Stand: 01.02.2012
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![]() FREUNDE DES HAUSESDie Ohrbooten (im Juni 2007):
„Und immer wieder die Autobahn“Es ist ja allerhand passiert, seitdem Ihr 2005 Eure erste Platte „Spieltrieb“ auf JKP veröffentlicht habt…
Ben: Vor allem haben wir uns innerhalb der Band viel besser kennen gelernt. Schließlich gibt es uns in der Besetzung erst seit dreieinhalb Jahren. Während der Aufnahmen zur „Spieltrieb“-Platte waren die Beziehungen untereinander noch etwas anders. Wir wissen jetzt viel besser, wie die anderen ticken, wann man sie besser in Ruhe lässt und was die Macken sind. Wir sind einfach noch bessere Freunde geworden, was eine wichtige Voraussetzung ist, wenn man andauernd miteinander herumfährt. Und wenn wir heute auf der Straße spielen, fragt uns jetzt schon mal jemand: „Spielt Ihr eigentlich auch eigene Songs? Ihr covert ja die ganze Zeit die Ohrbooten!“
Was lernt man, wenn man innerhalb von zwei Jahren nicht weniger als 200 Konzerte absolviert?
Ben: Wir haben wirklich sehr viel live gespielt und sind immer mehr zusammen gewachsen. Das merkt man immer wieder beim Jammen, beim Songarrangieren und sogar bei der internen Manöverkritik. Es flutscht einfach alles etwas besser. Und: Wir haben uns durch das ständige Touren auch schon eine gewisse Aufmerksamkeit erspielt. Sonst hat sich nicht viel geändert: Wir definieren unsere Musikrichtung und unser Lebensgefühl immer noch als Gyp Hop. Dazu gehört das ständige Herumfahren, die Straßenmusik und irgendwelche Sprüche, die außer uns keiner mehr versteht. Wir haben uns in den letzten Jahren unsere eigene kleine Welt erschaffen.
Onkel: Wir haben uns bisher den Arsch abgespielt und werden das in diesem Jahr noch exzessiver tun. Und wir sind uns menschlich und musikalisch viel näher gekommen. Ich weiß jetzt zum Beispiel auch, wie Matze beim Pupsen riecht (lacht). Und alle wissen, dass ich keinen Fisch mag und gerne in die Sauna gehe. [Zwischenruf von Matze: Onkel zeigt sich gerne nackt; der ist irgendwie nudistisch veranlagt.] Die Band ist jetzt viel mehr auf dem Punkt. Als wir das erste Album aufgenommen haben, waren wir gerade ein Dreivierteljahr zusammen. Jetzt sind wir aufeinander eingegroovt. Und auf der Bühne funktioniert längst alles mit Blickkontakt.
Das Live-Spielen hat bei Euch immer noch eine größere Bedeutung als bei anderen Bands…
Matze: Das Live-Spielen ist das Triebwerk, das uns nach vorne bringt. Den Kraftstoff dafür hole ich mir allerdings eher, wenn ich alleine mit der Gitarre im Park sitze. Das Live-Spielen raubt einem ja auch ziemlich viel Energie. Wenn ich von einer Tour zurückkomme, packe ich mich immer erstmal in Nährlösung ein, schlafe zwei Tage durch und bin völlig im Arsch. In dem Moment merkt man, dass man die ganze Zeit über im roten Bereich war. Das Gewummer von vielen 1000 Watt und immer wieder die Autobahn, das schlaucht einen schon ganz schön.
Onkel: Das größte Plus, das wir als Band haben, sind unsere Konzerte, die Energie, die die Leute live abkriegen, direkt in die Fresse. Deshalb hieß die erste Platte auch „Spieltrieb“; eigentlich sind wir sogar „spielwütig“. Das ist auch der Grund, warum wir Musik machen: vor Leuten zu spielen und mit ihnen eine geile Party zu feiern. Die Leute sollen verdammt noch mal schwitzen und T-Shirts auf die Bühne schmeißen! Wir begreifen das Publikum nicht als eine graue Masse. Ich will die dahin kriegen, dass sie durchdrehen. Entscheidend dafür ist auch, wie wir uns auf der Bühne anordnen. Ben ist zwar als Sänger irgendwie der Frontmann, aber wir stehen alle vier vorne. Ben ist also nicht der Einzige, der die Ansagen macht oder auf das Publikum reagiert. Da kann auch ich mal vom Schlagzeug aus eingreifen. Und das hat dann manchmal fast etwas von Stand-up-Comedy.
