Freunde des Hauses //
Rocko Schamoni

"Und dann tauchte diese Opel-Gang auf..."

Interview mit Rocko Schamoni, Entertainer (im Mai 2000)

??? Wie sind die Toten Hosen in Dein Leben getreten?

Rocko Schamoni In meiner Heimatstadt Lütjenburg war ich 1981 einer der ersten Punks. Wir haben vor allem englische Punk-Bands wie Buzzcocks oder Clash gehört - und deutsche wie Male. ZK hatten sich gerade aufgelöst, die Fehlfarben gründeten sich. Deren Platte von 1982, "Monarchie und Alltag", war übrigens eine ganz große Platte für uns alle! Es ging aber dann das Gerücht um, dass es eine Nachfolgeband von ZK geben sollte. Und die wäre angeblich "ganz anders" und trage dazu total verrückte 70er-Jahre-Klamotten. Nachdem wir lange kein Ventil für unseren Spaß gefunden hatten, tauchte nun diese Opel-Gang auf - und damit etwas, was in Deutschland später Fun-Punk heißen sollte. Die erste Single "Armee der Verlierer" erschien und spätestens von da an wussten wir alle: Das ist das nächste große Ding, auf das wir die ganze Zeit gewartet haben! Die Hosen hatten für uns Punks in Deutschland dieselbe Bedeutung wie die Sex Pistols für England - jedenfalls für uns Punks vom Land. Ich habe die "Opel Gang"-LP ein Jahr lang jeden Tag mindestens viermal gehört, und dazu natürlich bei jeder Autofahrt auf Kassette.

??? Wie ergab sich Deine eigene Künstlerkarriere?

Rocko Schamoni Ich gehörte damals vom Umfeld her zu den OH-Subs, den Ost-Holstein-Punks.
1981/82 hatte ich meine erste eigene Band, die zunächst Warhead hieß und dann von uns in Public Enemy umbenannt wurde. Nachdem die Hosen auf der Bildfläche erschienen waren, spielten wir natürlich auch nur noch Fun-Punk und änderten unseren Namen passenderweise in Die Götter. Eines unserer Stücke war das sogenannte Sauflied - das vor allem eines war: schrecklich!

??? Wann hast Du die Hosen persönlich kennengelernt?

Rocko Schamoni Schorsch Kamerun, der auch den OH-Punks gehörte, hatte bereits Kontakte zu ZK. 1984 fuhren wir zusammen zu einem Konzert nach Timmendorff an der Ostsee. Der Moment, in dem die Hosen mit einem Sarg auf dem Dach ihres Autos dort ankamen, ist wohl nach wie vor eines der aufregendsten Bilder meiner Jugend - auch weil ich wusste, dass das Leute gleichen Alters waren, die man an diesem Tag kennenlernen würde. Dieses Kennenlernen fand dann richtig aber erst ein Jahr später statt. Für ein Berufsbildungsjahr musste ich nämlich zwischendurch für zwölf Monate nach Plön und verfiel dort mit meinem Freund Partyschaum auf die irrsinnige Idee, deutschen Schlager zu machen. Wir nannten uns Die Amigos und unser Stück "Chico war geritten - 13 Tage lang" kam bei allen unseren Freunden überraschenderweise besser an als jeder unserer alten Punksongs. Also haben wir weitergemacht - mit Sombreros, Ponchos, silbernen Schlaghosen und Gitarren auf dem Rücken. Dass Punks Schlager machten, war damals etwas völlig Neues!
Silvester 1985 sind wir dann nach Berlin gefahren, weil wieder mal die Hosen spielen sollten - in der dortigen Walde-Disco. Mit unserem neuen Gewand sind wir den Hosen erneut vorgestellt worden, noch vor deren Gig. Und die haben offensichtlich gedacht: "Die sehen ja noch geiler aus als wir!" Es war sofort Interesse an uns da - auch weil ihnen bekannt war, dass ich unterdessen den "Klub der Gemeinen" gegründet hatte, in dem jedes Mitglied jeden Tag etwas Gemeines tun musste. Sie haben uns angeboten, an diesem Abend nach ihnen zu spielen. Und das war damals mit unseren 18, 19 Jahren natürlich das Größte, was wir uns vorstellen konnten! Doch leider hat mein Kumpel Partyschaum zu lange gebraucht, um seine Gitarre zu stimmen, so dass bereits alle Konzertbesucher rausgegangen waren, als wir anfangen wollten. Ich war wirklich sehr, sehr traurig damals.

