Interviews //
Das große Halbzeit-Interview 2002

Das große Halbzeit-Interview 2002 - Teil 1

??? Halbzeitpause der "Auswärtsspiel"-Tour: Wie schmeckt Euch der Pausentee?

Campino: Der Pausentee schmeckt hervorragend, weil bisher alles super gelaufen ist. Die Konzerthallen waren voll, wir haben viel Spaß gehabt und alle sind gesund geblieben. Ich denke, wir führen 3:1, aber wir sollten uns jetzt nicht hinten reinstellen und mauern, sondern weiter den von uns verlangten Offensivfußball bieten. Dann werden wir Ende Dezember hoffentlich mit einem 4:1 oder 5:1 nach Hause gehen.

??? Was wird Euch von dieser Tour in Erinnerung bleiben?

Breiti: Es gab wieder einmal reichlich Höhepunkte, vor allem natürlich die Konzerte, die an ungewöhnlichen Orten stattgefunden haben. Da fallen mir direkt die Konzerte auf der Zugspitze, in Rottweil, auf Helgoland und in Sylt ein, nicht zu vergessen die großen Festivals in Polen und Ungarn. In besonderer Erinnerung geblieben ist mir aber die Strandparty in Sylt, die wir für die Leute veranstaltet haben, die nach dem Konzert nicht mehr von der Insel weggekommen sind oder dort keine Unterkunft hatten. Da herrschte einfach eine geniale Atmosphäre. Und genauso viel Spaß gemacht haben mir auch die Tage auf der Loreley, wo wir dann auch auf dem Zeltplatz geschlafen haben. Es ist einfach schön zu erleben, dass man mit den Leuten, die zu den Konzerten kommen, auch abseits der Bühne eine gute Zeit haben kann.

??? Über 60 Konzerte in sechs verschiedenen Ländern in 2002 - warum mutet Ihr Euch diesen Tour-Stress noch zu?

Breiti: Dieser Gedanke kam uns bislang überhaupt noch nicht, es war eher genau umgekehrt: alle haben sich total gefreut, wieder live zu spielen. Das ist immer noch der Hauptgrund, warum man in einer Band sein will. Es sind aber auch nicht nur die zwei Stunden auf der Bühne jeden Abend, es ist auch die Zeit, die wir mit den Leuten verbringen, die auf Tour arbeiten und teilweise schon seit Jahren dabei sind. Es ist wirklich immer wieder schön, mit diesen Menschen rumzuhängen und durch die Gegend zu fahren.
Campino: In den letzten Jahren hatten wir nicht immer Glück, Tourneen wurden wegen Verletzungen abgebrochen oder es passierten andere bescheuerte Dinge. Es ist diesmal zum ersten Mal seit fünf Jahren eine Saison, in der mal wieder alles zu passen scheint. Und wenn man mal länger so eine Durststrecke hingelegt hat, dann weiß man das auch viel mehr zu schätzen. Ermüdungserscheinungen hatten wir auch schon mal, das war dann aber in Zeiten, in denen wir uns unseres Glücks nicht mehr bewusst waren. Seit 1997, seitdem diese Sache im Rheinstadion passiert ist, hat sich da bei uns etwas Entscheidendes geändert. Unsere Beziehung zum Musikmachen, unsere Vorstellung, was wir für einen Anspruch an die Band haben, das hat sich in einem langen Denkprozess noch mal neu dargestellt.

??? Kann man auf einer Tour so etwas wie eine dynamische Entwicklung erkennen?

Campino: Am Anfang versucht man immer mit einem neuen Programm zu kommen, ohne selbst zu wissen, wie die Leute das aufnehmen werden. Du merkst aber schon bei den ersten Konzerten, welche Lieder nicht so gut ankommen oder welche Stellen für das jeweilige Stück ungünstig sind. Zum Ende einer Tournee kannst du dein Set viel eher berechnen. Um diesem Umstand bewusst zu entgehen, haben wir uns jetzt entschieden, das Set in der Herbstsaison noch mal stark umzuarbeiten, so dass sich auch die Leute, die zum zweiten, dritten Mal kommen, nicht langweilen brauchen. Wir werden eine Menge Lieder spielen, die wir im Frühjahr nicht gebracht haben.
Breiti: Es gibt aber manchmal auch solche Fälle wie "Frauen dieser Welt", das wir ohne unser Konzert in Rottweil wahrscheinlich nie für die Single aufgenommen hätten. Nur für dieses Konzert haben wir es einmal eingeübt und ausprobiert - und das hat uns sehr viel Spaß gemacht und ist halt auch gut angekommen. Und nur deswegen ist es dann auch auf der neuen Platte gelandet.

