Freunde des Hauses //
Rory Lyons

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Campino im Schlafzimmer des Berglöwen

Interview mit Rory Lyons, Gitarren-Roadie von Kuddel auf der "Friss oder stirb"-Tour

Du trägst eine beeindruckende Punk-Biographie mit Dir rum, hast bei den UK Subs und bei King Kurt gespielt. Wie bist Du mit dieser Szene in Berührung gekommen?

Anfang 1976 habe ich in einer kleinen Stadt 50 Kilometer südlich von London gelebt. Alle meine Freunde mochten Status Quo, Deep Purple, Uriah Heep, Yes, also fürchterlichen langhaarigen Hippie-Scheiß. Ich habe dann auch mal bei einer Progressive-Rock-Band als Schlagzeuger ausgeholfen, als Vertretung von Chris Millar, und bin im Juni 1976 in den Norden von Schottland gezogen, um mich in den Highlands zum Wildjäger ausbilden zu lassen. Simon, der Gitarrist der Band, schickte mir dann aber Briefe und Musikmagazine, die sagten: Schneide Deine Haare ab und komm zurück nach London, es ist wirklich aufregend. Er sprach von Bands, die The Damned und The Sex Pistols genannt wurden.

Wann bist Du nach London zurückgekehrt?

Ich habe mir dann wirklich meine Haare abgeschnitten und war ab Weihnachten 1976 wieder in London. Chris Millar hieß mittlerweile Rat Scabies und war Schlagzeuger von The Damned, Simon hieß jetzt Slimey Toadie und spielte Gitarre bei Johnny Moped, wo auch hin und wieder Captain Sensible und Chrissy Hynde mitspielten. Mein erstes Punk-Konzert waren dann Anfang 1977 Johnny Moped im The Roxy. Das war komplett fantastisch und gleichzeitig das Ende meiner Karriere als Wildjäger! Ich wurde zu ihrem Roadie, aber ich habe nicht wirklich viel gemacht, außer die Boxen in die Clubs zu tragen, Freibier zu trinken und manchmal die Background-Stimme zu übernehmen.

Wie bist Du dann selbst Mitglied einer Band geworden?

Ich hatte vorher zu Schulzeiten nur in ein paar schlechten Cover-Bands gespielt. Als ich dann während meines Jobs bei Johnny Moped darüber nachdachte, mich selbst einer Punk-Band anzuschließen, fand ich eine Anzeige der UK Subs, die einen Schlagzeuger suchten. Also habe ich mich mit Charlie Harper, dem Sänger, in dessen Friseursalon getroffen und dann habe ich sie mir live angeschaut, und sie waren richtig gut. Nach einer kurzen Probe in Charlies Wohnung heuerte ich im Herbst 1977 bei ihnen an. Sie waren vorher eine R´n`B-Band gewesen, aber von dem Zeitpunkt an, wo ich dabei war, spielten sie nur noch Punk-Konzerte. Wir spielten vor Adam & The Ants und Cock Sparrer, im The Roxy und The Marquee und in etlichen Pubs außerhalb von London. Und wir nahmen zwei Live-Stücke für die zweite „Live At The Roxy“-LP auf.

Wie hast Du die Konzerte dieser Zeit erlebt?

Ich war damals 18 Jahre alt, wurde gerade 19. Die Konzerte mit den Subs waren damals ziemlich klein und häufig auch eher schlecht besucht, es kamen auch mal nur 100 Leute. Aber jeden Sonntag spielten sie in einem Pub in Süd-London, der The Castle hieß, und manchmal ging es dort wirklich sehr wild zur Sache. Sie wurden später aus diesem Pub verbannt, als er einmal etwas beschädigt wurde… Und als wir in Brighton spielten, um die lokale Punk-Band Wrist Action zu supporten, wurden wir sogar vom Fernsehen gefilmt. Aber Charlie und ich kamen nicht allzu gut miteinander aus. Er war überzeugt, dass ich was von seiner Freundin Paula wollte – und so verließ ich die Band nach sechs Monaten wieder.

Wo hast Du Deine musikalische Karriere fortgesetzt?