??? Was hatte es mit dem "Klub der Gemeinen" auf sich?

Rocko Schamoni Nach dem Konzert in Berlin sind Campino und ich unter den Tischen auf dem Boden rumgeklettert und haben die Schnürsenkel der Anwesenden zusammengeknotet. Das hat mehrmals sehr gut funktioniert - und Campino war damit aufgenommen. Außerdem waren wir von dem Moment an Freunde. Ein halbes Jahr später erschuf ich dazu den legendären Punk-Ausweis, mit dem man zum Beispiel überall hinpissen darf. Diesen Ausweis bekamen nur Aldo Moro und Schorsch von den Goldenen Zitronen, Campino und Andi von den Hosen und ich selbst. Campino hat diesen Ausweis noch bis heute in seinem Portemonnaie. Das wird auch immer kontrolliert, wenn wir uns treffen. In der Hinsicht herrscht bei uns eine regelrechte Viehzüchtermentalität vor; da werden auch manchmal Strafen ausgesprochen. Heute ist das immer noch der "Klub der letzten großen Punks der Welt"!

??? Wie entwickelte sich in den folgenden Jahren Dein Verhältnis zu den Hosen?

Rocko Schamoni Auf der nächsten Platte, "Damenwahl", widmeten sie unter anderem mir das Stück "Wort zum Sonntag". Da hieß es handschriftlich: "Für Rocko Schamoni, Faust, Elmar, Kiki, Bollock und alle anderen letzten Mohikaner". Stolzer als in dem Moment, in dem ich die Platte in den Händen hielt, konnte ich eigentlich nicht mehr werden! Danach boten sie uns an, mit ihnen auf Tour zu gehen. Und diese Tournee verlief sehr erfolgreich - jedenfalls für die Hosen und Goldenen Zitronen, die ebenfalls dabei waren. Für mich war es etwas schwieriger, da ich die ganze Zeit vom Publikum beschmissen wurde. Es waren insgesamt sehr wilde, sehr gute Touren zu dieser Zeit; wir haben super Abende miteinander verbracht. Danach ging es aber karrieremäßig auseinander.

??? Wie würdest Du diese Entwicklung beschreiben?

Rocko Schamoni Ich habe damals angefangen, Beat- und Soulmusik zu hören. Die Hosen haben Karriere gemacht, sind aber ihrer Musik treu geblieben. Ich denke, dass sie sich in ihrem eigenen Spielraum so weit entwickelt haben, wie sie konnten. Meiner Meinung nach haben sie sich allerdings zu spät für andere Musik interessiert. Für ihr Publikum war es halt nicht notwendig, andere Schritte zu gehen. Mein persönlicher Hosen-Tiefpunkt war das Stück "Jägermeister". Entscheidend für mich war aber grundsätzlich nie der musikalische, sondern immer der menschliche Standpunkt. Und von dem aus ist jeder Einzelne der Hosen einen guten Weg gegangen. Die Jungs sind wirklich die feinen Typen geblieben, die ich einst kennengelernt habe: ehrlich, unprätentiös und kollegial. Ich freue mich immer, sie zu treffen: Freunde fürs Leben lernt man halt immer in der Jugend kennen. Und da spielt es für mich auch keine Rolle, wenn die nächste Platte plötzlich die beschissenste aller Zeiten werden würde.

??? Welche Projekte betreibst Du zur Zeit?