Welche Auftritte sind Euch in besonderer Erinnerung geblieben?Ben: Es gibt immer wieder Straßenkonzerte, die irgendwie besonders sind. Das hat nichts mit der Masse zu tun. Zu einem Straßenkonzert kommen ja höchstens 200, 300 Leute. Es liegt einfach an dieser speziellen Situation. Eine große Überraschung für uns war das Ruth-Festival in Rudolstadt, bei dem wir 2006 den Deutschen Weltmusikpreis als Newcomer in Empfang nehmen durften. Da hatte vorher keiner von uns mit gerechnet, dass das so ein schönes und großes Festival ist. Das Fusion-Festival in Mecklenburg ist immer super. Beim Chiemsee Reggae Summer haben wir mal in einem Jahr zweimal auf der Bühne gestanden, erst auf der Hauptbühne und hinterher im Zelt. Und zuletzt hießen die Höhepunkte sicherlich „Rock am Ring“ und „Rock im Park“.
Onkel: Bei unserem ersten Gig im Berliner Postbahnhof wollte uns unser Tourmanager überraschen und hat uns vorher nicht gesagt, dass der Laden ausverkauft ist. Das hat er uns erst zehn Minuten vor dem Auftritt verraten! Vorher hatten wir unseren größten Gig vor vielleicht 700 Leuten gespielt, was auch schon echt viel war. Doch bei dem Konzert sind auf die Bühne geklettert und da standen plötzlich 1300 Menschen. Der Laden war gerammelt voll, das ganze Publikum total euphorisch und die hintersten Reihen habe ich kaum noch gesehen. Da habe zu mir selbst gesagt: Jetzt erstmal ruhig durchatmen! Wir waren während des Auftritts ganz schön hibbelig, aber zum Glück ist der Sänger nicht verstummt (lacht).
Inwiefern braucht Ihr die Konzerte auf der Straße auch heute noch?
Ben: Das Leben findet nun mal auf der Straße statt. Dort ergeben sich immer wieder unerwartete Situationen, auf die man spontan reagieren muss, und dadurch bleibt man im Kopf total flexibel. Notwendig sind solche Auftritte für uns immer dann, wenn wir mal länger keine Straßenmusik gemacht haben. Die Straße hat den Vorteil, dass man Menschen erreicht, die man sonst nie treffen würde. Für uns bedeutet es auch einen viel größeren Freiraum. Es wird viel mehr improvisiert, es ist alles viel chaotischer. Und genau das gehört auch zum Konzept. Wir wissen auf der Straße nie, mit welchem Song wir anfangen und mit welchem wir aufhören. So etwas ist ja auf der Bühne immer ganz klar festgelegt.
Vor ihrem Auftritt bei Rock am Ring 07 haben die Ohrbooten sich spontan einfach mal vor den Eingang gestellt und los gespielt . Natürlich hatte irgendwer sein Handy am Start!
Was läuft sonst noch anders, wenn Ihr auf der Straße spielt?
Ben: Noodt benutzt auf der Straße nur seine zwei Umhänge-Keyboards, Onkel spielt lediglich Cajon, Shaker und Schellenstab. Du musst die Songs auf ein Minimum reduzieren und schauen, was dir wirklich wichtig ist. Das ist immer sehr erfrischend für uns, gerade nach einer fetten Studioproduktion. Manchmal gibt einem das auch die Klarheit über einen Song wieder, die man angesichts von tausend Optionen im Studio fast schon verloren hatte. Durch das Jammen entstehen oft aber auch ganz neue Songs. Und vor allem entstehen Situationen: Wenn andere Musiker oder MCs vorbei kommen und mitmachen, ist das natürlich immer riskant, kann aber eine wichtige Inspiration sein.
Was sind das denn für Musiker, die bei Straßenkonzerten zu Euch stoßen?
