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Das große Jahresabschluss- interview mit Campino
Teil 2

Das große Jahresabschlussinterview mit Campino

Teil 2.: Über die Heim- und Auswärtsspiele 2005

Teil 1 findet ihr hier im Unplugged-Special

Ihr habt Euch im Jahr 2005 wieder mal keine Pause gegönnt. Was waren Deine persönlichen Höhepunkte?

Eigentlich war das ganze Jahr ein Höhepunkt. Und das ist nicht standardmäßig gemeint! Es war überhaupt nicht selbstverständlich, dass das so gut laufen würde, gerade, nachdem ich im letzten Dezember wegen Krankheit ein paar Tage ausgefallen bin. Das war aber in der Rückrunde nie mehr ein Thema. Ich war keinen Abend mehr unfit. Wir haben so viele gute Abende gehabt! Wie immer wenn für uns eine Argentinien-Reise ansteht, gehört das zu den Jahreshöhepunkten. Beide Abende in Buenos Aires waren unbeschreiblich, auch der Club-Abend in Cordoba. Man fährt da immer hin und denkt: „Hoffentlich wird es noch mal wie letztes Jahr!“ Und ich bin auch gar nicht davon ausgegangen, dass man das noch toppen kann. Aber ich hatte das Gefühl, dass das diesmal noch verrückter war als sonst – obwohl die Stadt nach dem großen Discobrand im Schock ist, in die Clubs nur noch die Hälfte der Leute reingelassen wird und kein Feuer mehr angemacht werden darf. Es war auch diesmal wieder eine grandiose Zeit!

Welche anderen Auswärtsspiele sind Dir sonst noch in Erinnerung geblieben?

Wir haben in diesem Jahr sehr oft im Regen gespielt. In Tschechien und Slowenien haben wir dermaßen im Matsch rumgestanden, das war schon irre! Wir haben besonders in Osteuropa wieder mehrere Länder dabei gehabt, in denen wir lange Zeit nicht mehr waren. Das Woodstock-Festival in Polen war auch unglaublich, wo unser Konzert abgebrochen worden ist. Das ist mal wieder so eine Geschichte, die man als alter Mann gerne erzählen wird (lacht). Das Konzert wurde live im Internet übertragen und unser Soundmischer Horst hat denen die Kabel rausgezogen, weil er meinte, die Kanäle gebrauchen zu müssen. Daraufhin war die Live-Übertragung natürlich im Arsch – und die Veranstalter haben ganz schön sauer reagiert. Das ging soweit, dass die unser Konzert irgendwann abgebrochen haben. Dabei war alles nur ein riesiges Missverständnis und hinterher lagen wir uns auch alle wieder in den Armen. Polen ist für die Toten Hosen mittlerweile zu einem wichtigen Kapitel geworden und auch zu einem meiner Lieblingsländer. Wir mögen die Leute dort sehr gerne und fühlen uns immer sehr wohl.


"Ein weiteres Highlight war unsere unangekündigte Show bei 'Rock am Ring'" (Foto: Thorsten Buhe)

Was waren ansonsten die herausragendsten Konzerte?

Ein weiteres Highlight war unsere unangekündigte Show bei „Rock am Ring“, wo man echt nicht davon ausgehen konnte, dass die zu so einer Party werden würde. Wir hatten ja erst im Jahr zuvor dort gespielt. Es dann trotzdem zu schaffen, dass 70.000 Leute eine gute Zeit haben, obwohl man nicht angekündigt war und somit kein Fan extra wegen dir dahin gekommen ist, das war nicht unbedingt zu erwarten. Das Unplugged-Konzert, die Tage in Wien, waren ein super Erlebnis, wie es in unserer Geschichte vorher kein vergleichbares gab. Wir haben aber auch auf der normalen Tournee immer wieder Abende gehabt, die Spaß gebracht haben. Das Heimspiel in der Arena in Düsseldorf gehört dazu. Da waren viele Sachen. Wir haben jede Menge Freude gehabt in diesem Jahr. Es gab lediglich einen Abend, mit dem ich nicht ganz so glücklich war, das war in Magdeburg.

Woran machst Du das fest, wenn es mal nicht so gut läuft?

