Das große Auswärtsspiel-Interview 2002 - Teil 1
??? "Auswärtsspiel" ist das 16. Album in 20 Jahren Toten Hosen - ist es schon
von daher ein besonderes Album?
Campino: Schön, dass nochmal jemand mitgezählt hat... Für mich ist die
Herangehensweise eher so: Das könnte auch unser letztes sein. Ich haue in jede
Platte alles rein, was ich gerade im Regal habe. Und ich gebe mir deshalb viel
mehr Mühe als früher, höre mir alles tausendmal an, überlege, was man noch
verbessern kann. Das ist für mich mittlerweile echt ein schwieriger Prozess,
fast wie eine Prüfung. So wie jemand anderes sein Examen oder Abitur macht, gibt
es für uns alle zwei Jahre eine neue Platte. Und dann nach der Abgabe zu gucken,
wie die Platte ankommt, das ist immer wieder spannend. Und wird nie langweilig.
??? Es gibt also keine spezielle Geburtstagsfeier?
Campino: Da wird eine Flasche Sekt geöffnet, sechs Plastikbecher dazugestellt,
jeder nimmt einen Schluck und dann schauen wir nach vorne! Rückblicken soll auch
erlaubt sein. Es gab schließlich eine Menge schöne und traurige Geschichten, an
die man sich so erinnern kann. Die Platte sollte aber unbedingt jetzt erscheinen,
um klarzumachen, dass das die Hier-und-jetzt-Bestimmung ist. Die Platte verkörpert
das Heute und daran wollen wir gemessen werden.
??? Euer letztes Album "Unsterblich" stand ja für einen Einschnitt in der
Bandgeschichte - Ihr habt schließlich gesungen: "Wir sind nicht mehr die Jungs
von der Opel-Gang...".
Campino: Das war nicht so, dass wir morgens wach geworden sind, und festgestellt
haben: "Huch, wir haben uns verändert." So etwas geht ja schrittweise. Für mich
war das immer ganz gut nachzuvollziehen, wie wir uns entwickelt haben. Und abgesehen
von der Diskussion, die außen geführt wurde, war die "Unsterblich" für mich eine
Platte, mit der ich nicht hundertprozentig zufrieden war. Die war schon irgendwie
in Ordnung, aber nicht das Optimum, das wir bringen können.
??? Wie erklärt Ihr Euch das rückblickend?
Campino: Es kann sein, dass wir nach der "Opium" eine echte Last auf den Schultern
hatten, da noch mal ranzukommen, weil die Platte uns einfach sehr gefallen hat.
Da hast Du innerlich schon so einen Leistungsdruck, willst nicht abkacken, aber
schon wieder ein bisschen anders sein. Da kann man sich dann schon mal einen
Fehltritt einfangen. Das ist wie bei einer Fußballmannschaft: Du kannst nicht
jeden Samstag gewinnen. Und so ist bei der "Unsterblich" auch nicht alles geglückt.
Scheiße fand ich sie aber auch nicht. Jetzt wollten wir aber wieder einen neuen
Höhepunkt schaffen, weil wir immer noch was zu sagen haben, weil wir mit unserem
Latein noch nicht am Ende sind.
??? Die neue Platte klingt dementsprechend weniger wie eine Fortsetzung von
"Unsterblich", sondern ist wieder etwas härter geworden?

Campino: Das ist dadurch zu erklären, dass wir die "Unsterblich" für unsere
Verhältnisse als zu lasch empfunden haben - und deshalb eine Bremse eingelegt
haben, was Lieder in diese Richtung angeht. Zum anderen hat sich Vom nach zwei
Jahren so richtig eingelebt. Wölli war ja zu Zeiten der "Unsterblich" immer noch
aktiv dabei. Der Geist von Wölli schwebte noch voll im Raum herum, was für Vom
eine schwierige Aufgabe war, sich darein zu versetzen. Einerseits im Sinne von
Wölli zu spielen, andererseits seine eigene Leistung und seinen Charakter
einzubringen, ohne zu weit zu gehen. So etwas braucht ein bisschen Zeit. Er hat
das damals schon sehr gut umgesetzt, aber noch nicht so optimal, wie er spielen
kann, wenn er befreit ist. Jetzt hat er sich von dieser Bürde gelöst, bringt sich
selber mehr ein. Und das ist gut für uns und unsere Musik. Dadurch kommt es auch
zustande, dass wir generell wieder mehr Energie haben.
??? "Glauben" war der rote Faden bei der "Opium fürs Volk", bei der "Unsterblich"
hieß das Hauptthema Vergänglichkeit. Gibt es jetzt auch auf "Auswärtsspiel" ein
wiederkehrendes Motiv?