Ben: Wenn wir in Berlin spielen, rufen wir einfach ein paar Freunde an. Es gibt zum Beispiel eine Band namens Circus Mandolini, die durch uns zur Straßenmusik gekommen ist. Das Prinzip funktioniert aber auch anderswo: Neulich haben wir uns in München aufgebaut und da sind nach und nach immer mehr fremde Musiker dazu gekommen. Das Ganze endete damit, dass wir am Ende mit einer kompletten Gypsy-Kapelle und irgendwelchen Kubanern im Englischen Garten standen und Ohrbooten-Songs gejammt haben, zu ACHTZEHNT. Das waren tatsächlich alles so gute Musiker, dass wir mit ihnen unsere eigenen Stücke spielen konnten.
Wo sind denn die Hochburgen der Straßenmusik in Deutschland, mal abgesehen von Berlin?
Ben: In München und Hamburg ist es für uns ziemlich gut gelaufen; in anderen Städten haben wir noch nicht so viel Erfahrung. Tendenziell ist es aber so: Wenn du den richtigen Platz gefunden hast, kann das überall funktionieren. Ein guter Platz ist immer ein Platz, an dem du niemanden störst und wo viele Menschen herumlaufen, zum Beispiel am Wochenende ein Flohmarkt oder ein Park. Wir gehen immer ganz direkt auf die Leute zu, quatschen die mit unseren Freestyle-Reimen an und wecken damit meistens sehr schnell Interesse. Die Erfahrung zeigt, dass die Leute einfach Lust haben auf qualitativ gute Musik, speziell wenn die ein bisschen anders ist. Trotzdem ist das hierzulande längst noch nicht etabliert, dass man sich als komplette Band auf die Straße stellt. In New York, Amsterdam, Barcelona oder Melbourne gehört es zum Standard. Im Frühjahr seid Ihr von der Straße zum zweiten Mal ins Studio gewechselt…
Ben: Eigentlich wollten wir sogar etwas früher ins Studio, aber unser Produzent Moses Schneider war noch mit den Beatsteaks beschäftigt. Zu unserem Glück: So ist mit „Zeit zu gehen“ in letzter Sekunde ein weiterer Song entstanden. Wir hatten einfach noch etwas mehr Zeit zum Schreiben. Die meisten Stücke waren zu dem Zeitpunkt aber längst fertig. Wer uns in den letzten beiden Jahren öfter live gesehen hat, wird die Hälfte der Songs schon mal gehört haben. „Babylon bei Boot“ haben wir bereits 2005 gespielt, mit „Kaufrausch“, „Man lebt nur einmal“ oder „Meerchen“ verhält es sich ähnlich. Dazu kommen jetzt aber noch einige neuere Stücke, die wir nur auf der letzten Tour gespielt haben.
Wie entsteht ein typisches Ohrbooten-Stück?
Matze: Es gibt kein typisches Ohrbooten-Stück. Die Wirkung eines Songs lässt sich nicht konzipieren; das beruht alles auf dem Wechselspiel mit dem Publikum. Songschreiben ist ein ständiger Entwicklungsprozess, bei dem man immer für Veränderungen offen sein muss.
Onkel: Manchmal bringt Ben einen Text und ein paar Harmonien mit, die auf seiner Wandergitarre entstanden sind. So war es zum Beispiel bei „Zeit zu gehen“. Matze, Noodt und ich versuchen dann, einen richtigen Song daraus zu machen. Manchmal stammt die Inspiration auch von der Straße, weil wir dort ständig improvisieren. Und hin und wieder kommen uns dabei musikalische Ideen, die wir im Proberaum wieder aufgreifen. Die dritte Variante ist, dass ich mich alleine hinsetze und einen Beat zusammenbastle. Ben kriegt also ein Instrumental an die Hand und kann damit weiterarbeiten.
Manchmal entflieht Ihr der gewohnten Umgebung auch und fahrt zusammen aufs Land…
Onkel: Wir versuchen, einmal im Jahr wegzufahren, um uns für eine Woche einzuschließen. Letztes Jahr waren wir an der Nordsee und haben bei Freunden auf einem Wohnwagengelände gewohnt, „Tal der Ahnungslosen“ genannt. Da hat man keinen Funkempfang und muss man sein Telefon in die Luft halten, um Empfang zu kriegen. Da haben wir ein paar Tage gezeltet und im Wohnwagen gelebt. Es gibt dort nur ein festes Haus auf dem Gelände. Da haben wir unsere Instrumente dann in der Küche aufgebaut.
