"In sechs Monaten von nichts zur Hitsingle"
Interview mit T.V. Smith (im Dezember 2000)
??? Das Früheste, was man über Dich liest, ist, dass Du Kunst studiert hast...
TV Smith: Mit 18 bin ich in West-England ein Jahr lang auf ein "art college"
gegangen. Ich habe nach der normalen Schule einfach nicht gewusst, was ich tun
sollte, hatte keine Ahnung, was ich arbeiten wollte. Während der Schulzeit hatte
ich zwar auch schon Lieder geschrieben und eine Band. Ich wollte mir in dem Jahr
auf der Kunsthochschule aber überlegen, was ich weiter mache. Und habe dann dort
eine Band namens SLEAZE gegründet. Das, was wir spielten, war eigentlich Glam-Rock,
wie es zu dieser Zeit in England üblich war - aber schon mit deutlichen Einflüssen
von IGGY AND THE STOOGES. Dass ich die Texte dabei selbst geschrieben habe, war
für diese Zeit sicherlich ungewöhnlich. Andere junge Bands spielten WISHBONE ASH
oder FREE nach. Für mich war es aber wichtig, etwas Eigenes zu kreieren, kreativ
zu sein. Wenn man jung ist, sucht man nach einer Form, in der man leben kann -
und ich habe mich in diesem Jahr entschieden, dass es mein Leben sein würde, eine
Band zu haben!
The Adverts, Roxy Club 1977
??? Dann traten die SEX PISTOLS auf den Plan...
TV Smith: Ich bin auf dem Land in Süd-/West-England aufgewachsen, in Devon.
Ich habe im New Musical Express von den SEX PISTOLS gelesen, über ein Konzert in
London. Ich habe selbst gefühlt, dass etwas in der Musik fehlte und mit großem
Interesse registriert, dass in London etwas Neues passierte. Diese ganzen
"progressive rock bands" waren so langweilig! Die hatten keine Lieder, nur so
endlose Gitarren- und Drumsolos. Und die ganzen Popbands hatten mir mit ihren
Texten auch nichts zu sagen. Die Musik zu dieser Zeit war eigentlich total grausam.
Ich war immer Fan von IGGY gewesen, von THE VELVET UNDERGROUND und den NEW YORK
DOLLS, eben dieser Richtung von Musik. Ich las von den PISTOLS und weil es auf
dem Land unmöglich war, diese Musik zu machen, bin ich dann sofort nach London
gezogen, habe die ADVERTS gegründet und war zufällig zur rechten Zeit am rechten
Ort - als Punk-Rock ganz am Anfang stand. Eine gute Zeit.
??? Wie hast Du die Leute für Deine Band zusammengetrommelt?
TV Smith: Ich hatte an der Kunsthochschule bereits Gaye, die spätere Bassistin
der Adverts, kennen gelernt. Zusammen sind wir nach London gezogen, haben uns eine
kleine Dachwohnung gemietet und dort zuerst alleine auf der Gitarre und dem Bass die
Lieder geübt. Später haben wir uns auch noch einen Schlagzeuger gesucht. Nur drei
oder vier Monate nachdem wir im Proberaum richtig als Band zu üben begonnen hatten,
sind wir dann auch schon im Roxy, dem später so berühmten Punk-Rock-Laden, aufgetreten.
Im Januar 1977 waren wir mit die erste Band, die dort spielte. Seit der Eröffnung
im Dezember 1976 war das Roxy der Treffpunkt für die neuen "Punks". Eigentlich hießen
wir zu dieser Zeit noch gar nicht Punks, es gab noch kein Wort für das, was wir
waren. Im Roxy konnte man an jedem Tag andere junge Leute treffen, die ebenfalls
eine Veränderung in der Musik wollten. In den ersten vier, fünf Monaten war das
sehr intensiv; im Publikum gab es eigentlich jeden Tag etwas Neues zu entdecken.
Viele von diesen Leuten haben später auch in Punk-Bands gespielt.
The Adverts
??? Was hat Dich besonders beeindruckt?