Campino: Bei der "Opium" haben wir das ja wirklich von vorne bis hinten
hinbekommen, bei der "Unsterblich" war etwas weniger Linie drin. Diesmal
glaube ich schon, dass unterschwellig ein Thema mitschwingt, dass es da einen
Rückspiegel gibt, in den wir reinschauen, und so einen Blick nach vorne. "Mein
Leben war ´ne Schlampe" ist ein Bild, das mir viel Spaß gemacht hat zu beschreiben.
In der Form, als ob das Leben eine Beziehung wäre, mit dem man jederzeit Schluss
machen und sich ein neues holen kann. Eine echte Wahrheit ist da aber nicht hinter.
So schlampig war mein Leben auch nicht, wie ich tue in dem Lied. Und so alt, wie
wir in "Graue Panther" zu sein scheinen, sind wir auch noch nicht! Das ist alles
mit einem lachenden Auge. Es ist aber auch ein entscheidender Punkt, dass wir mehr
Humor in dem Album drin haben.
??? Die Stücke für das neue Album sind im Trainingslager in Spanien entstanden.
Ihr habt dort aber Gerüchten zufolge Euren Düsseldorfer Proberaum eins zu eins
nachgebaut?
Campino: Wir haben zumindest alle Fenster zugehängt, um uns nicht von dem guten
Wetter irritieren zu lassen. Was wahrscheinlich mit dem Original-Nachbau des
Proberaums gemeint ist, das ist der normale Syph, der sich einstellt, wenn Du
Dich da drei Tage hintereinander aufhältst. Dass Kuddel seine Zigaretten nicht
wegräumt, die Getränke meistens halbleer liegen bleiben und nach ein paar Wochen
eine Pilzkultur entwickeln. Das weiß ja jeder, der mal in einer Band gespielt hat,
wie so ein Proberaum aussieht. Und diese Atmosphäre haben wir in Spanien problemlos
wieder hinbekommen.
??? Warum seid Ihr nach Spanien gegangen?
Campino: Das hatte nicht direkt was mit Spanien zu tun, das hätte auch das
Sauerland sein können. Spanien eignete sich, weil da im Winter so viele Ferienhäuser
leer stehen, die nichts kosten. Es gab in der Gegend lediglich ein Café und eine
Tapas-Bar. Es war für uns wichtig, dass wir uns irgendwohin zurückziehen konnten,
wo uns kein Telefon ablenkt und wo wir auch aus unserem normalen Alltag herausgerissen
sind. Das war eine wahnsinnig intensive Zeit für uns. Das war nur Musik, Musik,
Musik. Dort sind fast alle Stücke entstanden.
??? Für das "Unsterblich"-Album hast Du erstmals mit dem Berliner Musiker
Funny van Dannen zusammengearbeitet. Habt Ihr auch diesmal wieder etwas gemeinsam
ausgebrütet?
Campino: Funny hat wieder mitgeholfen. Seitdem ich ihn kennen gelernt habe, habe
ich keine Lust mehr, auf diese Zusammenarbeit zu verzichten. Die beflügelt mich
ungemein, und ich hoffe, dass ich ihm umgekehrt auch etwas bringe. Beim letzten
Mal war es so, dass eher er den Grundstock eines Lieds hatte, und ich etwas
dazuaddiert habe. Diesmal hatte mehr ich die Idee, worüber ein Lied gehen sollte,
und er hat etwas dazugetan.
??? Welche Stücke sind diesmal in Kooperation entstanden?
Campino: Diesmal haben wir nur zwei Stücke zusammen gemacht: "Kein Alkohol (ist
auch keine Lösung)!" und das "Kanzler"-Lied. Dann habe ich noch eine Textidee in
meinem Schreibtisch gefunden. Da waren noch zwei Zeilen von Rocko Schamoni, weil
ich mit dem mal vor fünf Jahren gefrühstückt habe, und wir dabei ein Lied
geschrieben haben. Es ist nie dazu gekommen, das zu veröffentlichen, aber zwei
Zeilen aus dem Song habe ich rübergenommen. Und deshalb ist er in "Schlampe"
auch als Autor genannt. Insgesamt haben wir aber weniger Gäste gehabt als beim
letzten Mal.
??? Das "Auswärtsspiel" wird im Februar beim "Heimspiel" in der Philipshalle
erstmals live präsentiert. Könnt Ihr schon verraten, was an diesem
Karnevalswochenende in Düsseldorf passieren wird?

Campino: Das Beste für die Leute, die von auswärts kommen, ist der von uns nicht
organisierte Service, dass da bestimmt viele Kneipen Mottoabende haben werden.