Wie gehen die anderen Bandmitglieder damit um, wen Ben einen neuen Text anschleppt?
Matze: Wenn wir irgendetwas an Bens Texten nicht verstehen, sprechen wir darüber. Um einen Text vertonen zu können, musst du den Inhalt für dich selbst erfassen. Es geht darum, die wichtigen Stellen herauszufinden und hinterher zu betonen. Selbst wenn man nur die Backings singt, muss man den ganzen Text kennen. Manche Sachen verstehe ich aber bis jetzt noch nicht (lacht). Im Ernst: Es ist schon eher die Ausnahme, dass wir über einen Text diskutieren. Meistens werden die schon so genommen, wie Ben sich die ausgedacht hat.
Onkel: Was zuletzt zu kontroverse Meinungen führte, war der Text zu „10 kleine Menschlein“, das ja auch auf der neuen Platte zu finden ist. In dem Stück geht es um Glaubensfragen, und es war nicht so einfach, untereinander einen Konsens zu finden. Da haben wir bandintern lange drüber diskutiert und das hat mir persönlich gezeigt, dass der Song eine ganz spezielle Substanz hat.
Der Titelsong der neuen Platte, „Babylon bei Boot“, ist so etwas wie Euer Glaubensbekenntnis. Welche Bedeutung hat der Text für Euch?
Ben: Babylon ist für uns kein positives Wort. Babylon steht für die Welt, für das System und für eine Gesellschaft, die darauf ausgerichtet ist, Geld zu verdienen. Wir sind halt auch ein Teil davon, machen aber unser eigenes Ding, „fahren mit dem Boot rum“. „Kaufrausch“ und „Bild Dir Deine Meinung“ sind auf der Platte gelandet, weil sie sehr gut zum Titelsong passten. „Bild Dir Deine Meinung“ ist einer der härtesten Texte, die ich je geschrieben habe. Wenn man lauter Werbeslogans zusammenpuzzelt, kriegt man irgendwann eine Macke (lacht). Das war aber keine bewusste Entscheidung nach dem Motto: „Komm, lass uns mal ein bisschen Konsumkritik üben!“ Ich fand es einfach erschreckend, diese ganzen Slogans zu lesen und zu merken, dass ich über die Hälfte kenne.
Du zeichnest wieder für alle Texte verantwortlich, bis auf einen. Warum hast Du wieder mit Johnny Strange von Culcha Candela zusammen gearbeitet?
Ben: Mit Johnny habe ich bereits im Frühjahr 2003 die „Autobahn“ geschrieben. Wir kennen uns schon aus einer Zeit vor Culcha Candela und den Ohrbooten, ganz einfach aus Kreuzberg. Unsere Sessions sind immer sehr intensiv. Die Texte werden sehr lange ausdiskutiert und deswegen machen sie meistens auch so viel Sinn. Das sind immer so sechs bis sieben Treffen á acht Stunden, schön gemütlich mit Brötchenessen und Kaffeetrinken. Bei unserem zweiten gemeinsamen Versuch ist jetzt eben die Story zu „Keine Panik“ entstanden. Wir haben einfach großen Spaß, zusammen Stücke zu schreiben.
Während andere Bands oft aus einer Szene kommen, entstammt ihr eigentlich vier verschiedenen. Wer steht bei Euch für welches Genre?Ben: Noodt kommt vom Jazz und Funk, Matze steht für Reggae und Polka und von mir stammen Reggae-, HipHop- und Singer-/Songwriter-Elemente. Onkel, der bis heute nebenbei in einer Metal-Band spielt, sorgt schließlich dafür, dass es richtig kracht. Mittlerweile verfließen die Grenzen aber längst. Onkel hat sich früher nie mit Reggae, Ragga oder Dancehall beschäftigt, Noodt ist erst durch uns zu Ska und Polka gekommen und ich hatte früher überhaupt nichts mit Jazz oder Funk zu tun. Es ist toll zu sehen, wie sich die ganzen Einflüsse mittlerweile mischen und den besonderen Charme der Ohrbooten ausmachen.