Ich habe in den folgenden Jahren in allen möglichen Band gespielt, bis mich jemand, mit dem ich zur Schule gegangen war, fragte, ob ich in seiner Band Schlagzeug spielen wolle. Die Band hieß Rockin´ Kurt and The Sauerkrauts, später verkürzt zu King Kurt. Er hieß Jeff und war der Sänger, wurde aber später von Smeggy aus Brighton ersetzt. Die beiden Gitarristen kamen vom sehr frühen 50er-Rock´n´Roll und Rockabilly. Ich wusste vorher nichts über diese Musik, weil ich ein junger Punk-Rocker war, aber dieser frühe Rock´n´Roll ist sehr roh und voller Energie, unterscheidet sich also nicht allzu stark von Punk. So mischten wir alle Arten von Musik zusammen und machten Punkabilly. Später sprach man in dem Zusammenhang von Psychobilly, obwohl King Kurt viel mehr Humor und weiter gefächerte Einflüsse hatte als andere Bands wie The Meteors oder The Cramps.

Und bei den Konzerten von King Kurt flog immer so einiges durch die Luft…

Zunächst einmal waren wir eine sehr gute Rock´n´Roll-Band. Als wir anfingen, Konzerte zu spielen, waren wir für eine Zeit richtig angesagt. Wegen unseres ursprünglichen Namens und wegen einem der Texte („Rockin Kurt’s sausage is würst“) haben wir Unmengen von Würsten gekauft und sie statt einer normalen Kulisse in den hinteren Bühnenbereich gehängt. Und wir haben Gläserweise Sauerkraut ans Publikum verteilt. Zum nächsten Konzert brachten die Leute dann schon ihr eigenes Sauerkraut mit – und bei den nächsten Konzerten entwickelte sich eine immer schneller eskalierende Essensschlacht zwischen Band und Publikum: Würste, Eier, Mehl und nach einigen Jahren einfach KOMPLETT alles inklusive gelegentlich: tote Tiere, die man auf der Straße gefunden hatte, Eichhörnchen, Würmer, Maden usw. In Holland haben sie immer große Fische geworfen und das Paradiso in Amsterdam hätte fast mal einen Gig abgesagt, weil unser Equipment so furchtbar stank, als wir ankamen und den Kram abluden.

Habt Ihr zu dieser Zeit auch in Deutschland gespielt?

Wir haben 1983 im Ratinger Hof gespielt. Campino war damals im Publikum, aber natürlich kannte ich ihn damals noch nicht. In Deutschland zu touren, war immer der größtmögliche Spaß, den sechs betrunkene Singles haben konnten. Meine hauptsächlichen Erinnerungen, außer dass ich zum ersten Mal Elmar getroffen habe, sind nicht die Konzerte, sondern die Hotels. Wir wurden in diese hübschen und teuren Hotels für Geschäftsleute gebucht und waren komplett dreckige Tiere. Jede Tour hatte ein Thema: eine Tour lang haben wir uns „Dirty Half Dozen“ (Dreckiges halbes Dutzend) genannt und uns die gesamte Tour nicht gewaschen. Ein anderes Mal haben wir auf der Bühne lediglich so Tarzan-mäßige Unterhosen getragen und diese natürlich Tag und Nacht anbehalten.

Wie ist der Kontakt zu Deinen ehemaligen Kollegen heute?

Ich sehe einige von King Kurt gelegentlich, aber wir sind keine engen Freunde. Deshalb war ich auch nicht überrascht, dass ich nicht gefragt wurde, als sich einige von ihnen 1992 reformierten. Manche Sachen kann man einfach nicht neu erschaffen. Es war ein unglaublicher Spaß damals, aber wir haben uns vielen Leuten gegenüber wirklich abscheulich verhalten – und ich versuche mich heute wie ein gut erzogener Junge zu benehmen. Ich glaube, es ist nur noch der Sänger Smeg, der heute als „King Kurt“ tourt.

Nachdem Du heute der Gitarren-Roadie von Kuddel bist, müsstest Du doch erklären können, auf welche spezielle Art der sein Instrument bedient…

Ich bin leider selbst kein Gitarrist. Ich kann nur einen Akkord spielen, den ich dazu nutze, um zu überprüfen, ob das Equipment funktioniert. Also kann ich Kuddels Spielweise überhaupt nicht kommentieren oder seinen Anteil am Sound der Band bewerten. Nichtsdestotrotz weiß ich, dass er ein sehr guter Gitarrist ist. Ich kümmere mich mit großer Sorgfalt um seine Holzgeräte und unsere technischen Unterhaltungen sind normalerweise wie die folgende: „Welche Gitarre hättest Du gerne, Kuddel?“ – „Die rote bitte, Rory.“ – „Und nach der, Kuddel?“ – „Die schwarze, bitte.“ Diese Methode der Zusammenarbeit scheint gut zu funktionieren, er scheint zweifellos zufrieden zu sein. Und ich natürlich auch.

