Atmosphäre, die im Eishockey einzigartig ist. Bei 12.000 Zuschauern und unseren Erfolgen war das einfach unglaublich. Jedes Heimspiel war ein Fest. Man hatte als Spieler natürlich den Druck, immer gewinnen zu müssen, aber es kamen manchmal auch schwächere Klubs, gegen die man die Stimmung dann schon mal ausgiebiger genießen konnte. Bei Spielen gegen Köln war die Brehmstraße wie ein Zuhause für uns Spieler. Man fühlte sich absolut sicher, die Fans standen hinter einem. Das hat schon etwas ausgemacht, das war ein zusätzlicher Kick.

??? Die große Zeit in Düsseldorf war zwischen 1990 und 1993 - mit vier Meisterschaften in direkter Folge...

Uli Hiemer: In der Mannschaft hatten wir auch eine wahnsinnig angenehme Atmosphäre. Selbst wenn man selbst mal nicht so gut drauf war, wusste man, dass irgendein anderer Mannschaftsteil das Spiel aus dem Feuer reißen würde. Im Sturm gab es Truntschka und Hegen sowie Lee und Valentine. Wir waren besetzt wie sonst kein anderes Team. Und wenn mal alle gleichzeitig funktioniert haben, dann gab es eigentlich keinen Gegner. Wir waren dabei aber auch eine Mannschaft mit Charakter; wir haben alle fair behandelt und auch nie ein Spiel "hergeschenkt". Es gab bei uns nur eine Richtung: Vollgas. Und wenn wir uns heute mal wiedertreffen, ist da auch noch so ein Kribbeln da.

??? Bist Du zu dieser Zeit mit den Hosen in Kontakt gekommen?

Uli Hiemer: Ein guter Freund von mir, der mit Campino und Breiti zur Schule gegangen ist, hat mich Anfang der 90er mit zu einem Konzert genommen - in die Dortmunder Westfalenhalle. Dort war es brütend heiß und alle haben geschwitzt wie die Schweine - auch wir auf der Tribüne. Und zur Zugabe sind dann lauter Konfettis von der Decke gefallen. Da die ganzen Leute natürlich klatschnass waren, sind die an ihnen kleben geblieben. Das war ein super Spaß! Hinterher hat mich mein Freund dann Campino vorgestellt. Und da es außerhalb der Saison war, haben wir einfach den Wagen stehen lassen und sind mit dem Bandbus zurückgefahren. Hinterher sind wir dann zusammen in der Altstadt ausgestiegen...

??? Der Kontakt setzte sich auf dem Eis fort - wie ist die Idee zum Spiel gegen die Leningrad Cowboys 1995 entstanden?

Uli Hiemer: Die Hosen haben ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Fans von der DEG sind. Das haben die Cowboys mitgekriegt und angefragt. Die haben natürlich Spieler aufgeboten, da konnten wir keine Gegenwehr leisten. Die haben die finnische Nationalmannschaft mitgebracht. Spieler, die teilweise noch heute zu den besten NHL-Profis gehören. Das war eine einmalige Chance, auch für viele DEG-Spieler, gegen dieses außergewöhnlichen Spieler anzutreten.

??? Du hast vorher das Trainingslager für die Hosen organisiert...

Uli Hiemer: Und das war kein Spaß, das war sehr intensiv. Das ist ja das Schöne und auch manchmal das Problem mit den Hosen, dass sie, wenn sie was machen, das "richtig oder gar nicht" machen. Die haben gesagt: "Lass uns eine ordentliche Vorbereitung machen; wir wollen nicht lächerlich wirken!" Das war dann für die Jungs ziemlich anstrengend. Die standen zwei- bis dreimal die Woche auf dem Eis, aber die Fortschritte waren enorm. Konditionell sind sie ja ohnehin in guter Verfassung, aber vom Technischen und vom Spielerischen her musste das schon sein. Und es hat uns allen viel Spaß gemacht.

??? Wer hat sich am geschicktesten angestellt?

Uli Hiemer: Ganz klar Andi. Der kann gut Schlittschuhlaufen, was natürlich schon mal ein Vorteil ist. Dazu kam Breiti, der einen Ehrgeiz hat, der fast nicht zu bändigen ist. Tja, Wölli hat immer gut gekämpft auf dem Eis, war aber viel mit Aufstehen beschäftigt. Und Campino wollte immer nur Tore schießen. Bei Kuddel, der ja der unsportlichste in der Band ist, wollten wir es bewusst langsam angehen lassen. Der hat sich dann aber, als er nur einmal beim Training war, gleich verletzt. Da haben wir gesagt: Der ist wichtiger für die Band als für das Spiel.

??? Für das Spiel hattet Ihr ja auch ein paar Überraschungen vorbereitet...

Uli Hiemer: Da waren zunächst mal die Schlittschuhe von den Cowboys, die eine super Form im Stil der Frisuren aufwiesen. Dann hatten wir in einen Puck einen Feuerwerkskörper eingebaut - und wir haben zwischendurch Plexiglas vor unser Tor gebaut. Das war eine Veranstaltung, die die richtige Mischung aus Ehrgeiz und Spaß hatte. Immerhin haben wir uns bis zum 10:10 herangekämpft; die Cowboys haben dann aber leider noch das 11:10 geschossen. Das Zuschauerinteresse war enorm; die Brehmstraße war ausverkauft wie in ihren besten Tagen.

??? Du hast die Hosen im vergangenen Jahr auch bei der "4Tage/4Länder"-Tour begleitet - ebenfalls als Trainer?

