"Dieses Lied hat ein bisschen was von den ganz großen Rock'n'Roll-Songs"
Interview mit Wim Wenders anlässlich der Dreharbeiten "Warum werde ich nicht satt" (im August 2000)
??? Heute läuft der dritte Drehtag mit den Toten Hosen, wie läuft die Zusammenarbeit mit der Punkband aus der Sicht von Wim Wenders?
Wim Wenders Super. Die Band arbeitet so cool und professionell, wie man es manchen zahmeren Bands ohne Punk-Herkunft wünschen möchte.
??? "Warum werde ich nicht satt" - was hat Sie gerade an dem Titel so gereizt, daß sie es mit den Toten Hosen umsetzen wollen?
Wim Wenders Also, wenn ich die CD zum ersten Mal gehört hätte, ohne zu wissen, um welches Stück es gehen soll, und die freie Wahl gehabt hätte, hätte ich ohne zu zögern "Warum werde ich nicht satt?" genommen. Nun ist es aber umgekehrt gelaufen, die Band hat mich angesprochen: "Hättest Du Lust, ein Video zu machen, das Stück ist "Warum werde ich nicht satt?"
Also habe ich erst das Stück gehört und dann die komplette CD. Und insofern habe ich es mir nicht ausgesucht. Aber es ist eindeutig mein Lieblingsstück auf der "Unsterblich" CD. Es hat einfach alles: Die ganze Power der Band ist darin und gleichzeitig auch etwas, was sie, glaube ich, so noch nicht gemacht haben. Ohne hier Gott weiß wie kulturphilosophisch zu werden, aber da ist was Unerwartetes drin. Vom Text und von dem ganzen Ansatz her, finde ich, hat dieses Lied ein bißchen was von den ganz großen Rock'n'Roll-Songs, wie z.B. "Satisfaction" von den Stones oder "I'm not like everybody else" von den Kinks. Das waren auch richtige Hits und Hammer, waren aber auch genauso zeitkritisch und haben etwas in ihrer Zeit Entscheidendes in Frage gestellt.
Meiner Meinung nach ist "Warum werde ich nicht satt?" genau so ein archetypischer Rock'n'Roll-Song geworden - obwohl er all diese anderen Elemente hat, z. B. den Swing grove, und obendrein ja eigentlich ein Punksong ist. Er schwappt so in alle möglichen Genres über. Aber vom Text her ist er ein richtig großer, klassischer Song. Irgendjemand mußte diesen Text irgendwann mal schreiben: "Warum werde ich nicht satt?". Daß das noch niemand vorher gemacht hat, ist eigentlich verwunderlich - es liegt so auf der Hand, daß das ein toller Songtitel ist, und auch ein Songthema, der späten Neunziger Jahre des ausklingenden Jahrhunderts.
??? Nun setzen Sie ihn ja in Bilder um, und so ein bißchen was kann man davon hier schon sehen - zunächst einmal nur die Vordergründe, die Hintergründe werden ja alle in der Bluebox gedreht. Wie muß man sich dann das fertige Video vorstellen? Was ist da die Idee? Wie soll es aussehen? Wie soll es rüberkommen?
Wim Wenders Ich versuche, in dem Video die ganzen Stilelemente, die im Song vorkommen, auch
anklingen zu lassen, daß es ein bißchen das Gefühl gibt von einer Swingband, also ein bißchen was
Altmodisches hat, daß es aber gleichzeitig absolut zeitgenössisch und "heute" und "2000" ist. In dem Clip soll zu sehen sein, daß da ein ganz saturierter, oder besser gesagt ein übersaturierter Mensch seine Geschichte erzählt, von seiner Angst, trotz seines Überflusses nicht genug zu haben, und von seiner Sehnsucht, irgendwo reinzupassen, irgendwo hinzugehören. Dann muß man rüberbringen, daß das Stück natürlich auch unheimlich fetzt - es gibt durch die Bläser und die Schlagzeugbreaks wirklich tolle Staffelungen und Steigerungen in dem Lied. Wir haben den Song jetzt hundertmal gehört, und er hängt noch immer niemandem zum Hals raus, was ja bei einem Videoclip sonst leicht passiert. Das Stück macht immer noch an, es hat eine tolle Power, und daß es so unterhaltend ist, liegt daran, daß es so in alle möglichen Gegenden und Tonlandschaften hineinschwebt. Es ist trotzdem ein Punksong, aber irgendwie auch überhöht und unerwartet vielschichtig.
Wim Wenders und Campino - Foto: Donata Wenders
??? Haben Sie Die Toten Hosen vorher auch schon so gehört, so wahrgenommen? Oder hören Sie die sogar privat?
Wim Wenders Als Düsseldorfer kannte ich die Band natürlich. Ich habe vielleicht nicht alle Platten. Zwischendurch habe ich ja eine Weile in Amerika gelebt, da habe ich ein paar erst im Nachhinein mitbekommen. Die Toten Hosen sind eine der wenigen Bands aus Deutschland, zusammen mit BAP, die ich über die letzten 15 Jahre eigentlich immer wieder verfolgt habe. Aber nie live gesehen, das war das erste Mal jetzt.
??? In dem Video spielt Campino einen Menschen, der von allem nicht genug bekommen kann. Er fährt das dickste Auto, er hat eine tolle Frau, teure Klamotten und so weiter. Ist das so ein bißchen auch gesellschaftskritisch gemeint, als würde man sagen: Warum ist das eigentlich so - kann man nicht irgendwann genug kriegen? Ist das dann auch nur auf die Oberschicht bezogen oder zieht sich das durch die ganze Gesellschaft?
