Freunde des Hauses //
Karaokemonster

Ein Amerikaner in Berlin: Karaoke von ABBA bis Rage Against The Machine

Interview mit dem Karaokemonster (im Juli 2002)

Ron Monster (27), geboren in Utah, lebte zwischen 1994 und 2000 in New York und arbeitete als Kunsthändler, bevor er in Berlin als "Karaokemonster" zum Geheimtipp der Club-Szene aufstieg. Ron zeichnet und spielt Gitarre, wenn er nicht gerade auf der Bühne steht. Nachdem er seine Karaokemaschine im Februar 2002 auf der After-Show-Party in der Berliner Columbiahalle aufgebaut hatte, luden ihn die Hosen auch zu ihrem Sommer- und Festivalkehraus auf die Loreley ein.

Ron Monster über...

...die Erfindung des Karaokemonsters: Ich habe vor vier Jahren mit dem Karaoke angefangen. In New York bin ich oft in japanische Karaokekneipen gegangen. Da waren aber immer nur japanische Geschäftsleute, die Sake getrunken haben. Ich habe dann mit zehn schlechten Liebesliedern begonnen: "The Greatest Love Of All" von Dolly Parton und Stücke von den Carpenters und ABBA. Die Maschine ist eigentlich eine ganz normale Karaokemaschine aus Japan, sieht wie ein CD-Player aus. Ich habe mir einfach ein paar CDs gekauft und bin zu Parties gegangen, zu denen ich nicht eingeladen war. Ich habe meine Maschine aufgebaut und Karaoke gemacht. Das war ein Test, um zu sehen, wie das in Deutschland ankommt. Nachdem die ersten Male erfolgreich gelaufen waren, habe ich mir ein paar mehr Scheiben gekauft – bin aber immer noch zu Parties gegangen, zu denen ich nicht eingeladen war!

...den Punk-Rock-Faktor seiner Karaokemaschine: Etwa vor zwei Jahren kamen die ersten Punk-Rock-Stücke dazu. Ich habe einfach meinem Publikum gut zugehört – und das hat sich halt auch Lieder von den Ramones gewünscht. Da ich die auch immer gut fand, habe ich diese Lieder gesucht und gekauft. Ich spiele in den Fällen die Original-CD vor und gebe den Karaokesängern den Text dazu. Man muss dann einfach lauter als Joey singen! Für mich bedeutet Punk-Rock als Lebenseinstellung Toleranz und Individualität.

...über das Repertoire des Karaokemonsters: Ich habe mittlerweile circa 2000 Titel zusammen, die ich auch immer alle dabei habe. Und das Angebot wird ständig erweitert. Ich habe viele Titel von den Rolling Stones, David Bowie und den Kinks – viele Leute sind überrascht, wie viele alte Sachen ich habe. Es gibt außerdem ein paar deutsche Schlager, und es gibt Rage Against The Machine, Kid Rock, Metallica und AC/DC. Zur Zeit singe ich besonders gerne "Mandy" von Barry Manilow, "Daydream Believer" von den Monkees und "Nervous Breakdown" von den Rolling Stones – aber das ändert sich bei mir regelmäßig.

...die Unterschiede von klassischem und Punk-Rock-Karaoke: Die Leute bei meinen Karaoke-Parties trinken zunächst einmal lieber Bier statt Sake. Und dann singen die Punk-Rocker natürlich lieber zu Rock'n'Roll und Gitarrenmusik, zumindest am Anfang. Doch am Ende landen die Leute sowieso immer bei den Beatles und ABBA. Da ist es vollkommen egal, wo man sein Karaoke veranstaltet.

...Parallelen zum Job eines DJs: Ich schaue mir an, wie das Publikum drauf ist und was es hören will – also genauso wie ein DJ. Ich spiele natürlich auch nicht eine halbe Stunde lang nur Liebeslieder, wenn das keiner singen will. Man sieht in der Bildergalerie auf meiner Homepage, dass das Publikum schon überwiegend aus Punk-Rockern besteht, die etwas härtere Lieder bevorzugen. Zu Beginn muss ich oft noch drohen, dass nur ich singen werde, hinterher ist die Schlange meistens so lang, dass ich gar nicht mehr zu Wort komme.

...eine Karaoke-Pleite in Köln: Ich habe keinerlei Problem damit, wenn ich die ersten zwei oder drei Lieder selbst singe. Dass gar keiner singen wollte, ist mir mit meiner langen Karaokekarriere nur einmal passiert, in Köln. Da habe ich sechs Stunden lang ganz alleine gesungen. Ich habe in Köln aber auch schon sehr gute Karaokeveranstaltungen erlebt...

...die Anforderungen an die Teilnehmer: Karaoke ist harte Arbeit. Zunächst muss man ein riesiges Songbook lesen, dann muss man sich etwas aussuchen, dann einen Zettel mit dem gewählten Stück abgeben, dann warten, dann trinken, dann zwischendurch mitsingen, dann wieder warten und wieder trinken – und dann endlich selbst singen. Es ist nicht so einfach, wie am Tresen zu sitzen und lediglich einem DJ zuzuhören.