Und der Situation entsprechend gute Musik auflegen. Du brauchst nicht nach Hause,
sondern nach dem Hosen-Konzert geht die Nacht diesmal erst so richtig los! In der
Halle wird es natürlich sowieso für alle spannend, weil wir viele neue Lieder zum
ersten Mal live spielen werden. Das wird ein Abend mit Überraschungsfaktor.
Andi: Wir haben uns natürlich bewusst überlegt, Karneval zu Hause zu spielen,
denn da ist einfach eine ganz besondere Stimmung in der Stadt. In Düsseldorf
arbeitet ab Donnerstag ja eigentlich niemand mehr. Und das allein bürgt schon für
eine gute Party. Ich finde es aber auch gut, dass wir mal wieder eine Tour in
Düsseldorf beginnen. Zuletzt haben wir immer die letzten Konzerte in Düsseldorf
gespielt. Und da ist man halt auch schon mal etwas angeschlagen und kann nicht
mehr so Vollgas geben, wie man es gerne würde. Außerdem haben wir mit unserem
Lichtmann Tom Nulty ein neues aufwendiges Lichtdesign entwickelt, das in der
Philipshalle zum ersten Mal zum Einsatz kommt.
??? Auf dem Cover der "Opel-Gang" lagt Ihr 1983 unter einem Auto, auf dem neuen
Album wandern Eure Silhouetten einen Deich in Kuba entlang. Warum habt Ihr Euch
zum 20-jährigen Bandjubiläum für dieses Cover entschieden?
Campino: Weil in Kuba kein Opel rumstand... Wenn man jetzt auf "wichtig" machen
würde, könnte man sagen, dass wir auf beiden Covern nicht zu erkennen sind. Das
war auch ursprünglich mal so eine Linie, dass wir nie auf den Covern erscheinen
wollten. Wir haben das leider nur bis zur "Unter falscher Flagge", unserer zweiten
LP, durchgehalten.
??? Über eine Keimzelle der Toten Hosen, den Ratinger Hof, wird im gerade
erschienenen Buch "Verschwende Deine Jugend" berichtet. Euer Urteil über den
Doku-Roman und die Berichte der Zeitzeugen?
Campino: Das Buch ist unterhaltsam und trifft in seinen besten Momenten wirklich
das Lebensgefühl dieser Zeit. Aber man sollte nicht alles auf die Goldwaage legen,
was da geschrieben steht, weil eine Menge Leute in ihrer Erinnerung auch leichte
Wahrnehmungsverschiebungen vollzogen haben. Das Kernproblem des Buches ist, dass
es für einige Protagonisten dieses Buches der Lebenshöhepunkt war und sich das
teilweise wie eine Chronik über versäumte Möglichkeiten liest. Es ist in Ordnung,
aber auch eine gute Portion Märchen. Und es erzählen nur Musiker, obwohl manch
ein Beobachter vor der Bühne sicher einen reflektierteren Überblick gehabt hätte.
Andi: Es hat mir viel Spaß gemacht, das Buch zu lesen, weil natürlich viele Leute
drin vorkommen, die ich kenne. Teilweise weiß man einfach, dass etwas nicht stimmt,
weil man es selbst anders miterlebt hat.
??? Empfindet Ihr das auch so, dass Musik als Gegenkultur heute eine kleinere
Rolle spielt als vor 20 Jahren?
Campino: Ich weiß nicht, ob man Popmusik und Politik isoliert sehen kann. Man
muss begreifen, dass sich die gesamte Gesellschaftsform verändert hat. Die
Freizeitmöglichkeiten zum Beispiel haben sich verzehnfacht seit damals. Damals
gab es drei Fernsehprogramme, heute gibt es 35 in jedem durchschnittlichen
Haushalt. Es gibt Computerspiele. Und auch viele politische Initiativen, in denen
man sich engagieren kann. Deshalb hat man nicht mehr so eine Durchschlagskraft
wie früher. Du kriegst mit Musik keine Leute auf die Straße, aber Du kriegst auch
keine 20 Millionen Zuschauer mehr für einen Francis-Durbridge-Krimi vor den
Fernseher. Möglicherweise haben die Leute einfach die Schnauze voll von politischen
Themen, vielleicht will man die auch nicht mehr in Form eines politischen Liedes
serviert bekommen, sondern nur noch unterhalten werden, ohne ein Anliegen
unterbreitet zu bekommen.
??? Kennt Ihr andere Entwicklungen?