Das Publikum in Magdeburg war super, an den Leuten hat es nicht gelegen. Die haben noch das Beste für uns daraus gemacht. Ich fand einfach, dass wir nicht so gut in Form waren. Was man mal sagen muss: Die Zuschauer in den neuen Bundesländern feiern unsere Konzerte wirklich ab. Wenn wir da spielen, habe ich manchmal ein bisschen das Gefühl, dass die das als einen ganz besonderen Abend sehen, wenn wir da sind – mehr als in den alten Bundesländern. Hier kann man uns schließlich auch schon seit über 23 Jahren sehen und drüben eben noch nicht seit ganz so langer Zeit. Wir haben da einfach noch nicht hunderte Konzerte gespielt! Ich habe dort immer das Gefühl, dass der Saal da ganz besonders kocht.

Welche Überraschungen kann es für eine routinierte Live-Band wie Euch überhaupt noch geben?

Wir waren in diesem Jahr auf vielen Festivals, auf denen wir vorher noch nie gewesen sind, zum Beispiel in Meppen oder beim Hessentag. Das waren so Veranstaltungen, von denen wir vorher nicht wussten, was uns da erwartet. Wir haben uns da vorher keine großen Illusionen gemacht und mit dem Stimmungspegel irgendeines Stadtfestes gerechnet. Dann kamen wir da an und jedes Mal war wirklich die Hölle los. Das waren Festivals, die überregional keinen großen Namen haben, diese sich aber ziemlich gemacht haben. Da standen super Anlagen, die Leute waren gut drauf. Bei diesen Stadtfestivals haben wir gute Erlebnisse gehabt. Ein weiterer Höhepunkt war auch, mit Gentleman "Guns Of Brixton" zu spielen und ihn näher kennen zu lernen. Ich hatte Anfang des Jahres ein Gentleman-Konzert gesehen, das wirklich toll war. Das wäre für mich wirklich keine Überraschung, wenn wir in der Zukunft noch mal etwas zusammen machen würden.


"Das Gefühl, dass einfach alles stimmt, hatte ich am Live8-Tag" (Foto: R. Pfisterer)

Wie sieht für Dich ein von vorne bis hinten perfekter Tourtag aus?

Das Gefühl, dass einfach alles stimmt, hatte ich am Live8-Tag. Da haben wir zuerst diese Nummer an der Siegessäule abgezogen. Dann mussten wir aus Zeitgründen ein Flugzeug nehmen, um am Abend rechtzeitig in Köln sein zu können. Und weil das am Vormittag schon so irrsinnig gut gelaufen war, hatten wir an dem Tag eine irrsinnige Lässigkeit. Der Gig in Köln ging uns so leicht von der Hand – und ich konnte sogar ohne Problem sagen: „Köln, ich liebe Euch!“ Irgendwie hat alles gepasst an dem Tag. Auf dem Flughafen ist uns auch noch Uli Hoeneß begegnet und Noppa hat sich ein Autogramm von ihm geholt. Uli Hoeneß wusste echt nicht, wie er uns einschätzen sollte. Der wollte gerne weg, aber er konnte nicht, weil ein Freund von ihm auf dem Klo war. Und deshalb musste er vor dem Klo auf ihn warten. Und dann haben die Toten Hosen ihn belagert! Ich bin dann auch noch hin und habe gesagt: „Herr Hoeneß, ich wollte sie immer schon mal treffen.“ Da gab er mir ganz unsicher die Hand und wusste nicht, ob ich ihn veräppeln wollte oder ob es die Wahrheit war. Es blieb eine ganz strange Begegnung. Und wir haben sehr viel gelacht. Der Tag war einfach rund.

Es lief also 2005 wirklich alles wie geplant?

Es lief besser als geplant. Es war nicht zu erwarten, dass wir so einen Lauf haben würden. Was mich sehr gefreut hat, war, dass auch die Lieder, die wir dann von der neuen Platte gespielt haben, sich sehr gut eingefügt haben und dass die Leute die auch bereitwillig aufgenommen haben. Letztendlich gab es keine Trennung zwischen alten und neuen Sachen. Ich glaube auch, dass Stücke wie „Freunde“ oder „Alles wird vorübergehen“ für lange, lange Zeit ihren Platz haben werden. Ein paar Lieder sind schon eine Bereicherung für unser Set. Und gerade „Freunde“ hat sich super entwickelt. Ich fand es aber auch rührend, wie „You´ll Never Walk Alone“ mittlerweile gewachsen ist, dass die Leute mit mir gefühlt haben und nach dem Spiel in Istanbul mit selbst gebastelten Pokalen zu den Konzerten gekommen sind. Das war unglaublich, wie da abgefeiert wurde! In den Momenten, in denen die Fans angefangen haben, mit den Fahnen zu wehen, hast du dich immer zu Hause und sicher gefühlt. Wir haben einerseits unheimlich viele Treuebeweise von den alt gedienten Hosen-Supportern bekommen, anderseits feststellen dürfen, dass unheimlich viele junge Leute bei den Konzerten waren. Dass viele Menschen zum ersten Mal zu unseren Konzerten kommen, finde ich genauso wichtig, und das ist für uns auch eine Motivation.