??? Die "Last-Minute-Tour" habt Ihr im Sommer noch kurzfristig eingeschoben - als Euren Urlaubsersatz. Ist das Konzept aufgegangen?

Campino: Die Orte hören sich ja schon ziemlich nach Ferien an: Zugspitze, Rottweil, Sylt und Helgoland. Das war aber natürlich alles schon ziemlich intensiv und hat auch Kraft gekostet, aber es war alles in allem immer noch ein super Ausflug. Das hat nichts mit Entspannen zu tun gehabt, aber ich habe lieber die Gigs gespielt, als dass ich mich irgendwo an den Strand gelegt hätte, um mich zu langweilen.

??? Was waren die größten lokalen Unterschiede auf Eurem Kurztrip durch die Republik?

Campino: Einmal war ganz viel Wasser da, einmal ganz viel Geröll (lacht). Die Menschen waren immer dieselben, zumindest im Publikum. Da gibt es eine spezielle Clique, die fast alle Konzerte mitgemacht hat. Die tauchen auf Tour wirklich überall auf! Allerdings haben wir die meisten zwischen Sylt und Helgoland abgehängt, das war dann wohl doch etwas zu hart. Da hätte man um halb sechs Uhr morgens auf die Fähre steigen müssen. Und daran sind eine Menge Leute gescheitert. Es gab in diesem Jahr einfach ein paar Strecken, die nicht zu schaffen waren. In Polen haben wir auch nur ganz wenige von den Hardcore-Fans getroffen - und der Trip von Finnland nach Stralsund, das war selbst für uns kaum zu schaffen.
Breiti: Es gab nämlich die kleine Schwierigkeit, dass wir genau an diesem Tag auch noch das WM-Spiel Brasilien gegen England irgendwo mitkriegen wollten. So eine Tour während einer WM perfekt zu planen, das ist schon eine logistische Meisterleistung. Kiki muss man auf solche Termine immer extra hinweisen, weil der sich überhaupt nicht für Fußball interessiert.
Campino: Der Typ hat das total verschwitzt, dass an dem Tag das Viertelfinale war!!!

??? Zum Ende der ersten Tourhälfte habt Ihr Eure Vorbands, Freunde und Fans zur Grillparty auf die Loreley eingeladen. Die sommerliche Alternative zum Weihnachtskonzert?

Campino: Die Grillparty sehen wir durchaus als eine Sache an, die man noch mal machen könnte. Die Idee, so ein Camping-Wochenende zu machen und es nicht bei einem Routine-Konzert zu belassen, die fanden wir sofort gut. Die Leute hatten auf der Loreley auch wirklich ihren Spaß. Und deshalb können wir es uns auch gut vorstellen, daraus eine Tradition zu entwickeln wie bei den Weihnachtskonzerten.

??? Was hat für Euch den besonderen Reiz der Grillparty ausgemacht?

Breiti: Erstmal hatten wir eine sehr gute Zeit mit den anderen Bands, mit denen wir zuvor auf der Tour zusammengespielt hatten. Das lag einfach nahe, die im Sommer noch mal an einen schönen Ort einzuladen, um zusammen ein Festival zu spielen. Und außerdem haben wir versucht, auch viele andere Bekannte von uns in das Programm einzubauen. Stefan Marquardt als Koch und die Rote Gourmet Fraktion hatten jeweils einen Stand, an dem sie Essen zubereitet haben. Ich fand auch gut, dass wir das über zwei Tage gestreckt haben, so dass wir für die Leute auf dem Campingplatz am Freitagabend auch noch T.V. Smith und The Boys einladen konnten. Und wir selbst haben an beiden Tagen ein komplett anderes Programm gespielt. Ich habe mal nachgezählt und bin auf über 60 verschiedene Lieder gekommen, die wir an den zwei Tagen gespielt haben. Ich hätte keine Lust, das Ganze direkt im nächsten Jahr zu wiederholen, denn die Party, die wir in diesem Sommer hatten, wäre nur schwer zu überbieten.