Onkel: Reggae und HipHop waren für mich das absolute Neuland. Wir haben uns aber mittlerweile sehr angenähert und unseren eigenen Mix aus allen Einflüssen gefunden. Schließlich fahren wir gemeinsam sehr viel Bus (lacht). Die Zeit muss immer überbrückt werden. Und das macht man als Musiker eben sehr oft mit Musikhören. Bei uns darf jeder reihum mal seine Sachen auflegen. Es gilt das ungeschriebene Gesetz: Wer gerade fährt, hat die Macht. Noodt musste sich in den letzten dreieinhalb Jahren also zwangsläufig ziemlich viel Metal von mir anhören…
Das offene musikalische Konzept ist sicher eine große Stärke von Euch. Die erste Single „Bewegung“ kommt sogar etwas orientalisch daher…
Ben: Die wiederkehrende Melodie, die übrigens mit einer Sitar gespielt wird, entstand ursprünglich aus einem ganz anderen Grund. Meine Freundin ist Bauchtänzerin und brauchte coole Musik zum Tanzen. Wir haben damals etwas zusammen rumgefrickelt und hatten irgendwann diese Tonfolge. Später ist die Melodie dann irgendwie bei den Ohrbooten gelandet... Ich habe das Stück bewusst in Cis angelegt, weil die ganze indische Musik darauf beruht. Den Text habe ich schon mit dem Hintergedanken geschrieben, dass bei uns irgendwann mal Leute auf der Bühne dazu tanzen.
Das Video zu „Bewegung“ habt Ihr in Eurem Proberaumkomplex in Berlin gedreht. Wie schaut es da aus?
Onkel: Zu Ostzeiten saß in dem ORWO-Haus in Berlin-Marzahn eine Fotolaborfirma; heute haben hier über 60 Bands ihre Heimat gefunden. Wir hatten das Glück, dass wir einen Raum bekommen haben, der komplett ausgebaut war, sogar mit zwei Bühnen. Unsere Vormieter hatten dort zuerst ein Tonstudio eingerichtet; dann haben sie es mit einer Cocktail-Lounge versucht, ausgerechnet in dem Stadtteil mit den meisten Plattenbauten Berlins! Irgendwie ist das Konzept nicht aufgegangen (lacht). So haben sie sich in ihrer Spätphase auf die Pornofilm-Produktion verlegt. Und das ist auch der Grund, warum unser Proberaum so bizarr eingerichtet ist: überall Pufflichter, große Wandspiegel und sogar eine Tanzstange aus Edelstahl ist uns erhalten geblieben. Wenn Ihr das bisherige Konzept beibehaltet, neue Stücke erstmal ausgiebig live auszuprobieren, beginnt ab sofort die Arbeit am dritten Album?
Onkel: Wir versuchen tatsächlich immer, so viele Songs wie möglich erstmal live zu checken. Für „Babylon bei Boot“ haben wir 80 bis 90 Prozent der Stücke erst einmal live getestet. Und dann haben wir alle Songs zusätzlich noch einmal in meinem Studio aufgenommen. Dadurch haben wir eine sehr konkrete Vorstellung davon entwickelt, wie das Ganze hinterher auf Platte klingen würde. Wir sind sehr gut vorbereitet zu unserem Produzenten Moses Schneider ins Studio marschiert.
Matze: Beim Live-Test entscheidet allein das Publikum. Dass ein Stück im Proberaum dufte klingt, heißt ja noch nicht, dass das auch auf der Bühne funktioniert. Durch das Live-Spielen verändert sich häufig auch noch etwas an den Liedern. Wir merken einfach, wo wir schon richtig liegen und welche Parts wir getrost weglassen können. „Man lebt nur einmal“ ist live zum Beispiel immer stärker geworden; die Leute feiern das Stück echt tierisch ab. Was aber nicht jeder weiß: Das ist jetzt bereits die vierte Version dieses Songs. Worauf die Leute steil gehen, merkst du erst in dem Moment, in dem du ihnen etwas vorspielst.