Wie hast Du die Hosen kennengelernt?

Ich habe die Hosen zum ersten Mal 1992 getroffen, als ich Tourmanager der Manic Street Preachers war. Die Hosen hatten sie eingeladen, Support-Band für ein paar Shows zu sein. Und so habe ich Kiki kennen gelernt. Ich wollte damals unbedingt zum Roskilde-Festival, hörte davon, dass die Hosen dort spielen und so fragte ich Kiki, ob es irgendeinen Job gäbe, den ich machen könnte. „Sicher, aber wir können Dich nicht bezahlen…“ – „Kein Problem!“ So bin ich mit in den Bus gestiegen – und zusammen mit Elmar, Faust, Bollock, Kiki und Manfred ging es nach Roskilde. Doch vorher galt es unterwegs noch eine spezielle Mittsommer-Party zu feiern, in einem hübschen, kleinen Ort in der Nähe von Oslo in Norwegen. Wir mussten aus dieser Stadt flüchten, aber diesmal war Kuddel schuld, weil er das Frühstück, das eigentlich für alle Gäste gedacht war, in einer großen Pyramide auf seinem Teller gestapelt hatte und dann lachend herumsaß. Möglicherweise wären wir nicht deshalb aus dem Hotel geflogen, aber wir hatten den ganzen Ort und das Hotel schon in der Nacht zuvor in den Wahnsinn getrieben. Wir haben uns dort unter den Einwohnern sicher keine Freunde gemacht. Die müssen froh gewesen sein, als der Bus der lauten, verrückten Deutschen endlich wieder wegrollte und der Frieden an die Fjords zurückkehrte. So wurde ich in die verrückte Welt der Hosen eingeführt und habe seitdem auf vielen Touren mitgearbeitet.

In den 80er Jahren hast Du auch mal für Voms frühere Band Doctor & The Medics gearbeitet. Was für ein Typ war Vom damals?

Du fragst mich nach Vom…er ist ein abscheulicher Typ!!! (Lacht) Ich war wirklich für kurze Zeit Roadie bei Doctor & The Medics, sie hatten gerade einen Nummer-eins-Hit in England (Kauft Euch die Single nicht, Fans, das war großer Mist!). Der Sänger hatte die blöde Angewohnheit, das Mikrophon absichtlich umzuwerfen, so dass der Roadie (ich) auf die Bühne kommen musste. Wenn ich mich dann runtergebückt habe, um es wieder festzumachen, sprang er auf meinen Rücken und versuchte auf mir wie auf einem Pferd über die Bühne zu reiten. Außerdem kannte er einen guten Party-Trick. Er hockte sich in der Umkleide ohne Hose auf einen Tisch, nahm seine Eier fest in die Hand und drehte sie um 360 Grad, einmal, zweimal. Ich glaube, dass er fünf komplette Umdrehungen gemacht hat, bis der ganze Raum schrie: „NEIN, NEIN, NEIN!“ Vom war noch ziemlich jung und leicht zu beeindrucken. Ich denke, dass einiges von seinem heutigen Benehmen aus der damaligen Erziehung durch seine Band resultiert.

Wie hast Du Vom zu dieser Zeit selbst erlebt?

Der Tourmanager, Vom und ich teilten uns ein Hotelzimmer im zweiten Stock. Vom war komplett betrunken und der Tourmanager wollten ihn in dieser Nacht nicht ausgehen lassen, weil er am nächsten Morgen früh raus musste. Also öffnete Vom das Fenster und sprang raus. Ich habe ihn gerade noch an den Knöcheln zu fassen bekommen und ihn zurück nach drinnen gezogen oder er wäre mit Sicherheit gestorben. Und als Dank dafür, dass ich ihm das Leben gerettet hatte, machte e am nächsten Tag folgendes: Ich hatte begonnen, mir ein Bad einzulassen und habe nur noch meine Tasche im Hotelzimmer gepackt, als Vom in das Badezimmer ging, um die Toilette zu benutzen. Irgendetwas brachte mich dazu, die Tür zu öffnen und ich sah ihn, wie er sich ein bisschen bewegte und in die Toilette pisste. Aber als ich ins Bad reinschaute, sah ich die Luftblasen gerade verschwinden und das Wasser war hellgelb. Der Bastard hatte in mein Badewasser gepisst! Er ist ein durch und durch schlechter Mensch (lacht).