Wim Wenders Ich glaube, das Tolle an dem Song ist, daß zwar von einer übersteigerten Position aus erzählt wird, also von jemandem, der alles hat, eine irre Villa, Autos und so weiter, daß das Thema aber eigentlich so ein Konsumzeitalterthema ist, daß man sich auch auf jeder anderen sozialen Ebene gut damit identifizieren kann. Das Problem, zuviel von allem zu haben, aber gerade deswegen auch das Gefühl zu bekommen, nie genug zu haben, das kennt heute jeder. Genau das ist ja das Problem: Je mehr man hat, umso mehr braucht man ja auch. Diesen Automatismus, den kennen auch jüngere Leute, die nicht so viel Geld wie unser "Held" haben, denke ich mir.
??? Wie muß man sich den Hintergrund nachher vorstellen? In welcher Gegend spielt das Ganze? Was passiert mit dem Hintergrund, der jetzt noch blau ist, im digitalen Schnitt?
Wim Wenders Das meiste, was jetzt blau ist, wird ein "Wolkenkuckucksheim" über Düsseldorf. Wir hatten uns anfangs gedacht, die Geschichte sollte direkt in Düsseldorf spielen - die Hosen haben dort noch nie ein Video gedreht, und auch ich habe noch nie in meiner Heimatstadt gedreht. Und das Wahnsinnshaus, von dem Campino erzählt und in dem er im Videoclip lebt, sollte eigentlich das Allertollste sein, was es in Düsseldorf gibt. In Düsseldorf gibt es aber solche Wahnsinnsvillen letzten Endes dann doch nicht, und so haben wir halt das Tollste, das es geben könnte, erfunden. Wir haben den Fernsehturm zu Campinos Wolkenkuckucks-Eigenheim gemacht, mit einem Golfplatz obendrauf, einem Schwimmbad und so weiter.
???
Ist es ein großer Unterschied, mit Musikern zu arbeiten oder mit wirklich ausgebildeten Schauspielern, für Sie als Regisseur?
Wim Wenders Die meisten Musiker, gerade die mit einer solchen Erfahrung wie die Hosen, sind ja nicht unerfahren im Umgang mit Kameras. Das ist ähnlich wie bei Politikern oder Sportlern. Die sind alle ein bißchen "abgebrüht" und haben keine Scheu vor der Kamera. Sie wissen sich vor der Kamera zu bewegen, und das ist ja eigentlich erstmal die Grundvoraussetzung, um mit irgend jemandem zu drehen - daß jemand das Verhältnis zur Kamera versteht und die Distanz dazu hat. Und das haben Die Toten Hosen aus den Jahren bestimmt mitgenommen. Campino hat oft genug vor Kameras gestanden und weiß sich da gut zu behaupten.
??? Wie kam es denn zu der etwas ungewöhnlichen Zusammenarbeit mit dem Pornostar Gina Wild? Es ist ja auch nicht so alltäglich, daß Sie mit ihr zusammenarbeiten.
Wim Wenders Das kann ich nur bestätigen, alltäglich ist das nicht. Die Hosen und Jochen Hülder, ihr Manager, haben die Besetzung vorgeschlagen; ich war auf dem Feld der Sexbomben nicht so bewandert. Es war klar, wir brauchten jemanden, der ziemlich sexy ist und am besten auch noch eine gewisse Berühmtheit hat. Ich habe mir ein paar Bänder angesehen, fand den Vorschlag dann ziemlich klasse und halte die Gina eigentlich für das, was wir suchten, für die Idealbesetzung. Ich kannte sie natürlich vorher nicht, aber ich muß sagen, sie hat mich ziemlich beeindruckt.
Das meiste, was sie machen mußte, war easy für sie, war das, was man von ihr erwarten würde. Aber dem Song waren wir es schuldig, daß sie Dinge macht, die man nicht von ihr erwartet, und das hat sie dann richtig super hingekriegt. Sie hat den Refrain mitgesungen und dann plötzlich richtig gespielt, und da war sie einfach gut. Es hat ihr auch echt Spaß gemacht; sie war froh, daß sie gefordert war und nicht nur das tun sollte, was sie sozusagen auf Automatik-Pilot machen kann. Sie war natürlich voll professionell, und aussehen tut sie ohnehin bombig.
Aber daß sie dann das bißchen mehr auch hingekriegt hat, das hat uns richtig gut gefallen. Auch Campino war ganz begeistert, daß Gina Wild eben nicht nur so vorkommt, wie man es erwartet - als "Sexmieze" - sondern daß sie plötzlich auch noch andere Seiten zeigt.
??? Hatten Sie Bedenken am Anfang als der Vorschlag kam?
Wim Wenders Nein, die Rolle mußte ja genau so besetzt werden. Und es war ja viel besser, so rum zu besetzen als mit einer "normalen" Schauspielerin. Erstens glaube ich, daß es von der Besetzung her schwer gewesen wäre, eine Schauspielerin zu finden, die so aussieht, und außerdem ist ja auch die Rolle der Frau in dem Song sozusagen die eines Sexobjektes. Das hat Gina echt super gemacht, unheimlich cool und easy. Sie hatte dabei auch keine Scheu - weniger als ich jedenfalls, würde ich sagen. Aber wie gesagt, daß sie dann die Kurve gekriegt hat und auch alles andere toll gemacht hat, das war eben super. Ich mich richtig gefreut, als sie so zerzaust und verheult dastand und das absolute Gegenteil von der Puppe war, die sie vorher gespielt hat.
Mehr über Wim Wenders:
Homepage: www.wim-wenders.com
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