Das aktuelle Album ist vor knapp einem Jahr erschienen. Wie beurteilst Du „Zurück zum Glück“ mit etwas mehr Distanz?

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich mit dem letzten Album nicht so glücklich gewesen bin. Das fällt dir nicht so auf, wenn du die Sachen schreibst und das Ganze fertig gestellt wird. Dann siehst du manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht und machst dir teilweise auch selbst etwas vor. Du redest dir Sachen schön. Letztendlich ist man selbst aber noch total unsicher darüber, was man da gerade hergestellt hat. Ich glaube, dass ich mir das Album etwas schön geredet habe. Rückblickend war es sicher nicht das stärkste von uns. Gerade nach der „Auswärtsspiel“, die ein persönlicher Favorit von mir war. Es hat mich dann schon etwas enttäuscht, dass wir diese Latte nicht halten konnten. Aber dann kam diese unglaubliche Rückrunde: die Live-Saison.


"Eigentlich war das ganze Jahr ein Höhepunkt." (Foto: Slavica)

Es fragen sich jetzt natürlich alle, was mit den Videoaufnahmen von „You´ll Never Walk Alone“ geschieht, die Noppa LINK in jeder Stadt von Euch gemacht hat…

Die Idee war ja eigentlich, das Videomaterial an Didi Hamann und die anderen Spieler von Liverpool zu schicken. Wir haben denen das ja in Istanbul erzählt, dass bei uns bei diesem Lied immer so eine Party abgeht. Die konnten sich das aber gar nicht so richtig vorstellen. Das wird jetzt also wirklich an die Anfield Road geschickt, aber weil die Aufnahmen so lustig und so gut sind, haben wir sie auch als Bonusmaterial auf die Heimspiel-DVD gepackt. Da sieht man einen Zusammenschnitt aus zwanzig verschiedenen Städten, wo das Lied abgefeiert wird. Und außerdem heben wir uns den Kram für unsere Weihnachtsfeier auf. Da kann man das auch bringen, „You´ll Never Walk Alone“ als extended version von zwei Stunden durchzuziehen und jede Stadt auszuspielen (lacht).

Welches Feedback erwartest Du von der Insel?

In England wird man es bestimmt super finden, dass wir das Stück nicht als beliebiges Lied singen. Es ist ja nicht nur ein Abschluss und Höhepunkt eines jeden Abends, es ist vor allem auch direkt in Richtung Liverpool gemeint. Da sind vor der Bühne immer wieder Leute mit Trikots oder Schals in rot und weiß zu sehen. Und wir singen das nicht, weil wir keine Ahnung haben, woher das kommt. Wir wissen, dass das Lied dem FC Liverpool gehört, wenngleich die es auch nur übernommen haben. Es ist ja im Original von irgendwelchen Amis für ein Broadway-Musical in den 40ern geschrieben worden, bevor Gerry And The Pacemakers das gespielt haben – und es somit in den Besitz von Liverpool geriet. Selbst im Stadion ist der Spruch heute über dem Eingangstor eingemeißelt. Ich singe das immer, weil es soviel mehr aussagt, als irgendein normales Fußballlied, weil es um so viel mehr geht und ein bisschen was Philosophisches hat. Aber ich denke dabei auch immer an meinen Verein und finde das auch gut, dass die Leute mir das nicht übel nehmen.

Ihr habt in diesem Herbst erstmals eine andere deutsche Band mit nach Südamerika genommen. Wie kam die Reisegruppe mit den Beatsteaks zustande?

Es weiß ja mittlerweile jeder, dass wir die Beatsteaks sehr, sehr gerne mögen. Ich finde die musikalisch toll, und ich finde es klasse, wenn auch eine etwas jüngere Band als wir beweist, dass aus Deutschland Erste-Klasse-Rockmusik kommen kann. Es ist ja auch kein Zufall, dass wir jetzt auf der Unplugged-Scheibe „Hand In Hand“ covern. Das ist durchaus als Respekt denen gegenüber gemeint. Und weil sie nun mal auf Englisch singen, bot es sich bei ihnen noch eher als bei einer deutschsprachigen Band an, sie mal mitzunehmen. Wir haben denen dann einfach gesagt: „Ihr seid doof, wenn Ihr nicht mitkommt!“ Es war schön, als etwas erfahrenere Band im Bereich Südamerika, denen etwas Neues zu zeigen und auch ein paar Tipps zu geben, zum Beispiel dass man die Erwartungshaltung nicht zu hoch schrauben sollte am Anfang. Du kannst da nicht hinfahren und sofort abräumen wie ein Superstar. Das dauert, die müssen dich erst kennen lernen. Und dafür muss man erstmal den ersten Schritt auf der Leiter machen.