TV Smith: Im Sommer 1976 habe ich im 100 Club in London die SEX PISTOLS,
SIOUXSIE AND THE BANSHEES, THE DAMNED und die BUZZCOCKS gesehen - und war besonders
von den PISTOLS sehr begeistert. Endlich gab es eine Band, die aus normalen Menschen
bestand, so wie ich es einer war. Und die sagten, was sie fühlten. Es war nicht
eine dieser Attrappenbands, wie es die meisten Popgruppen ja sind, sondern alles
war echt. Und das ist das, was ich bis heute von meinen Lieblingsgruppen erwarte.
Es war ein Festival, das über drei Tage ging, und wenn mich jemand nach einem
bestimmten Zeitpunkt fragen würde, wann Punk-Rock begonnen hat, dann würde ich
sagen: an diesem Wochenende. Ich habe dann vor unserem ersten eigenen Konzert
auch noch die STRANGLERS und THE CLASH gesehen. Und ich habe gefühlt, dass in
London irgend etwas sehr schnell passierte und dass ich auch etwas tun musste.
??? Wie ging es mit den ADVERTS voran?
TV Smith: Ziemlich schnell. Das erste Konzert fand im Januar 1977 statt, beim
zweiten oder dritten zwei Wochen später war ein Typ von Stiff Records im Publikum,
mit dem wir dann einen Kontrakt über eine Single vereinbart haben: "One chord
wonders". Ich war zu dieser Zeit 18, 19 Jahre alt und es passierte alles so
schnell in dieser Zeit. Es war Wahnsinn eigentlich. Bis zum Frühjahr habe ich
noch in einer Plattenverpackungsfabrik in Soho gejobbt, bis wir im frühen Sommer
einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma abschlossen. Dann mussten wir so viele
Konzerte spielen, dass nebenher arbeiten unmöglich war. Und auch nicht mehr nötig.
Denn ein halbes Jahr, nachdem sich die ADVERTS gegründet hatten, hatten wir plötzlich
eine Hitsingle in England: "Gary Gilmore´s Eyes". In sechs Monaten von nichts
zur Hitsingle, das war natürlich alles sehr intensiv.
??? "Gary Gilmore´s Eyes" haben die Hosen ja auch schon auf der
"Learning English" gecovert und jetzt nochmal neu mit Dir eingespielt - was ist
der Hintergrund zu diesem Titel?
TV Smith: Der Text basiert auf einer wahren Geschichte. Gary Gilmore war ein
Mörder in den USA, der auf seinen Hinrichtung wartete. Er wusste, dass er sterben
würde und hat eines seiner Augen zur Transplantation freigegeben. Und so geschah
es: Der Mann wurde hingerichtet, die Netzhaut wurde entnommen, quer durch Amerika
geflogen und irgendjemandem transplantiert. Ich habe mir dann vorgestellt, wie
dieser Mensch im Krankenhaus am Morgen nach der Operation in der Zeitung liest,
dass er jetzt dieses Auge in seinem Kopf hat.
??? Mit welchen anderen Bands habt Ihr als ADVERTS zu dieser Zeit gespielt?
TV Smith: Im Juni 1977 sind wir auf eine sehr schöne England-Tournee mit
THE DAMNED gegangen. Es gab sehr viele Punks im Publikum. Es war sehr aufregend,
gab viele tolle Momente. Zwischen den beiden Bands lief alles freundschaftlich,
aber gleichzeitig hat auch jeder versucht, den anderen auf der Bühne zu übertreffen.
Später in diesem Jahr haben wir auch noch als Vorgruppe von IGGY POP gespielt, der
damals der größte Held von Gaye und mir war und insgesamt einen großen Einfluss
auf viele Punk-Musiker hatte, auch auf mich.
??? Wie sah zu dieser Zeit "das perfekte Konzert" für Dich aus?
TV Smith: 1977 hatten wir eigentlich alles, was für ein perfektes Konzert nötig
ist, und zwar bei jedem Konzert! Wir und unsere Musikrichtung wurde von den
Musikzeitungen nachdrücklich empfohlen und das Publikum erkannte auch, dass etwas
Neues passierte. Die Stimmung von beiden Seiten, die der Band und die des Publikums
in den Clubs, traf aufeinander und bescherte uns durchweg gute Abende. Es wäre
unmöglich, einen hervorzuheben!
