"Der FC Bayern ist mir schon lange ein Dorn im Auge"
Interview mit Peter Thorwarth, Regisseur des BAYERN-Videoclips (März 2000)
??? Wie ist der Kontakt zu den Hosen zustande gekommen?
Peter Thorwarth: Andi hatte meinen Film "Bang Boom Bang" im Kino gesehen, und der hat ihm wohl super gefallen. Mir flatterte dann irgendwann ein Fax ins Haus, dass sich die Band freuen würde, wenn ich das "Bayern"-Video mache. Und das hat mir natürlich sofort gefallen: zu Musik, die mir ohnehin gefällt, auch noch das Video machen zu können.
??? Wie hast Du dann die Idee zum Videoclip entwickelt?
Peter Thorwarth: Ich kannte das Stück schon vorher, hatte die CD hier und habe mir das noch ein paar mal angehört. Im Fax stand schon ungefähr drin, wie das Konzept sein sollte, vor allem, dass die Band selbst beim Fußballspielen gefilmt werden wollte - und dass das amateurmäßig rüberkommen soll. Ich habe mir dann auch meine Gedanken dazu gemacht, fand es sinnvoll, das Ganze auf digital video zu drehen, weil man spontaner damit arbeiten kann und weil es sowieso amateurhafter aussieht. Damit wollten wir einen Gegensatz schaffen: Die Szenen mit dem Uli-Hoeneß-Double, die Welt des FC Bayern, haben wir auf 35-Millimeter-Film gedreht, was natürlich hochglanzmäßig aussieht. Die Sequenzen mit den Hosen wirken dagegen natürlich echt und ehrlich, wie ihre Musik.
??? Wie liefen die Dreharbeiten auf dem Vereinsgelände von Alemannia 08 ab?
Peter Thorwarth: Durch die Fußballszenen in "Bang Boom Bang" wusste ich, wie schwierig es ist, mit vielen Komparsen zu drehen. Da haben wir viel mit Kraneinstellungen gearbeitet, mit Steady-Cam usw., alles Sachen, bei denen man sehr präzise arbeiten muss. Und hinzu kamen noch die Schauspieler. Das wollte ich diesmal nicht. Da das ohnehin so eine Mischung aus Spaß- und Prollvideo werden sollte, und es klar war, dass Freunde von mir und den Hosen vorbeikommen würden, haben wir das Ganze einfach wie ein großes Fest aufgezogen. Beim Drehen drohte das zwischendurch ein bisschen aus dem Ruder zu laufen, infolge von Freibier und Jägermeister; wir haben das dann aber ganz gut aufgefangen. Ich glaube, dass das für alle, die dabei waren, ein toller Tag gewesen ist.
??? Kannst Du die Handlung des Clips nacherzählen?
Peter Thorwarth: Es beginnt mit Close-Ups von einer Videokassette, die verpackt als Postpaket irgendwohin geschickt wird, und zwei Händen, die die auspacken und in einen Videorekorder schieben. Das wird auf Filmmaterial gedreht, damit man hinterher deutlich sieht, dass es einen Bruch in der Ästhetik gibt, nämlich sobald der Fernseher eingeschaltet wird. Das Fernsehbild zeigt dann hinterher die Videobilder und die Musik beginnt sinnvollerweise auch in dem Moment, in dem der Fernseher eingeschaltet wird. Passend zum leicht philosophischen Text am Anfang - "Es gibt nicht viel auf dieser Welt, woran man sich halten kann..." - haben wir mit ruhigen Einstellungen begonnen, um langsam reinzukommen. Dafür haben wir Bilder genommen, die die triste Atmosphäre dieses Platzes am Flinger Broich in Flingern zeigen, diese Industrielandschaft, den grauen Himmel.
??? Passenderweise war es ja am Drehtag nasskalt und der Ascheplatz von Pfützen übersäht...
Peter Thorwarth: Es gefiel mir gut, dass wir so ein mieses Wetter hatten. Es sieht dadurch alles noch trostloser aus - und dann geht es in die Umkleidekabine und die Toten Hosen kommen raus. Es wird deutlich, dass das hier - egal wie scheiße das Wetter ist und wie schäbig alles drumherum aussieht - ihre Heimat ist und sie trotzdem Spaß beim Fußballspielen haben. Und das ist genau das, was der FC Bayern nicht mehr kennt. Da geht es in erster Linie um Profit, Transfersummen und Spielergehälter. Die Bayern-Spieler haben mit ihrem arroganten Auftreten den Kontakt zu dem verloren, wo sie eigentlich herkommen. Die Hosen haben dagegen jede Menge Spaß, auch wenn sie nicht allzu gut spielen können. Und da sind Fans dabei, die alle hinterher auch noch auf den Tischen des Vereinsheims tanzen.
??? Gibt es darüber hinaus konkrete Anspielungen auf den FC Bayern?
Peter Thorwarth: Campino verletzt sich beim Fußballspielen und kommt mit einem Gipsbein wieder, das am Ende unterschrieben wird. Da steht dann drauf: "Viele Grüße an Uli H.!" Die Hosen winken dann noch alle in die Kamera, dann fährt die Kamera wieder in diesen Konferenzraum vom Anfang des Videoclips. Das Uli-Hoeneß-Double schaltet den Fernseher aus, schüttelt den Kopf und bringt den Kommentar: "Ich glaube, das ist ein Dreck, an dem die deutsche Gesellschaft noch ersticken wird." Denn das hat Uli Hoeneß wirklich über das "Bayern"-Stück gesagt! Dann steht er auf und geht - und man merkt, dass er gar nicht mehr verstehen kann, dass man am Fußballspielen Spaß haben kann.