Warst Du eigentlich anfänglich überrascht, wie bekannt die Hosen in Deutschland waren?

Ich war zuerst sehr überrascht, wie groß die Hosen waren. Und auch meine englischen Freunde waren verblüfft. Aus irgendwelchen Gründen finden es Engländer und Amerikaner unvorstellbar, dass es Bands gibt, die so groß sind wie die Rolling Stones oder AC/DC, aber in einer anderen Sprache als Englisch singen. Eine große Band in England ist eine, die ein Publikum von vielleicht 5.000 Zuschauern bei fünf oder sechs Konzerten einer Tour hat. Die Hosen sind gewaltig verglichen mit dem, was englische Menschen „groß” nennen. Und sie können es auch kaum verstehen, dass sie dann noch nie von ihnen gehört haben. Die Westfalenhalle sah beim ersten Mal so unglaublich gewaltig aus. Das war damals die größte Halle, die ich jemals gesehen hatte. Ich glaube, eines der größten Geheimnisse ihres Erfolgs und der Hauptgrund, warum ich so ein großer Fan von ihnen bin, ist, dass sie authentisch und aufrichtig sind. Da gibt es kein anderes öffentliches Image, geschaffen von einer PR-Abteilung. Sie sind exakt so, wie man sie sieht.

Ist das so ungewöhnlich in der Musikszene?

Ja, Musiker sind normalerweise durchtrieben, unaufrichtig und oberflächlich. Okay, Johnny Rotten war auch echt, er benimmt sich fürchterlich und er ist fürchterlich…aber die Hosen sind in diesem Punkt wirklich einzigartig. Sogar The Clash, denen ich als Fan auf der „Give Em Enough Rope“-Tour hinterher gefahren bin, waren da anders. Auf ihrem ersten Album sangen sie noch „We’re So Bored with the USA“ und dann haben sie zwei Alben später so viel Zeit damit verbracht, in den USA zu touren, zu leben, um ausgerechnet dort groß zu werden. Und das hat mir als junger Punk eine ganze Menge bedeutet. Bei den Hosen bin ich immer wieder überrascht von ihrer Einstellung. Ich bin nochmals daran erinnert worden, als sie die komplette Einnahme von ihrem Dezember-Konzert in Berlin an die Tsunami-Hilfe spendeten. Andere Künstler gaben ihre Zeit und machten eine Platte, die andere Leute kaufen konnten. Die Hosen sind stattdessen den direkten Weg gegangen und gaben das Geld direkt aus ihrer eigenen Tasche. Das hat mich schwer beeindruckt, ich bin ein großer Fan.

Was machst Du, wenn Du nicht mit irgendwelche Bands auf Tour bist?

Dann lebe ich im überfüllten, stinkenden London. Sonntags arbeite ich für einen Metzger auf dem Markt und verkaufe organisch produziertes Fleisch. Ich mag die Uniform! Und den Rest der Woche renoviere ich ein altes Haus, bei dem ich mich unglücklicherweise verschätzt habe, was die Zeit und Kosten der Renovierung angeht. Statt fünf Monate werde ich wohl zwei Jahre brauchen, für dasselbe Geld. Mein Stundenlohn liegt nach letzten Schätzungen bei zwei Euro, was immerhin besser als in Thailand ist… Ich spiele in keiner Band mehr. Ich bevorzuge das Leben neben oder hinter der Bühne. Mein Musikgeschmack wechselt ständig, aber auf der letzten Tour hatte ich mit: das jeweils erste Album von The Jam und The Stranglers, einige verrückte Thai-Laos-Musik, Iggy and The Stooges und etliche Hosen-CDs.

Woher kommt Deine besondere Beziehung zu Thailand?