The Adverts, Roundhouse 1978
??? Habt Ihr den englischen Boden in dieser Zeit auch mal verlassen?
TV Smith: 1978 waren wir in Deutschland, um in dem Spielfilm "Brennende
Langeweile" von Wolfgang Büld mitzuspielen. Das war mein erstes Erlebnis, wie
Punk-Rock in Resteuropa ankam. In England war es immer sicher, dass die Clubs
voll sein würden. In Deutschland war das unterschiedlich. In Wuppertal waren
viele Leute da, die auch wussten, was sie erwartete, in Köln kam aber zum Beispiel
am nächsten Abend kaum einer. Die ADVERTS existierten ja auch nur drei Jahre
lang, wobei es im letzten viel zu viele Umbesetzungen gab. In den zwei intensiven
Jahren unseres Bestehens haben wir zwei Alben herausgebracht und mussten in England
unzählige Konzerte spielen, so dass für mehr Termine in Deutschland oder anderswo
keine Zeit blieb. Es war typisch für diese schnelle Zeit, dass Bands nicht länger
als zwei oder drei Jahre bestanden! Campino hat mir neulich übrigens erzählt,
dass er, als wir in Wuppertal spielten, noch zur Schule ging und an dem Tag
Hausaufgaben machen musste...
??? Was machen die anderen ADVERTS heute?
TV Smith: Keine Musik mehr. Gaye hat nach den ADVERTS in keiner anderen Band
mehr gespielt und arbeitet jetzt als Sozialarbeiterin für ältere und kranke
Menschen, die zu Hause Hilfe benötigen. Der Schlagzeuger wohnt jetzt in Island,
ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm. Und unser Gitarrist ist leider vor einem
Jahr an einem Gehirntumor gestorben. Ich bin also der Letzte. Die anderen "Altpunks"
treffe ich meist auf Tour, zum Beispiel war ich im November mit den UK SUBS in
Tschechien. Charlie Harper ist mittlerweile 55 Jahre alt und ich finde es super,
dass er immer noch spielt und fit ist! Er hat immer noch Spaß an dem, was er tut.
Ich bin jetzt 44 Jahre alt und hoffe, dass ich das mit 55 auch von mir behaupten kann.
??? Auf die ADVERTS folgten direkt die T.V. SMITH EXPLORERS...
TV Smith: Nachdem das letzte Jahr mit den ADVERTS wenig erfreulich verlief,
machte ich Pläne, eine neue Band zu gründen. Nur ein paar Monate später waren wir
auch schon im Proberaum, musikalisch wurde es etwas ganz anderes. Ich habe nie den
gleichen Sound gemacht, sondern mir immer neue Leute für etwas Neues gesucht. Es
wurde rockmäßiger, mit Keyboard und Drums, und alle beherrschten ihre Instrumente
besser als die ADVERTS. Auch im Textschreiben versuchte ich mich weiterzuentwickeln.
Die ersten Texte der ADVERTS waren jugendlich-rebellisch, das zweite ADVERTS-Album
und das erste der EXPLORERS waren mehr nach innen gekehrt. Sich zu wiederholen ist
sowieso immer schlecht. Ich wollte nicht mein Leben lang in eine Richtung schreiben
und gerade mit Anfang 20 war es für mich wichtig, nach dem Punk eine andere
auszuprobieren. Ich suche bis heute immer neue Richtungen, mit unterschiedlichem
Erfolg. Die EXPLORERS gab es auch maximal zwei Jahre, wir haben uns während einer
Tour in Deutschland aufgelöst. Es gab wenig Geld und wenig Publikum, so dass
unsere Techniker zur Hälfte der Tour die Anlage einpackten und nach England
zurückfuhren. Das war dann auch das Ende für uns.
??? Danach hast Du Dich zum ersten Mal als Solist versucht...
TV Smith: Mein Manager verunglückte bei einem Unfall, ich hatte plötzlich
keinen Manager mehr - und stand als alter Punk-Rocker Anfang der 80er ganz alleine
da. Dabei wäre es so wichtig gewesen, etwas inhaltlich mit Liedern zu sagen!