??? Ihr habt ja auch selbst auf dem Campingplatz geschlafen...

Campino: Das war erst mal ein Versuchsballon, inwiefern man bei einer solchen Menschenmenge eine Art familiäres Treffen durchziehen kann. Inwieweit kann das persönlich werden? Oder bleibt das immer eine Masse, die zu groß ist? Da war ich dann überrascht, dass das so gut gelaufen ist, dass sich diese Anonymität aufheben ließ. Natürlich kannst du nicht mit jedem reden, das ist auch gar nicht der Sinn. Diese Zufallsbegegnungen haben den großen Reiz ausgemacht. Andi und ich sind an einem Abend nachts über diesen Zeltplatz gelatscht und sind einfach dahin gegangen, wo die Feuer gebrannt haben. Da haben wir dann mit den Leuten fünf Minuten geredet oder manchmal auch eine halbe Stunde und sind dann einfach weiter zum nächsten Feuer. Es kam auch vor, dass wir pissen gegangen sind und dann den Weg nicht mehr zurück gefunden haben (lacht). Das war einfach supernett, und das hätte ich mir nicht so einfach vorgestellt. Das hatte auch damit zu tun, dass die Leute uns nicht in Besitz genommen haben. Wenn wir vorbeigekommen sind, war es dufte, und wenn wir dann irgendwann wieder weggegangen sind, war es das auch. Es war alles angenehm entspannt.

??? Du hast Dich während der Tour immer wieder gegen Edmund Stoiber geäußert - bist Du mit dem Ergebnis der Bundestagswahl zufrieden?

Campino: Ich habe kein richtiges Vertrauen in die Regierung, dass die unsere Probleme hier kompetent lösen können. Eine Stimmung in dem Sinne von "Jetzt packen wir es an" ist in diesem Land nun wirklich nicht zu spüren. Wir sind froh, dass es Stoiber nicht geworden ist, aber der Spielraum für so eine Kanzlermannschaft scheint enger zu sein, als wir uns das vorstellen können. Die Macht geht von der Wirtschaft aus. Selbst wenn es die CDU/CSU geworden wäre, würden wir wahrscheinlich gar nicht soviel davon spüren, außer so kranken Geschichten wie die Verschärfung des Einwanderungsgesetzes. Der Unterschied zwischen den Parteien und Programmen ist nur noch minimal.
Breiti: Die einzige Partei, mit der ich Sympathien haben kann, sind die Grünen, weil die am ehesten noch Grundsätze haben, und zwar die richtigen. Die versuchen wenigstens noch ab und zu mal ein bisschen davon durchzubringen. Ein Anlass für eine Riesenparty ist der Wahlausgang aber mit Sicherheit nicht.

??? Woran liegt das, dass die Grenzen zwischen den Parteien immer mehr verwischen?

Campino: Ich habe das Gefühl, dass wir mit einer Generation von Politikern leben müssen, die hauptsächlich an ihrer eigenen Karriere interessiert sind und an sonst gar nichts. Es gab mal so eine Phase nach dem Krieg, als die Leute Dinge erlebt haben, die sie soweit geprägt haben, dass sie ihre Persönlichkeit hinter die Idee gestellt haben. Die haben dann aus Leidenschaft versucht, etwas für das Land zu regeln, und haben sich weniger darum geschert, was sie selbst für einen Posten hatten. Da ging es wirklich noch um die Sache. Und diese Generation von Politikern ist aus dem Amt raus oder weggestorben. In den seltensten Fällen hast du heute Leute, denen du abnimmst, dass sie mit Haut und Haaren dabei sind und für eine Sache kämpfen. Bei Brandt, Wehner und selbst den Leuten auf der anderen Seite war damals ein ganz anderer Biss dahinter. Heute denkst du, dass viele ihren Ministerposten nur als Durchlaufstation zur nächsthöheren Stufe sehen. Ich glaube, wenn die CDU/CSU nur eine Figur in den eigenen Reihen gehabt hätte, die eine Persönlichkeit ist, dann hätte es die SPD nicht mehr geschafft. Es war nicht so, dass die Mehrheit dachte, dass die SPD alles unter Kontrolle hätte, es war eher eine Wahl nach dem Motto: "Verhindert die größte Scheiße!"