Rocko Schamoni Ich mache vieles auf einmal: elektronische Musik mit meiner Band Connection Point, dazu als Solokünstler eigene Soul-Disco-Nummern - und zuletzt war ich gemeinsam mit dem deutschen Disco-King Erobique sowie Jacques Palminger alias Heiner Ebber (rechts im Bild) von Dackelblut, einem wahren Revolutionär in Sachen Humor, als Birdclock auf Tour. Dazu habe ich meine fiktive Autobiographie "Risiko des Ruhms" veröffentlicht und auch eine eigene Sendung bei Viva-2 angeboten bekommen. Bei mir läuft extrem viel zur Zeit; eigentlich bin ich bis zum Frühjahr 2001 ausgebucht.

??? Auch im Intro der aktuellen Hosen-CD "Unsterblich" ist Deine Stimme zu hören...

Rocko Schamoni Die Hosen haben Heiner Ebber und mich gefragt, ob wir Ideen für ein Hörspiel hätten. Heiner hatte das mit der Polizei seit zehn Jahren bei sich rumliegen. Er hat das dann neu eingesprochen - und ich habe, weil kein anderer wollte, den ersten Teil davon übernommen.

??? Zum abschließenden Abschluss: Was sind Deine drei Hosen-Lieblingslieder aller Zeiten?

Rocko Schamoni "Wort zum Sonntag", "Armee der Verlierer" und "Rocko Schamoni ist der Stern an unserem dunklen Himmel", die voraussichtlich nächste Singleveröffentlichung der Hosen.


Rocko Schamoni - (Die offizielle Biografie)

Ist jetzt 33, wurde 66 geboren und wir haben 99. Geburtsort: Porto Fino in Nord-West-Italien, Vater ist italienischer Abstammung und arbeitet als Regisseur (Filme z.B.: "Fresco Tedesco", "Das Volk ohne Eigenschaften"...), Mutter kommt aus Luxemburg und arbeitet seit 11 Jahren als Orchester-Harfinistin im Berner Staatstheater. Die Eltern zogen mit R.S. und seinen 2 Schwestern 1969 nach München und 1972 dann nach Kampen. Er hatte eine behütete Kindheit und Jugend auf Kampen, einer überschaubare Insel, er ging dort zur Schule und machte 1986 sein Abitur mit guten Noten. Die Lieblingssportarten sind Segeln, Surfen und Reiten. Ist auch ein recht guter Polospieler. Über das reiche Kulturangebot zu Hause und den regen Besuchsverkehr von Künstlern und Schriftstellern wurde R.S. früh an die Kunst herangeführt. Er hatte 3 Jahre Klavier- und Oboenuntericht, brach diesen dann aber zu Gunsten seiner aufgehenden Jugend ab und spielte im Jugendpoporchester von Kampen. Mit neunzehn 2 Jahre Besuch der Privatkunsthochschule Seicher in Bern, zu dieser Zeit trennten sich die Eltern und die Mutter ging ebenfalls nach Bern. Mit 21 ging R.S dann nach Hamburg, um ein Praktikum bei "Gruhner und Jahr" zu machen. Es gefiel ihm so gut, dass er blieb und beschloss sich in die Popszene zu mischen.

1987 erste Single "Liebe kann man sich nicht kaufen"
1988 erste LP "Vision"
1989 zweite LP "Jeans und Elektronik"
1990 dritte LP "Disco"
1991 eigenes Label (Pudel Produkte) und erster Sampler aus dem Pudel Klub, Titel: "Operation Pudel 2000" (u.a. mit Goldene Zitronen, Helge Schneider, Rocko Schamoni...)
1992 vierte LP mit der Band "Motion", Titel: "Ex- Leben"
1995 fünfte LP "Galerie Tolerance"
1997 Fernsehdreiteiler "Pudel Overnight" (3Sat)
1998 Musik am Hamburger Schauspielhaus für Elfriede Jelinecks "Sportstück"
1999 August "Showtime", September das Buch "Risiko des Ruhms" bei Rowohlt, ausserdem CD mit dem Projekt "the Connection Point".
Dazwischen div. Singles, Maxis, Videos, Remixe, Fernsehauftritte und Tourneen.


Mehr über Rocko Schamoni:

Homepage: www.rockoschamoni.de

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