Stattdessen kamen diese scheiß "new pop"-Bands wie DURAN DURAN oder KAJAGOOGOO
auf. Ich habe weiterhin Lieder geschrieben und mit ein paar Bekannten Demos
aufgenommen, konnte aber keine Gigs spielen und habe keine Plattenfirma gefunden.
Es war insgesamt eine Katastrophe. Für mich war es aber im Nachhinein eine wichtige
Zeit, weil ich Texte schreiben konnte, ohne den Druck einer Plattenfirma zu
haben. Ich habe diese Lieder nur für mich geschrieben, um das Liederschreiben
zu trainieren und Spaß dabei gehabt. So dass ich hinterher auch eine Band nur
aus Spaß haben wollte - und mit ein paar Bekannten CHEAP ins Leben rief. Da sind
wir auch für kleine Gigs in zwei Autos durch ganz England gefahren! Fünf Jahre
lang haben wir das gemacht. Und das waren dann sozusagen meine ganz persönlichen
80er Jahre.
The Adverts, Roxy Club 1977
??? Die 90er begannen mit Deinem Gastspiel auf der "Learning English"-Platte der Hosen?
TV Smith: Kurz vor dem Ende von CHEAP habe ich mit Arturo Bassick von den
LURKERS telefoniert. Er hat mir gesagt, dass es eine deutsche Band gibt, die ein
Cover von "Gary Gilmore´s Eyes" machen will. Ich sagte nur: Oh, Gott! Welche
deutsche Band? Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den Toten Hosen
gehört, kannte den Namen nicht. Ich war etwas misstrauisch, habe aber mit den
Jungs telefoniert. Ich bekam den Eindruck, dass sie echte Punk-Fans sind und eine
gute Einstellung haben. Ich bin dann mit ihnen im Studio gewesen, die Stimmung war
gut, alle waren total nett, ich habe das Stück gerne gesungen. Und das war der
Anfang von unserer Freundschaft. Ich hatte "Gary Gilmore´s Eyes" seit der Zeit
mit den Adverts nie mehr gesungen und war damals selbst überrascht, dass es so
gut funktionierte. Ich fand die ganze Platte sehr gut, weil die Stimmung von
"Punk-Rock" rüberkam, weil man merkte, dass die Leute Spaß bei den Aufnahmen
hatten. Wenn ich mir persönlich die Stimmung dieser Zeit zurückholen will, dann
lege ich die Alben "The Idiot" und "Lust for Life" von IGGY auf. Oder die ersten
beiden RAMONES-Alben, die sehr, sehr wichtig waren. Die RAMONES sagten: Wir
sind hier, das ist etwas Neues und das hat nichts zu tun mit irgendwas, was Ihr
jemals vorher gehört habt!
??? Wie bist Du mit den Hosen in Kontakt geblieben?
TV Smith: Ich habe ab und zu Campino gesehen, wenn er in London war. Und wir
haben natürlich immer unsere neuesten Platten getauscht. Der erste richtige
Kontakt war dann kurz vor "Pushed again". Da sagten sie mir, dass sie Lust hätten,
ein paar englische Stücke zu schreiben - und ich ihnen mit dem Text helfen sollte.
Das habe ich gerne getan. 1992 war in England meine erste Solo-CD "March of the
Giants" erschienen. Mit CHEAP war es vorbei und in England kaum Publikum vorhanden
für eine neue Band, wie ich sie mir vorstellte. Deshalb hatte ich mich zu der
Zeit auf das akustische Spiel verlegt, stand alleine auf der Bühne. Das war eine
neue Herausforderung für mich. Und außerdem hatte ich einen Fundus von Stücken
aus fast 20 Jahren, konnte alte mit neuen mischen. Ich wollte nie in einer meiner
Bands Stücke einer vorherigen spielen, aber alleine hatte ich plötzlich alle wieder
zurückgewonnen. Ich fand das einfach super, hintereinander "One chord wonders" und
ein gerade neu geschriebenes Stück zu spielen! Es gab auch eine Tour mit TOM
ROBINSON, wo jeder erst alleine gespielt hat und dann beide zusammen. Ich habe
viele Konzerte in England gespielt, später auch in Deutschland, Österreich, Schweiz,
Frankreich und Finnland.