Andi: Ich glaube, dass es da auch eine konträre Bewegung zu gibt. Wenn Du Dir die
Globalisierungsgegner anguckst, und wie die sich organisieren, definieren die sich
nicht über eine Musikrichtung. Da läuft alles über das Internet, dass sie weltweit
agieren können und am Tag X dann alle vor Ort sind. Das wäre früher nur mit Hilfe
von Musik-Festivals möglich gewesen. Früher ging Musik und Protestbewegung vielmehr
einher.
Campino: Ich glaube, dass ein Lied immer noch die Welt bewegen kann, vielleicht
nicht im Sinne einer Protestaktion. Aber als Lady Di gestorben ist und Elton John
sein "Goodbye English Rose" geschrieben hat, passte dass voll in diese Zeit. Heute
wäre es vielleicht peinlich, aber damals hat es genau zur Stimmung gepasst. Und
ich kenne auch keinen Menschen, der über Sineads O´Connors "Nothing Compares To
You" sagt, dass das Lied scheiße ist. Es wird immer mal wieder einem Lied gelingen,
Millionen von Menschen für ein paar Sekunden auf eine gleiche Gefühlsebene zu
tragen. Warum wird denn immer nach einem Europapokalsieg "We Are The Champions"
gespielt?
??? Campino, für die ersten zehn Jahren Eurer Bandgeschichte hast Du Euch mal
rückblickend eine "LKW-Fahrer-Mentalität" attestiert, "immer unter Druck, immer
Höchstleistung". Nach Deinem Stimmbandanriss nebst Kreislaufkollaps habt Ihr ja
rund um die Konzerte für mehr Disziplin gesorgt. Ist der Kreuzbandriss jetzt ein
weiterer Einschnitt?
Campino: Das ist insofern kein Einschnitt, weil ich mir keinen Vorwurf machen
kann, da es nicht an einer durchgefeierten Nacht lag. Es war einfach eine ganz
normale Verletzung, die einem jederzeit passieren kann. Ich habe mir auch früher
die Rippen gebrochen, nur das Knie war natürlich schon etwas komplizierter. Es
gab da andere Einschnitte, wie den Tod von unserem langjährigen Roadie Bollock,
oder den Todesfall von einem Mädchen, das lange in unserem Büro gearbeitet hat,
oder auch Wöllis Car-Crash. Das sind alles so kleine Anzeigetafeln, die einem
bewusst machen sollten, dass Gesundheit und das Leben selbst keine Sache für die
Ewigkeit sind. Und dass es sehr schnell anders kommen kann. Wir haben auf unserem
Weg sehr viel Glück gehabt und in Relation zu anderen sehr wenig Schmerzen
ertragen müssen.
??? Ihr seid aber keinesfalls am Ende der Fahnenstange angelangt?
Andi: Wir gehen zwar heutzutage wesentlich bewusster mit ein paar Sachen um,
geben auf der Bühne aber trotzdem weiterhin Vollgas. Die Spiellaune und Lust
wieder auf Tour zu gehen, ist bei uns zur Zeit vielleicht größer denn jemals
zuvor. Wir freuen uns wirklich sehr auf die Tour. Denn wir wollen die Stücke,
die wir jetzt ein Jahr lang zusammengeschraubt haben, endlich live spielen und
gucken, wie sie ankommen.
Teil 2 des Interviews, der sich mit den Stücken des neuen Albums befasst,
findet ihr hier.
Zitate:
Kuddel über die wichtige Rolle von Produzent Jon Caffery: "Er kann jeden von uns
super gut einschätzen, weiß, was er jedem abverlangen kann. Und er merkt, wenn es
mal unangenehm wird, und bringt dann Ruhe rein."
Vom über die ersten Studioaufnahmen in Barcelona: "Normalerweise mag ich diese
Zeit nicht, wenn man im Studio ist. Doch diesmal stimmte einfach alles: Die Sonne
schien, es gab gutes Essen und einen Swimming-Pool."
Campino über "20 Jahre Die Toten Hosen" und die zu erwartenden Journalistenfragen:
"'Wie lange wollt Ihr es noch machen?' ist so ziemlich die langweiligste Frage,
die uns neben 'Warum heißt Ihr Die Toten Hosen?' gestellt werden kann."
Breiti über das größte Problem bei der Studioarbeit in Stommeln: "Wir hatten
diesmal ziemlich viele Lieder, die für die Platte in Frage gekommen wären. Und
deshalb auch ziemliche Schwierigkeiten, die 18, die letztendlich draufgekommen
sind, auszusuchen."
Andi über das Trainingslager in Spanien: "Es war gut, dass wir mal an einen anderen
Ort gegangen sind, um die Stücke zu schreiben. Du musst einfach mal so einen
Schritt gehen, um aus normalen Abläufen auszubrechen."
|