...Entertainment als Teil seiner Karaokeshow: In anderen Berliner Bars beschränkt sich die Moderation beim Karaoke auf das Aufrufen des Sängers. Ich hingegen moderiere und veranstalte auch kleine Spiele nebenbei. Das Publikum soll sich auch zwischen den Liedern amüsieren. Mein größter Erfolg war ein Luftgitarrenwettbewerb im SO36 in Berlin. Ich hatte 300 Tennisschläger superbillig auf dem Flohmarkt gekauft, so dass hinterher jeder in dem Raum eine "Luftgitarre" in der Hand hatte. Da sind dann alle mit auf die Bühne gegangen und waren hinterher total verklebt, weil ordentlich mit Bier rumgespritzt wurde. Zu einer anderen Partie im SO36 mussten alle in Frauenkleidern erscheinen und bei einer anderen Gelegenheit kamen alle als "tote Rockstars" verkleidet.

...Karaokeshows als Contest: Ich mache selten einen Wettbewerb. Ich bin zwar immer dafür vorbereitet, aber dafür muss man auch das richtige Publikum haben! Ich habe keine Lust auf eine blöde Talentshow, inszeniere stattdessen lieber kleine Spiele, die überhaupt nichts mit dem traditionellen Karaoke zu tun haben. Ich veranstalte dann Luftgitarrenwettbewerbe, lasse das Publikum auswählen, was der Sänger singen soll, egal ob der das Lied kennt oder nicht – und habe immer einige Karaoke-Scheiben auf Vietnamesisch dabei. Um in dieser sehr fremden Sprache zu singen, muss man nicht unbedingt talentiert sein, aber auf jeden Fall sehr kreativ. Ein anderes Spiel von mir heißt "Fan-Post". Dabei können alle Leute im Raum Fan-Briefe an die Sänger auf der Bühne schreiben. Bei kleinen Karaoke-Parties lernen sich die Leute auf diese Weise innerhalb von einer Stunde alle kennen.

...die Erfolge als Karaokemonster: Ich habe nie irgendwo für mich geworben, aber nach und nach riefen die Leute bei mir an, ob ich auch mal in ihren Kneipen Karaoke veranstalten wollte. Ich hatte nie wirklich die Idee gehabt, "Karaoke-DJ" als Job auszuüben. Es hat mir aber Spaß gemacht – und dann sind eben immer mehr Leute auf mich gestoßen. Ich habe mittlerweile schon mal für eine Gruppe von Anonymen Alkoholikern aufgelegt und in den USA in einem Altersheim. Die haben dort natürlich Stücke von Frank Sinatra gesungen und nichts von den Ramones!

...regelmäßige Auftritte in Berlin: Kleinere Kneipen sind mir in Berlin heutzutage am liebsten für meine Karaokeauftritte. In Berlin gibt es leider immer weniger Clubs in besetzten Häusern. Ich bin früher oft zu Solidaritäts-Parties der lokalen Punk-Rock-Szene eingeladen worden. In dem ehemaligen Berliner Punk-Club "Fettecke" habe ich mal eine zwölf Stunden lang dauernde Karaokeshow gemacht! Das war mein persönlicher Rekord. Ich finde zwar auch größere Veranstaltungen lustig, aber mit 40 Leuten und meiner Maschine in einem kleinen Zimmer, da fühle ich mich eigentlich am wohlsten.

...Einladungen ins Ausland: Ich kriege manchmal auch Anrufe aus der Schweiz, der Niederlande und Frankreich – und dann fahre ich auch dahin. Ich muss aber immer wieder feststellen, dass die Singqualität in Berlin höher ist. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie dort durch mich mehr im Training sind. In Amerika ist das noch mal ganz anders: Da sind alle Leute echte Karaoke-Profis. Die kommen auf die Bühne und sagen: "Zwei Tonlagen höher!" Die wissen genau, was sie singen. Es ist aber für mich auf keinen Fall eine Talentshow, es ist nur Spaß – auch wenn hin und wieder Sänger von irgendwelchen Bands mitmachen. Es macht einfach Spaß, selbst mitzusingen, und es macht Spaß, anderen Leuten dabei zuzuschauen.

...sein Gastspiel bei den Hosen in Berlin im Februar 2002: Ich habe mal wieder einen Anruf bekommen. Kiki rief mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei der After-Show-Party in der Columbiahalle meine Maschine aufzubauen. Ich habe keine Ahnung, woher der überhaupt von mir wusste. Hinterher haben auf jeden Fall Vom und Campino bei mir Station gemacht. Der Schlagzeuger hat "Sex and Drugs and Rock'n'Roll" ganz toll gesungen, und Campino hat sich "Sheena Is A Punk-Rocker" von den Ramones ausgesucht.

...die Zukunft des Karaokemonsters: Ich arbeite gerade daran, einige Stücke mit einer eigenen Band einzuspielen. Das ist aber noch nicht komplett. Irgendwann werden wir dann als "Karaokeband" auftreten – und die Sänger aus dem Publikum werden das Singen übernehmen.


Mehr über das Karaokemonster:

Homepage: www.karaokemonster.de

Zurück zur Übersicht