??? Inhaltlich wurde es politischer...
TV Smith: Nach 20 Jahren hatte ich das Gefühl: Das Trainieren ist jetzt vorbei,
jetzt kommen eigentlich erst die echten Lieder! Ich hatte immer versucht,
verschiedene Arten von Liedern zu schreiben. Und jetzt wusste ich, worüber ich
schreiben wollte: das Leben. Ich kann natürlich nicht sagen, dass das "ein bestimmtes
Thema" ist, aber ich weiß mittlerweile halt, worüber ich gut und worüber ich
weniger gut schreiben kann. Bei mir ist das eine Balance aus politischen und
sozialen Themen und Sachen vom Herzen. Es wäre peinlich, nur politische Lieder
zu schreiben. Ich versuche, eigene Erlebnisse darunter zu mischen.
Cheap, 1988
??? 1994 erschien das nächste Soloalbum "Immortal Rich" und 1998 dann bei
JKP die CD "Generation Y" - wie wirkt die heutige Jugend auf Dich?
TV Smith: Die Generationen nach dem Punk schienen mir sehr unmotiviert. Sie
haben keinen Ansporn mehr von der Regierung, um ihre Fähigkeiten richtig einsetzen
zu können. Ihnen wird immer nur erzählt, dass sie sich anpassen müssen, haben keine
kreative Freiheit. Und das ist irgendwie gleichbedeutend mit dem Tod. Wenn Du kein
Ziel hast, dass Du erreichen kannst, tust Du das auch nicht. Es ist notwendig, dass
man Leute anspornt, etwas Gutes zu tun. Aber die Leute sind ja heute so selbstbezogen,
dass sie die Jugend vergessen. Das macht es hart für die Kids. In einer Gruppe von
jungen Menschen aufzuwachsen, die ohne Motivation sind, ohne Glauben an sich selbst
und die nicht wissen, wie sie ihr Leben besser machen können. In vielen Ländern
existiert eine Regierungsform, die die Jugend komplett außen vor lässt.
??? Ein anderes Thema dieser Platte war die Werbung - nachdem Du festgestellt
hattest, dass Du nicht mehr zur "Zielgruppe" gehörst?
TV Smith: Wenn man über 35 Jahre ist, und da ist keine Werbung mehr für Dich,
ist das zunächst sehr komisch - aber eigentlich doch okay. Ich will keine Zielgruppe
für irgendjemanden sein, der etwas verkaufen will. Auch dadurch, dass ich viel
auf Tour bin, kann ich sehr objektiv sein. Touren ist wie im Urlaub sein - und
dann kommt man nach Hause, schaltet den Fernseher ein und fragt sich jedesmal,
warum nur lauter Müll zu sehen ist.
??? Welche Musikrichtung bevorzugst Du privat?
TV Smith: Mein Ziel ist eine Musik zu machen, die keine Pop-Musik wie auf
MTV ist, da gibt es zu viele schlechte Gruppen. Wenn ich auf Tour bin, entdecke
ich immer wieder unbekannte Bands, die bei mir im Vorprogramm spielen. Es gibt
Hunderte zu entdecken, aber man wird die nie auf MTV sehen! Natürlich mag ich
auch ein paar bekanntere Musiker wie THE WATERBOYS, TOM WAITS oder P.J. HARVEY.
??? Wie ist es zu dem aktuellen "Best of"-Album gekommen?
TV Smith: Nach meinem letzten Konzert in Düsseldorf, im Q-Stall im Juni 1999,
haben wir noch ein paar Bier getrunken - und da fand noch eine sehr gute
Punk-Rock-Disco nach dem Konzert statt. Campino hat gesagt, er würde sehr gerne
eine "Best of"-Platte von T.V. Smith hören, wenn möglich mit den Hosen als
Background-Band. Am nächsten Morgen haben wir uns alle wiedergetroffen, fanden
die Idee immer noch gut und haben gesagt: Let´s do it!. Es war alles ganz einfach,
ging nur darum, wann sie die Zeit hatten, das zu machen. Nun sind wir hier...