??? Zurück auf die Bühne: Wonach habt Ihr Eure Vorbands The Bones, The Busters und 3 Colours Red für den zweiten Tourteil ausgewählt?

Campino: Die Busters standen schon lange mal an. Es ist aber unheimlich schwierig, die unter einen Hut zu kriegen, weil das so viele Leute sind. Wir haben mit denen schon viele tolle Abende verlebt und kennen einzelne Mitglieder schon sehr lange. Und wir haben ja schon immer so ein Faible dafür, solche Partytruppen mit auf Tour zu nehmen!
Breiti: Bei 3 Colours Red ist das genauso. Die hatten wir schon ganz lange auf der Liste, aber es ist nie dazu gekommen, weil wir irgendwie nie gleichzeitig unterwegs waren.
Campino: The Bones lagen auch recht nahe, das ist schon genau die Musik, die wir so mögen. Und wir wollen natürlich auch in der Rückrunde unserem guten Ruf gerecht werden, dass wir uns immer gut um die anderen Musiker kümmern, die das Programm mitgestalten. Ich will ausdrücklich nicht von "Vorprogramm" reden. Es ist für uns außerdem immer schön, unserem Publikum mal etwas vorstellen zu können, was sie sonst nicht unbedingt hören würden.

??? Habt Ihr in diesem Jahr auch selbst mal irgendwo im Publikum gestanden?

Breiti: Dieses Jahr war natürlich wenig Gelegenheit, weil wir selbst viel unterwegs waren. Wenn wir auf Tour sind, ist es für mich aber immer schön, die Bands, die vor uns spielen, anzuschauen. Das ist für mich die beste Einstimmung auf ein Konzert. Deswegen suchen wir uns natürlich auch immer nur Bands aus, deren Musik wir auch mögen. Und ich sehe mir die dann auch wirklich jeden Abend von vorne bis hinten an. Dann kann man auch schon mal sehen, wie die Stimmung in der Halle ist, und kriegt das richtige Gefühl für den eigenen Auftritt danach.
Campino: Funny van Dannen hat mir Spaß gemacht, und ich habe Turbonegro beim Bizarre-Festival gesehen, die mich super beeindruckt haben. Und Puddle Of Mudd fand ich auch noch sehr okay, mit denen haben wir mehrere Abende zusammen gespielt.
Breiti: Für mich war es auch noch schön, nach langer Zeit mal wieder die Mighty Mighty Bosstones zu sehen. Wir waren zum Glück gerade mal für ein paar Tage hier, als die in der Philipshalle in Düsseldorf gespielt haben.

??? Gibt es denn noch irgendeine Wunschband, mit der Ihr gerne mal auf Tour gehen würdet?

Campino: Es gibt reichlich Bands, die ich gut finde. Das Mitnehmen ist für mich auch immer so eine zweischneidige Angelegenheit. Auf einem Festival geht das noch: Wenn jemand drei Stunden vorher spielt, kannst du dich noch voll auf deren Show konzentrieren. Aber im Gegensatz zu Breiti kriege ich die Band, die vor uns spielt, eigentlich kaum mit. In der Zeit mache ich mich hinten schon warm und versuche, mich auf meinen Job zu konzentrieren. Eine Lieblingsband von mir sehe ich lieber an einem Abend, an dem ich selbst nichts zu tun habe. Ich habe viel mehr Spaß, Joe Strummer für mich alleine als Fan zu erleben. Wenn er vorne auf der Bühne stehen würde und ich müsste mich gleichzeitig hinten einsingen, das würde nicht funktionieren.