Uli Hiemer: Nein, das hatte einen anderen Hintergrund. Mitte der 90er waren die Hosen vier Tage lang in Füssen - zum Skifahren und ein bisschen Spaß haben. Das Wetter hat mitgespielt, der Schnee war da und die guten Hütten. Wir haben einen Riesengaudi gehabt. Wir waren Skifahren, Schlittschuh laufen, haben Eishockey gespielt, waren besoffen. Einmal sind wir am Nachmittag auf eine Hütte, haben dort etwas gefeiert und mussten dann im Dunkeln wieder runterfahren. Das war eine echte Herausforderung und der eine oder andere hat sich da ein bisschen schwer getan. Ein unvergessliches Erlebnis.

??? Wie hast Du die vier Tage in vier Ländern erlebt?

Uli Hiemer: Für uns als Begleiter war alles perfekt organisiert. Die Frage war eigentlich nur: "Wo gibt´s das nächste Bier?" Die Konzerte abends waren für mich das i-Tüpfelchen. Tagsüber mit den Jungs auf der Piste zu sein, dann abends das Konzert. Respekt, dass sie das durchgezogen haben! Eine echte Energieleistung. Vom Skifahren her war Andi ganz weit vorne, der fährt sehr gut. Campino war definitiv der Ehrgeizigste. T.V. Smith stand - wie deutlich zu sehen - zum ersten Mal auf Skiern. Und Vom war einer von denen, die sehr schnell erkannt haben, dass das nicht ihr Metier ist. Er hat es einmal kurz probiert und dann gesagt: "Fuck it!"

??? Und: Wie war Deine Bilanz im Tischeishockey?

Uli Hiemer: Die Frage musste ja kommen. Das war halt so ein Pipi-Spiel, so ein kleines, klappriges Plastikscheißteil. Da konnte ich ja meine Technik nicht ausspielen. Sogar Breiti hat mich geschlagen! Da war ich aber ziemlich angetrunken, 8:0 habe ich verloren, eine Demontage. Wir haben dann aber noch mal im "Stahlwerk" in Düsseldorf an so einem professionellen Gerät gespielt, das war dann meine Revanche an Campino.

??? Ihr habt Euch auch schon des öfteren im Allgäu getroffen...

Uli Hiemer: Nach dem ersten Konzert in Füssen vor vier Jahren hatte ich eine Sonderführung im Schloss Neuschwanstein organisiert. Das war mitten in der Nacht und wir sind dann noch weitergefahren zu der ehemaligen Jagdhütte von König Ludwig, die ein Freund von mir gepachtet hat. Der König hat ja auch eine Macke gehabt, von daher war das für die Hosen schon passend!

??? In diesem Frühjahr fand die Neuauflage des 1991er Endspiels gegen den Kölner EC im Stadion an der Lentstraße statt. Wie haben die Hosen denn ihren Job als Trainer im ehemaligen Kölner "Hexenkessel" erledigt?

Uli Hiemer: Motivieren brauchten sie uns nicht, schließlich haben wir ja gegen Köln gespielt! Dieser "Hass" zwischen Köln und Düsseldorf wurde durch die Jungs allerdings noch mehr unterstrichen. Das Ergebnis war zweitrangig. Da wir vor zehn Jahren als Sieger vom Eis gegangen sind, konnten wir ganz locker ins Spiel gehen. Die Hosen haben aber schon eine Mannschaftssitzung abgehalten, damit es nicht komplett ungeordnet und unprofessionell wirkt. Hinter der Bande haben sie uns in ihren Anzügen toll angefeuert und waren hinterher total fertig, weil wir so viele Chancen vergeben hatten. Wir haben die Schuld dafür natürlich auf die Trainer geschoben.

??? Zuletzt haben sich die Hosen ja mehr für den Fußball engagiert...

Uli Hiemer: Es beweist wieder mal, dass die Hosen zu ihren Aussagen stehen. Sie sind Fortuna-Fans - und machen dann eben auch etwas. Ich hoffe nur, dass das jetzt von Seiten des Fortuna-Präsidiums entsprechend genutzt wird. Eine Entscheidung für oder gegen die DEG ist das nicht. Leider ist bei beiden Vereinen nicht die Professionalität vorhanden, um einen solchen Verein wieder nach oben zu führen. Wenn Campino im Spiegel sagt "Jedes Punk-Rock-Label wird professioneller geführt als ein Fußballverein.", ist das treffend. In Düsseldorf gibt es genug Geld und gelangweilte Leute, die mit Sport unterhalten werden wollen. Wenn man dort aber zur Zeit richtigen Sport sehen will, dann muss man am Wochenende auf die Rheinwiesen gehen und den dort kickenden Fußballteams zuschauen.

??? Wie sieht Dein Arbeitsalltag heute aus?

Uli Hiemer: Ich habe mit 33 Jahren mit dem Eishockey aufgehört. Für mich war es das Wichtigste, dass ich die Entscheidung selbst treffe, wann ich aufhöre. Mein Lebensmittelpunkt ist Lüdenscheid. Dort bin ich Franchise-Nehmer von McDonald´s und habe im Moment 50 Angestellte. Im September mache ich mein zweites Restaurant in Werdohl, ebenfalls im Sauerland gelegen, auf. Außerdem habe ich noch Wohnungen in Düsseldorf und im Allgäu.


Mehr über Uli Hiemer, die DEG und die Leningrad Cowboys:

DEG: http://www.duesseldorfereg.de
Leningrad Cowboys: http://www.leningradcowboys.fi
Remember '91 Spiel gegen Köln: http://www.remember91.de

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