Die Stücke haben wir zusammen ausgewählt, im Proberaum erst mal 20 Lieder geprobt,
um zu sehen, was in Verbindung mit der Band am besten passt. Für das Album mussten
wir uns schließlich für 15 entscheiden. Und wir sind alle vom Ergebnis dieses
Projekts total überrascht. Dass es irgendwie gut wird, haben wir erwartet, dass
es so gut werden würde, nicht.
??? Wird es die Kombination T.V. Smith/ Hosen auch mal live auf irgendeiner
Bühne geben?
TV Smith: Es wäre natürlich toll, wenn das möglich wäre. Das hängt aber
immer auch davon ab, ob die Hosen nicht zu beschäftigt sind. Es ist noch zu früh,
dazu etwas zu sagen. Ich glaube, wenn es zeitlich möglich wäre, würden sie es
bestimmt gerne für ein paar Konzerte machen.
??? Derweil schreibst Du mit Campino neue Texte?
TV Smith: Die Zusammenarbeit hat mit "Pushed again" begonnen, als ich Campino
ein paar Tipps gegeben habe. Campinos Englisch ist an sich perfekt, aber wenn
man Lieder schreibt, ist es natürlich trotzdem gut, wenn man noch einen wie mich
dabei hat. Ich helfe ihm mit der Form und mit dem Inhalt. Die ursprünglichen
Ideen kommen immer von Campino und dann arbeiten wir zusammen daran, treffen uns
in London oder so. Ich war an allen englischen Stücken seit "Pushed again" beteiligt,
besonders bei "Call of the wild" habe ich zum Beispiel ziemlich viel von mir
eingebracht.
Marquee, London 1978
??? Wie ist die Skitour "4Tage/ 4Länder" im Frühjahr 2000 für Dich gelaufen?
TV Smith: Das war das erste Mal für mich auf Skiern - weshalb ich immer nur
kurze Zeit auf den Skiern blieb, meistens aber auf dem Boden. Und um mich herum
lauter Hosen-Fans, die Fotos von meinen Stürzen machten! Abends hatte ich von
der trockenen Luft auf der Piste fast keine Stimme mehr im Konzert. Mein Tipp für
alle, die es nachmachen wollen: Nicht den ganzen Tag auf Ski verbringen, das hält
die Stimme nicht durch! Und der beste Tipp, wenn man Probleme mit der Stimme hat,
ist: Schreien. Das funktioniert irgendwie immer! Fenchel-Honig ist auch sehr gut,
den bringt mir der Sänger von der GARDEN GANG aus München immer aus einem Kloster
in seiner Nähe mit, wenn wir gemeinsam auf Tour gehen.
??? Auf der "Best of"-CD befindet sich auch ein neuer Song...
TV Smith: Das neue Stück, das ich alleine geschrieben habe, heißt
"Only one flavour". Es geht in dem Stück darum, dass es in der heutigen Gesellschaft
beinahe verboten ist, ein Individuum zu sein. Wir müssen alle in eine Richtung
gehen, alle dieselbe Mentalität haben, dieselbe Fernsehshow sehen, dieselbe
Musik im Radio hören. Ich glaube aber, dass wir alle einzigartig sind und nicht
denselben Geschmack haben.
??? Woher beziehst Du die Inspiration für Deine Texte?
TV Smith: Ich bin immer inspiriert von dem, was gerade passiert. Ich mag
es auch, Tourtagebücher zu schreiben. Es macht Spaß, die Erlebnisse auf meiner
Homepage mit dem Publikum zu teilen. Doch wenn ich etwas sagen will, denke ich, dass ich
das mit meinen Liedern nach wie vor am besten kann.
??? Wie denkst Du über das Internet?
TV Smith: E-Mail finde ich total gut. Und wenn ich etwas suche, ist es gut
zu wissen, dass ich es wahrscheinlich im Internet finden kann. Meist wird das
Internet aber nur zum Chatten genutzt, außerdem gibt es haufenweise Gerüchte und
Geschichten über Filmstars oder so etwas. Ich finde es sehr schade, dass diese
Technologie für derart Triviales genutzt wird.
Mehr über T.V. Smith:
Homepage: http://www.tvsmith.com
|