Arnim (Beatsteaks) beim Heimspiel in Düsseldorf

Wie habt ihr die gemeinsame Zeit in Buenos Aires verbracht?

Wir sind zusammen im Flugzeug rüber, am ersten Abend zusammen aus gewesen und auf den Hotelzimmern spielten sich auch ganz schöne Szenen ab. Roadies und Musiker von beiden Bands waren zusammen und haben was getrunken, geraucht und geredet. Dadurch dass wir mehrere Tage in der Stadt waren, kam das alles recht freundschaftlich rüber und konnte auch wachsen. Normalerweise siehst du dich ja nur mal kurz auf einem Festival und rufst: „Hallo Kollege – und tschüß!“ Jetzt konnte man einfach, ohne groß zu planen, in die Hotellobby kommen und zusammen was essen gehen. Für uns war es interessant, wie jemand diesen Wahnsinn als Ersterfahrung erlebt, was denen so auffällt an der Stadt. Und wir konnten denen erzählen, wie wir das sehen, als jemand, der sich auskennt. Das war eine tolle Mischung. Und ich glaube, dass die ähnlichen Spaß daran hatten wie wir.

Die Beatsteaks stammen genauso aus Berlin wie die Ohrbooten. Kommen die neuen interessanten Bands in Deutschland zwangsläufig aus der Hauptstadt?

Ich finde eher, dass Berlin in der Bringschuld ist. Wenn man die Einwohnerzahl sieht und was dort früher vom Senat alles für Rockmusik getan wurde, dann ist der Einfluss der Berliner Gruppen auf die deutsche Musik jämmerlich. Da müssten schon noch ein paar mehr Bands herkommen, bevor die auf Augenhöhe sind mit Hamburg, Köln oder Düsseldorf. Gerade in den 70er und 80er Jahren war von Berlin gar nichts zu spüren. Da haben die dort immer versucht, London und New York nachzumachen, haben aber nichts Eigenständiges entwickelt. Es ist cool, dass die Beatsteaks jetzt von dort kommen, aber ich würde nicht sagen, dass da gerade der Puls der Zeit ist. Berlin ist eine große Stadt, die super interessant ist. Es gibt tausende von Cliquen, Szenen und Kiezen. Die Ohrbooten oder Seeed, eine sehr, sehr gute Live-Band, kommen von dort – aber damit werden die Berliner nur ihrer Position gerecht. Sie sind noch nicht auffällig kreativ. Es wandern schließlich unheimlich viele Leute aus dem künstlerischen und kreativen Bereich nach Berlin ab. Und es wäre bodenlos, wenn da noch weniger los wäre, als es jetzt gerade ist.

Die Ohrbooten sind seit diesem Jahr bei Eurem Label JKP unter Vertrag, als zweite Band neben den Hosen. Wieso habt Ihr Euch ausgerechnet für sie entschieden?

Die Ohrbooten sind eine Band, die du live gesehen haben musst. Die haben wahnsinnige Live-Qualitäten, sind alles ehemalige Straßenmusiker, spielen auch heute noch regelmäßig dort. Die können aus dem Stand in einer unglaublichen Form improvisieren. Die sind wirklich alle Vollblutmusiker. Wenn man zu den Konzerten geht, vermitteln die einfach eine unheimlich gute Laune. Ich finde aber auch die Platte toll, weil ich mich einfach schon live auf die Musik eingelassen habe, weil ich die Art und Weise der Texte und auch deren Verspieltheit sehr gerne mag. Man ist ja als Hörer aus dem Studio alles gewöhnt, aber dass eine Band es schafft, den gleichen Sound live hinzubekommen, ist schon etwas Besonderes. Da trennt sich dann die Spreu vom Weizen.

Mit welcher Motivation seid Ihr an das Projekt rangegangen?