??? Ihr seid jetzt seit über einem halben Jahr mit den Stücken des Albums "Auswärtsspiel" unterwegs - was denkt Ihr heute über die Platte, mit einiger Distanz zu den Tagen im Studio?

Campino: Ich bin wirklich immer noch sehr, sehr zufrieden mit diesem Album. Und das ist bei weiß Gott nicht bei jedem Album der Fall! Ich denke immer noch, dass wir da alles reingehauen haben, was wir zu der Zeit drauf hatten und habe die Scheibe als eine der stärkeren Leistungen von uns abgehakt. Ich sehe da auch immer noch nichts, was man ändern sollte. Und ich habe auch das Gefühl, dass die Leute die Platte entsprechend gewürdigt haben.
Breiti: Für mich ist es immer ein ganz guter Maßstab, wie viele Lieder von einer neuen Platte wir auch live spielen. Und bei der waren das bis jetzt schon mindestens zwölf Stücke, die wir schon mal irgendwo gespielt haben. Und das ist für mich ein sehr gutes Zeichen. Es hat auch Spaß gemacht, die Stücke live zu spielen, und sie sind auch gut angekommen. Daher glaube ich auch, dass es eine unserer besseren Platten war.

??? Mit der letzten Singleauskopplung "Nur zu Besuch" ist Euch offensichtlich eine Nummer gelungen, die viele Menschen berührt hat...

Campino: Es gab tierisch viele Reaktionen. Ich habe mir diese ganzen Sachen sehr aufmerksam durchgelesen. Ich habe darauf nicht geantwortet, weil ich nicht weiß, was ich dazu sagen soll. Aber mich haben diese ganzen Briefe wirklich betreten gemacht. Wahnsinnig viele Leute haben davon erzählt, warum ihnen dieses Lied etwas bedeutet. In fast jedem Brief ist davon die Rede, dass irgendwelche Verwandten oder liebgewonnenen Menschen gestorben sind, und dass das Lied geholfen hat, über die schwierige Situation hinweg zu kommen. Du siehst bei einer solchen Gelegenheit, wie genau sich die Leute damit auseinandersetzen, wie sehr die sich unsere Lieder teilweise zu Herzen nehmen.

??? War das eine positive Erkenntnis für Dich?

Campino: Mich hat das sehr gefreut, aber gleichzeitig auch sehr irritiert, weil wir uns zum Glück nicht immer im Klaren darüber sind, wie weit die Konsequenz aus einem Lied reichen kann. Wir machen die Lieder, wir hauen eine Platte raus und wenn das Publikum jubelt, dann ist das eine Reaktion, mit der man klarkommt. Aber wenn du dann Briefe liest, die dir wirklich nahe gehen, die über Musik hinausgehen, die etwas mit Leben und Philosophie zu tun haben, dann kann das einen echt treffen. Eine Frau hat uns geschrieben, dass ihr Mann in einem der Flieger saß, die ins World Trade Center reingeflogen sind. Und dass ihr das Stück geholfen habe, mit dieser traurigen Phase in ihrem Leben klarzukommen. Dadurch entwickelt man dann selbst eine ganz andere Einstellung zu den Geschehnissen. Die hatte ihren Mann auf einem Tote-Hosen-Konzert kennen gelernt. Komische Sachen sind das manchmal.

??? Das Stück ist offenbar auch schon bei zahlreichen Beerdigungen gespielt worden...

Campino: Es ist für mich nicht leicht, damit umzugehen. Es macht einem bewusst, das man mit den Gefühlen der Leute nicht oberflächlich umgehen sollte. Ich halte es andererseits gerade für wichtig, dass man sich beim Textschreiben nicht über die Konsequenzen bewusst ist, um im Kopf frei zu sein, ohne Zensur. Wenn ich diese Reaktionen jetzt im Kopf behalten würde, dann würde ich mir vor dem nächsten Lied in die Hose machen. Dann hätte ich wahrscheinlich gar keinen Mut mehr, mal etwas Oberflächliches oder einen Joke zu machen, weil ich der Sache dann nicht gerecht werden würde.

??? Nach diesem tiefgründigen Stück habt Ihr nun ein Lied von Funny van Dannen gecovert, das wieder von der lockeren Sorte ist...