Im Jahr 2001 nahmen mich drei Freunde mit in einen Urlaub nach Thailand. Ich war niemals zuvor dort gewesen, sie schon. Ich dachte, dass ich ein Hippie werden würde: in der Hängematte liegen, Dope rauchen und am Strand tanzen. Stattdessen lebte ich vier Wochen später in einer kleiner Ortschaft im Nordosten, in der Nähe von Laos, wo man das Wasser mit einem Eimer aus einem Brunnen hochziehen musste, wenn man eine Dusche haben wollte. Ich aß alle Arten von rohen und sich schlängelnden Sachen und arbeitete mit an der Reisernte für das Dorf und mit dem Dorf. Die Gegend nennt sich Isaan und für mich war es das totale Paradies. Ich bin seitdem mehrere Male dort gewesen, habe auf einem Bauernhof gearbeitet, stand bis zu meinen Knien in warmem Schlamm, pflanzte Reispflanzen in den Matsch und verdiente zwei Euro am Tag, wenn ich Glück hatte oder nur mein Essen, wenn ich langsam war. Es ist ein wundervoller Platz, fern der Hippie-Traveller. Ich war sehr traurig, als ich zurück nach London musste. Mit ein bisschen Glück bin ich in zwei, drei Jahren wieder dort unten und dann für eine längere Zeit.

Du warst aber nicht nur in Thailand sehr experimentierfreudig, sondern auch mit den Hosen in Südamerika auf Abenteuer aus…

1996 spielten die Hosen in Chile. An den freien Tagen zwischendurch hatte Kiki spezielle Trips organisiert. Eine Möglichkeit war zum Beispiel, in einem Bergtal Wildwasser-Rafting zu machen. Leider hatte ich mich auf der Weinprobe, die er ebenfalls organisiert hatte, dermaßen betrunken, dass ich durch einen Glastisch in der Hotellobby gefallen war. Deshalb hatte ich einfach zu viele Bandagen, um mitzufahren, weil die nicht nass werden durften. Da sagte Campino, kein Problem, lass uns Pferdereiten gehen! Als wir die Indianerin trafen, die uns mitnahm, sagte Campino zu ihr: „Wir können Beide reiten, wir haben für zwei Stunden bezahlt und wollen uns nicht langweilen!“ Sie sah ihn mit ihren tiefen schwarzen Augen an und sagte: „Die Berge sind niemals langweilig.“ Und als wir einmal auf den Pferden saßen, führte sie uns direkt in die Berge, und das fast senkrecht. Ich habe Campino ausgelacht und sagte: „Warum hast Du ihr das gesagt? Wir werden sterben.“ Aber sie nahm uns mit nach oben, machte uns mit ihren Bergen vertraut, erzählte uns Geschichten über ihr Tal, zog alle ihre Kleidungsstücke aus und schwamm in einem Bach, gab uns Joints und fünf Stunden später nahm sie uns mit zurück, um die Anderen zu treffen. WOW!

Und Ihr habt es nicht bei den fünf Stunden belassen?

Wir haben sie gefragt, ob es möglich ist, längere Ausflüge zu machen. Und sie sagte, dass ihre Familie einmal im Jahr für zwei Wochen in die Berge geht, um mit der Erde in Berührung zu bleiben, eventuell nach Argentinien zu reiten, und dass sie fünf oder sechs Leute mitnehmen. Campino lächelte und fragte: „Werden wir das machen, Rory?“ – „Verdammt, Du hast recht, wir werden.“ Also kamen wir im nächsten Februar dorthin zurück und stiegen mit den Indianern auf Pferden auf 5000 Meter und mehr, sahen die Gletscher und alten Vulkane, schliefen unter den Sternen, sahen sonderbares Licht am Himmel. Es waren -20 Grad in der Nacht und 35 Grad am Tag. Ich benutzte Sonnenschutzfaktor 30 auf meinen Händen und bekam trotzdem so einen Sonnenbrand, dass ich Socken über meine Hände ziehen musste. Baden in heißen Quellen und kalten Bächen, es war physisch wirklich sehr hart, aber wir sahen einige Dinge, die ich nie wieder sehen werde. Die Indianer kannten die Berge so gut, weil sie sich dort verstecken mussten, als der Diktator Pinochet noch an der Macht war. Eines Nachts wunderten wir uns, dass einer der Indianer überall herumlief und streng riechende Gewürze verbrannte. Wir fragten ihn, warum er das mache. Und es stellte sich heraus, dass wir im Schlafzimmer eines Berglöwen schliefen und die magischen Gewürze dazu da waren, ihn von uns fernzuhalten. Es war eine ganz besondere Zeit in den Bergen, und ich bin sehr froh, dort gewesen zu sein.