Es ist eine große Freude für uns, so eine Gruppe zu unterstützen und ihr unsere Logistik zur Verfügung zu stellen. Natürlich wissen wir, wie schwierig es heutzutage als junge Band ist, CDs an den Mann zu bringen. Wenn du heute als Band jemandem gefällst, würde der im besten Fall die CD herunterladen und für seine Freunde kopieren. Es ist schwierig, dass die Leute wirklich deine Platte kaufen. Aber ganz egal, ob sich das für uns rechnet, ist es einfach schön, einer solchen Band mit auf die Sprünge helfen zu können. Ich weiß, dass die Ohrbooten eine sehr gute Band sind, und ich bin mir sicher, dass die lange Zeit da sein werden. Mein Gefühl sagt mir, dass wir da jemanden unterstützen, der das wert ist.

2005 gab es natürlich nicht nur Musik: Wie ist Dein Fazit der Bundestagswahl?

Es hätte noch schlimmer kommen können, als es gekommen ist. Mein Horrorszenario war Union und FDP. Man sieht, was man befürchtet hat, nämlich dass es viele Profilneurotiker und Karrieristen gibt. Es ist nach wie vor ein wahnsinniges Postengeschacher und Interessengemauschel im Gange. Es ist keine schöne Situation. Ich hoffe einfach nur, dass die Merkel über sich selbst hinaus wächst und deutlich besser sein wird, als ich es persönlich erwarte. Um es ganz klar zu sagen: Ich erwarte mir von ihr nichts. Ich halte sie auf dem internationalen Parkett für eine sehr glanzlose Vertreterin. Und ich halte sie auch nicht für gewitzt und durchtrieben genug, um diesen Kanzlerjob zu machen. Ich wünschte mir, sie würde beweisen, dass sie es doch drauf hat. Ich kann ja nicht hoffen, dass sie einen scheiß Job macht, aber ich kann mir das alles nicht vorstellen.

Wie geht es weiter mit Deutschland?

Ich denke, dass wir noch für eine gewisse Zeit mit Schwierigkeiten in diesem Land rechnen müssen. Gleichzeitig will ich das nicht zu sehr dramatisieren. Man muss auch immer gucken, wo die anderen Länder stehen. Und man muss sich vor allem klar machen, warum wir in der Situation sind, in der wir sind. Diese Ursachenforschung wird eigentlich zu wenig seriös betrieben. Stattdessen gibt es nur billige Schuldzuweisungen. Was wirklich einschneidend war für unser Land war der Fall der Mauer, der erstmal von allen bejubelt worden ist. Die Konsequenzen hätten auch klar sein müssen.

Wie siehst Du die aktuelle Situation hierzulande?

Da ist eine komplette neue Welt, die in einen Wettstreit mit uns getreten ist. Und da muss Deutschland sich erst finden. Die Deutschen reiben sich aber immer noch die Augen und fragen: „Wie und warum?“ Wir sind nicht mehr das Hätschelkind des Westens, wie das in den 80er Jahren der Fall war, wir sind nicht mehr der Lieblingssohn Amerikas, wir sind überhaupt nicht mehr interessant für Amerika. Wir sind gar nicht mehr der politische Ballungsraum zwischen Ost und West. Wir sind auch nicht, was sich viele erträumt haben: der Mittelpunkt Europas. Wir sind nicht der Knotenpunkt, über den alles in den Osten laufen wird. Das läuft jetzt schon alles viel weiter östlich. Und daran hat Deutschland zu knabbern.


"Es wäre ehrlicher gewesen, Deutschland mit Ecken und Kanten zu zeigen."
(Foto: Donata Wenders)

Was denkst Du über die aktuelle Imagekampagne „Du bist Deutschland“?

Am besten finde ich die Witze darüber, den besoffenen Rostocker Fascho mit seiner vollurinierten Buchse. Darüber konnte ich lachen. Diese Persiflage deckt auch alle Schwächen der Kampagne auf. Es ist lächerlich, da immer nur so komische Idole zu nehmen und dann dazu zu schreiben: „Du bist Deutschland. Du kannst es schaffen.“ Diese Kampagne hätte richtig gut werden können, wenn man Deutschland in seinem Widerspruch gezeigt hätte, also vielleicht wirklich mal einen Penner auf der Straße oder einen versifften Spielplatz. Natürlich gehören auch gute Beispiele dazu, aber man hätte Deutschland besser so abgebildet, wie es wirklich ist, nicht mit so einem Pseudo-Glamour. Ich finde, dass sich die Werbeagentur nicht allzu viele Gedanken gemacht hat. Es wäre ehrlicher gewesen, Deutschland mit Ecken und Kanten zu zeigen.

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