Campino: Das ist ein bewusster Schlag in die andere Richtung. Das ist ein Stück von einem Freund, der uns das mal wegen Rottweil vorgeklimpert hat. Ich denke, dass das unsere Anhänger auch als Scherz von uns verstehen werden. Das hat wirklich nichts mit einer Weiterentwicklung oder dem nächsten Stand der Dinge zu tun. Da haben wir einfach mal ein Stück mit einem lachenden Auge herausgebracht, weil viele nach dem Konzert gefragt haben, warum es das nicht auf Platte gibt.

??? Am 11.11. erscheinen nun gleich drei Dokumente Eures Schaffens in den letzten 20 Jahren: Best-Of-CD, Best-Of-DVD und Best-Of-Buch. Was waren die Kriterien bei der Auswahl der Stücke für die Best-Of-CD?

Campino: Bei der "Reich & Sexy, Teil 2" brauchte man nicht viel rumwählen. Das sind die Singles und die beliebtesten Stücke aus den letzten zehn Jahren. Das Lied "Niemals einer Meinung" hat sich zum Beispiel erst über die Jahre zu einem Live-Knaller entwickelt, den das Publikum immer wieder hören wollte. Das Stück verdient es voll, dabei zu sein. Genauso ist "Schönen Gruß, Auf Wiedersehen" ein Hosen-Klassiker geworden, ohne dass das Stück jemals eine Single gewesen wäre. In diesem Fall haben wir die beiden Lieder einfach mit drauf genommen, während nicht jede Single für uns zwingend war. "Kein Alkohol" haben wir zum Beispiel weggelassen. Wir wollten zwar den Party-Spirit drauf haben, es aber in der Relation nicht übertreiben. Und "Jägermeister" war in der Hinsicht einfach der größere Hammer. Es sollte nicht nur ein Sammelsurium von alten Singles sein, die Platte sollte sich auch homogen anhören. Ich hoffe, dass wir eine Dramaturgie reingebracht haben, durch die sich die CD auch jemand mit Spaß anhören kann, der uns nicht so gut kennt.

??? Was hat es mit der Bonus-CD auf sich?

Breiti: Da sind zum einen B-Seiten von Singles drauf, Stücke, die noch nie veröffentlicht worden sind, oder Sachen, die noch nicht so viele Leute gehört haben. Und auch dabei war es unsere Absicht, eine Platte zusammenzustellen, die man für sich allein gut hören kann - und die nicht nur die 500 Wissenschaftler interessiert, die sich dann musikkritisch damit beschäftigen. Es ist ja oft so, dass Stücke, die nicht mehr auf ein Album passen, völlig untergehen oder nur als B-Seite auf einer Single vorkommen. Nach einer Weile entwickeln Stücke auf so einer Single dann aber manchmal Qualitäten, die man ihnen am Anfang gar nicht zugetraut hätte. Und deswegen hatten wir auch sehr, sehr großen Spaß daran, diese Platte zusammenzustellen.
Campino: Wir wollten ganz klar verhindern, dass das nur für das Archiv ist. Ganz oft ist das bei solchen Raritäten-Scheiben ja so, dass man das zwar noch nie gehört hat, die Welt aber auch drauf hätte verzichten können. Die Bonus-CD sollte eine vollwertige CD werden, die man nicht nur einmal durchhört.

??? Wie viele unveröffentlichte Stücke liegen denn jetzt noch im Archiv?

Campino: Da sind noch einige, aber die, die jetzt auf dieser CD nicht drauf sind, die haben es auch kaum verdient. Da kann man mal einen Abend kiffen, eine Flasche Wein zu trinken, einmal alles durchhören und dann darüber lachen - vor allem als jemand, der daran beteiligt war. Das würde man aber der Öffentlichkeit nicht zumuten wollen (lacht). Die Sachen, die jetzt auf der CD drauf sind, das ist eine Mischung aus Lieblingsmelodien und obskuren Geschichten. Da gibt es zum Beispiel einen Interview-Ausschnitt, wie Breiti mit Walther November redet. Da bekommt man ganz gut mit, was bei dem im Kopf losgewesen ist und was das für ein Spaß gewesen sein muss, mit ihm in einer Band zu sein. "Entenhausen bleibt stabil" gehört auch zu den Liedern, die wir schon immer gemocht, die aber zu der Zeit von "Opium fürs Volk" nicht ins Konzept gepasst haben.