???
Bist Du selbst Fußball-Fan?
Peter Thorwarth: Ich bin natürlich Borussia-Dortmund-Fan; ich komme daher. Beim BVB haben sich allerdings in den letzten Jahren die gleichen Tendenzen eingeschlichen wie bei den Bayern - aber wenn du daher kommst, kommst du da eben nicht drumherum. Das ändert sich dann auch nicht mehr. Obwohl ich nun schon lange in München lebe, bin ich auf gar keinen Fall Bayern-Fan. Im Gegenteil: Dieser Verein ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Und hier in München gibt es ja auch noch jede Menge 1860-Fans. Ich mache mir hier also nicht nur Feinde, wenn ich nun dieses Video gedreht habe.
??? Du hast schon gesagt, dass Dir die Hosen musikalisch nicht fern sind. Was ist Dein musikalischer Hintergrund?
Peter Thorwarth: Ich höre viel Punk. Ich habe natürlich nicht ganz das Alter, um mit Punk aufgewachsen zu sein, bin dann aber über die Hosen und über die Ärzte dazu gekommen. Dazu kam der Einfluss der Skateboard-Szene mit diesen California-Fun-Punk-Bands wie Bad Religion oder NOFX. Das höre ich alles schon länger; die Hosen waren aber mein Zugang dazu. Die haben wir schon gehört, als ich noch in der Mittelstufe war. Dass ich jetzt für die Jungs ein Musikvideo machen konnte, darüber habe ich mich natürlich extrem gefreut. Die Ärzte haben mich übrigens auch gefragt, die arbeiten ja gerade am neuen Album - und wenn das fertig ist, werden wir uns mal zusammensetzen und sehen, ob uns was einfällt.
??? Dein neuestes Filmprojekt hat angeblich zur Folge, dass sich die Ramones reformieren werden...
Peter Thorwarth: Ich habe mit einem Kumpel ein Drehbuch über die Ramones geschrieben - und die auch im letzten Sommer in Amerika besucht und alle kennengelernt. Nur aufgrund unseres Buches werden die sich jetzt noch einmal zusammentun und haben auch schon drei neue Stücke aufgenommen. Es geht in unserer Geschichte darum, dass ein paar Musiker, die besonders erfolgreich sind, aber dann einen merkwürdigen Abgang haben, alle ihre Seelen an den Teufel verkauft haben, ohne es zu wissen. Das ist der Hintergrund, dazu gibt es einen Altpunk, der einen jungen Skatepunk, der von New York nach Kalifornien geflohen ist, Colt-Seavers-mäßig wieder einfangen soll.
??? Zum Abschluss: Peter Thorwarth würde nie nach Hollywood gehen, weil...
Peter Thorwarth: Das würde ich so nicht sagen. Die Ramones-Geschichte spielt nun mal in Amerika und da wäre es unglaubwürdig, in Deutschland zu filmen. Ich bin grundsätzlich da, wo die Geschichten spielen, und ich suche mir Stoffe danach aus, was mir Spaß macht. Den Ehrgeiz, nach Hollywood zu gehen, hatte ich mal als Teenager. Dann bin ich hingefahren und habe mir alles angeguckt. Ich habe auf jeden Fall zuletzt so viel Spaß mit "Bang Boom Bang" gehabt, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, in Hollywood mehr Spaß haben zu können.
Kurzbiographie Peter Thorwarth
Geboren 1971 in Dortmund, wuchs in Unna auf. Zwischen 1990 und 1992 studierte er zunächst Zahnmedizin und Kommunikationsdesign in München und Augsburg. Seit 1994 ist er Student an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und arbeitete bei verschiedenen Filmproduktionen mit (u.a. "Die Sturzflieger", "Abgeschminkt" und "High Crusade").
Während seines Studiums an der HFF drehte er mehrere Kurzfilme, die bereits alle von Christian Becker produziert wurden. Für "Was nicht paßt, wird passend gemacht" (1996, 15 Min.) erhielt er zahlreiche Nominierungen und Preise, u.a. die Nominierung zum "Studenten-Oscar 1997", die Nominierung zum Deutschen Kurzfilmpreis 1997, den Münchner Regieförderpreis 1997 und die Silver-Plaque beim Chicago International Film Festival.
1997 drehte Thorwarth den 15minütigen Kurzspielfilm "Mafia, Pizza, Razzia", der als Vorfilm zu "Sieben Monde" in die Kinos kam. Für Pro 7 inszenierte er 1998 den 30minütigen Serienpiloten "Die zwei Beiden vom Fach". "Was nicht paßt, wird passend gemacht" lief im Kino als Vorfilm zu "Die drei Mädels von der Tankstelle".
Seit 1997/98 schloß Peter Thorwarth einen exklusiven Output-Deal mit den Produzenten Christian Becker und Thomas Häberle für die nächsten vier Jahre ab. "BANG BOOM BANG - Ein todsicheres Ding" ist sein erster Kinospielfilm. Aus: www.bangboombang.de
Mehr über Peter Thorwarth:
Homepage: www.peter-thorwarth.de
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