Welche Songs darf das Publikum in diesem Sommer auf der Bühne erwarten?
Ben: Auf den Festivals in diesem Sommer werden wir sicherlich kein Material spielen, das man noch gar nicht kennt. Wenn der Auftritt nur 45 oder 60 Minuten dauert, greift man natürlich auf die aktuelle Platte zurück. Bei „Rock am Ring“ haben wir eine halbe Stunde gespielt und hatten 3000 Leute im Zelt. Ich weiß nicht, ob das daran lag, dass wir vorher am Eingang eine kleine Straßenmusik-Session gemacht hatten. Ich schätze eher, deshalb sind höchstens 30, 40 mehr gekommen (lacht). Auf der Tour im Herbst werden wir aber bestimmt auch wieder die eine oder andere Nummer spielen, die noch auf keinem der beiden Alben veröffentlicht ist.
Welche Schwierigkeiten ergeben sich, wenn man so ausgiebig tourt, wie Ihr das zurzeit macht?
Onkel: Wir sind einfach eine Band, die sehr gerne live spielt. Eine Platte schreibt sich aber nicht von selbst. Deshalb müssen wir uns zwischendurch immer wieder Freiräume schaffen. Ben setzt sich sogar manchmal auf der Autobahn die Ohrstöpsel ein und hört sich die neuesten Instrumentals an. Bei uns würde es einfach nicht funktionieren, wenn wir sagen würden: Komm, wir setzen uns jetzt mal einen Monat hin und schreiben ein komplettes neues Album! Der Reifeprozess, den bei uns Songs durchlaufen, ist einfach länger. Der ist so wie bei einem guten Wein…
Matze: …oder wie bei Leder…
Onkel: …oder wie bei Whisky! Der 24 Jahre alte schmeckt besser als der 21 Jahre alte. Ein bisschen so ist das auch bei unseren Liedern. Für alle, die sich jetzt die CD kaufen, sind die meisten Songs unbekannt. Wir aber sind schon länger damit unterwegs; kennen die längst in- und auswendig. Damit wir selbst frisch bleiben, schrauben wir also immer an neuen Sachen. Weil wir aber so viel unterwegs sind, wird die Zeit dafür immer kostbarer. Während der Festivalsaison gibt es kein Wochenende, an dem wir nicht spielen. Wir sind gerade fast ständig unterwegs. Und das wird auf unserer Tour im Herbst noch extremer werden.
Matze: Bei uns ist im Moment also wieder Ideensammelzeit. Ich spiele sowieso morgens, mittags und abends Gitarre; da bleibt schon mal eine neue Melodie hängen. Hinterher ist das wahrscheinlich wieder wie auf der Baustelle. Wir haben sehr viel Material, wir haben sehr viele Pläne, haben auch schon ein Grundstück und die Baugenehmigung, aber wir müssen uns trotzdem noch treffen, um das Ganze zusammenzubauen. Die Tonträger sind alle auf dem Label der Toten Hosen erschienen. Habt Ihr schon irgendwelche Parallelen zwischen beiden Bands entdeckt?
Ben: Sicherlich haben sich die Hosen auch „hochgespielt“. Wir machen das genauso: Wir spielen, spielen, spielen und umso größer wird es. Es ist nicht so, dass wir einen Song hätten, der überall rauf- und runtergespielt wird, und plötzlich geht alles von alleine. Wir machen schön einen Schritt nach dem anderen. Es fühlt sich gut an, zur großen Toten-Hosen-Familie zu gehören. Und wir haben mittlerweile auch immer ein paar Punker im Publikum. Bei jedem größeren Konzert wird mittlerweile gepogt.
Onkel: Stagediving und Crowdsurfen ist eine Entwicklung der letzten Zeit. Es sind aber auch immer viele, schöne Mädchen zugegen, besonders in den vorderen Reihen. Wenn wir im Postbahnhof in Berlin spielen, ist 60 Prozent unseres Publikums unter 18 Jahren – aber bei uns gibt es trotzdem kein Playback und es werden auch keine Kuscheltiere geworfen. Die Hompage der Ohrbooten: www.ohrbooten.de |
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