??? Das Coverfoto bezieht sich direkt auf die erste Best-Of-CD von 1992, die Zahl der Frauen auf dem Cover ist allerdings schlagartig angestiegen.

Campino: Es waren letztendlich über 70 Fotomodelle, das war halt die totale Übertreibung. Beim ersten Mal war es ja eine Persiflage auf ein Jimi-Hendrix-Cover - und jetzt haben wir eigentlich unser eigenes Cover noch mal persifliert. Wir standen vor der Frage: "Reich & Sexy - Die fetten Jahre" - wie soll denn das gehen? Eine Möglichkeit wäre gewesen, dass wir immer dicker geworden wären. Das ist aber nicht so richtig passiert. Und deshalb musste das Cover eben in irgendeiner anderen Weise aufgeblasen werden - mit noch mehr Mädchen. Der Spruch "Wer reich ist, ist auch sexy" ist nach wie vor ein völlig ironisches Bild für uns.

??? Wie lief der Fototermin mit Andreas Gursky ab? Ihr hattet sicherlich viel Spaß...

Campino: Wenn man sich nackt gegenübersteht, sagt man nicht so locker: "Du, kannst Du mir nicht mal Deine Nummer geben?" Die Stimmung war eher sehr geschäftig (lacht). Da waren außerdem noch mindestens zehn andere Leute mit im Raum: Andreas Gursky hat das Foto zusammen mit seiner Frau Nina Pohl gemacht, die waren alleine für Anweisungen zuständig. Dazu gab es Beleuchter, Stylisten, Make-Up-Leute, die alle zugeschaut haben, dass alles ordentlich läuft.

??? Wie lange hat es gedauert, bis das Foto fertig war?

Breiti: Zwei Tage, von morgens bis abends. Denn bis du so viele Leute richtig arrangiert hast, richtig hingesetzt und hingestellt, das dauert. Dazu mussten ja auch noch knapp 80 Leute geschminkt werden.

??? Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Andreas Gursky gekommen?

Breiti: Wir kennen Andreas Gursky schon länger, spätestens seitdem er vor zwei Jahren bei einem Konzert in Dortmund ein Bild von unserem Publikum gemacht hat. Das hängt inzwischen im Großformat in einigen großen Museen. Bei seiner Ausstellung im Centre Pompidou wurde es auch ausgestellt, was für uns ein großer Spaß war, das in Paris anzusehen. Wir treffen Gursky seitdem regelmäßig. Und weil der es eben gewohnt ist, großflächig zu denken, sind wir direkt auf ihn gekommen. Wir waren uns sicher, dass er der Mann ist, der unsere Idee umsetzen kann.
Campino: Es ging nicht darum, das Bild einfach nur zu wiederholen. Gursky sollte da auch einen Anspruch reinbringen. Für uns war über seine Person gewährleistet, dass das Bild einen Kunsttouch bekommt und nicht ins Ordinäre geht. Das war überhaupt nie die Absicht von uns. Es geht nicht darum, irgendeinen sexistischen Scheiß abzuliefern, sondern eine kühle Ästhetik rüberzubringen.

??? Was macht Ihr jetzt, wenn Ihr irgendwann mal eine dritte Best-Of-CD rausbringen müsst?

Breiti: Wenn wir dann noch reicher sind? (lacht) Vielleicht lassen wir uns dann mal nur mit fünf Pudeln fotografieren...
Campino: "Wieder arm und nicht mehr sexy" (lacht). Diese ganze Nudisten-Nummer sollte man irgendwann auch mal wieder in die eigenen vier Wände verlegen. Wir wollen da in diesem Jahr aber noch mal richtig dran ziehen. Ich darf schon mal verraten, dass da im Dezember noch etwas zu kommen wird.

Teil 2 des Interviews findet ihr hier.

Zurück zur Übersicht