Die DTH Interview Serie 2006

Teil 4 - Kuddel

Nach Vom Ritchie (März), Michael Breitkopf (Mai), Andreas Meurer (August) sind wir jetzt bei Georg Andreas Christian von Holst gelandet, besser bekannt als Kuddel. Der Gitarrist hält sich ansonsten eher etwas zurück, wenn es um Interviews geht. Stattdessen beschränkt er sich lieber auf sein unumstrittenes Fachgebiet und bringt seine musikalische Kompetenz ein. In unserem Interview erzählt er, woher sein adliger Familienname stammt, warum er Gitarren sammelt und warum er seit ein paar Jahren in einem Dorf mit 275 Einwohnern lebt.

> Teil 1 mit Vom
> Teil 2 mit Breiti
> Teil 3 mit Andi
> Teil 5 mit Campino

Wann hat Dich zum letzten Mal jemand Georg Andreas Christian gerufen?

Das ist gar nicht lange her. Meine Tochter Chelsea hat mich neulich am Mittagstisch so genannt. Da haben wir über Vornamen gesprochen, und ich habe erzählt, dass ich eigentlich Georg Andreas Christian heiße. Gerufen hat mich so aber noch nie jemand, höchstens bei der Passausgabe. Wenn mich schon jemand mit dem Vornamen angeredet hat, dann normalerweise mit Andreas. Mein Spitzname in meiner Kindheit war allerdings „Hölstchen“.

Das kommt von Deinem Nachnamen von Holst. Woher stammt das „von“?

Meine Mutter hat mir mal gesagt, die von Holsts seien baltischer Adel gewesen, alt und verarmt. Ich habe mich aber nie genauer mit der Geschichte beschäftigt. Nur ein paar Lehrer haben sich da immer drüber lustig gemacht: „Aha, der VON Holst kommt schon wieder zu spät!“ Was ich wirklich aus der Tradition übernommen habe, ist mein Siegelring, den ich zu meinem 18. Geburtstag von meinen Eltern geschenkt bekommen habe. Und unser Familienwappen war mein erstes Tattoo. Es zeigt einen Vogel, der sich in die eigene Brust piekst, um seine Jungen mit seinem Blut zu füttern. Das war auch das einzige Mal, dass ich gedacht habe: Es ist ja gar nicht so schlecht, „adelig“ zu sein. Dann hat man wenigstens ein super Motiv zum Tätowieren (lacht).


Wie bist Du in Deiner Jugendzeit zur Musik gekommen?

Ich habe erst mit 13 Jahren angefangen, Gitarre zu spielen, die aber erstmal wie eine Zither gehalten, flach auf den Beinen liegend, bis mir mal jemand gezeigt hat, wie das richtig geht. Bevor ich dann zur E-Gitarre wechselte, habe ich auf Schulfahrten Songs von Bob Dylan gesungen. Kurz darauf waren wir aber mit meinen Eltern in Kanada im Urlaub und in diesem Musikladen in Montreal stand eine Gitarre. Die musste ich haben! Sonst wäre ich durchgedreht. Das Instrument war zwar nur aus Sperrholz und nur für Rechtshänder, aber das war mir in dem Moment egal. Ich wusste zu der Zeit noch gar nicht, dass es auch Linkshändergitarren gibt.


>> Bevor ich dann zur E-Gitarre wechselte, habe ich auf Schulfahrten Songs von Bob Dylan gesungen. <<


Du hast damals also nie ein anderes Instrument ausprobiert?

Eigentlich habe ich als Schlagzeuger angefangen, mit zwei Brüdern aus meiner Schule. Die hatten bei sich im Haus einen komplett eingerichteten Proberaum, waren musikalisch aber eher etwas hippie-mäßig drauf. Die haben einfach etwas Gitarre und Querflöte gespielt und ich habe mich am Schlagzeug versucht, ganz ohne Bandnamen oder so etwas.

Im Fragebogen auf der Homepage hast Du auf die Frage „Welche Charaktereigenschaften hast Du von Deinen Eltern vererbt bekommen?“ geantwortet: „Saufen“.

Das sollte nur ein Scherz sein, weil ich seit zehn Jahren keinen Alkohol mehr trinke. Meine Eltern konnten sicherlich ein paar Martinis wegkippen, aber man kann jetzt wirklich nicht sagen, dass meine Eltern Säufer waren (lacht). Meine Mutter hat mir den Scherz nicht krumm genommen. Und mein Vater, der leider 2004 verstorben ist, hätte wohl auch drüber lachen können.

Zum „Held Deiner Kindheit“ hast Du in dem Fragebogen Deinen Bruder Niko ernannt. Mehr als ein Scherz?

Das war ernst gemeint. Mein Bruder ist ein Jahr älter als ich und war einer der ersten Punks in Düsseldorf. Er hat mir alles in der Musik gezeigt, was mit Punk-Rock zu tun hatte. Und er hat auch ansonsten immer Sachen gemacht, die ich noch nicht gemacht hatte. Das fand ich großartig und habe ihm nachgeeifert. Ohne ihn hätte ich 1978 in Kanada auch niemals die Lurkers und Ramones gesehen; alleine wäre ich da nicht hingegangen. Er war also in jeder Beziehung ein sehr guter großer Bruder.


>> Ich wache heute noch manchmal schweißgebadet auf, weil ich davon träume, ein Referat halten zu müssen und überhaupt nicht weiß, worüber.<<

Schon zu ZK-Zeiten hast Du voll auf die Musik gesetzt und das Gymnasium während der 11. Klasse verlassen…

Zu der Zeit hatten wir die ersten Konzerte in anderen Städten. Das fand ich damals natürlich wesentlich spaßiger. Und zwangsläufig wurde ich in der Schule immer schlechter. Ich wache heute noch manchmal schweißgebadet auf, weil ich davon träume, ein Referat halten zu müssen und überhaupt nicht weiß, worüber. Mein Deutschlehrer war ein ziemliches Arschloch und sein Unterricht verfolgt mich manchmal bis zum heutigen Tag. Meine Eltern haben damals natürlich alles probiert, damit ich die Schule trotzdem fertig mache. Als sie dann aber gesehen haben, dass das nicht mehr klappen würde, sind sie ziemlich cool damit umgegangen.

Wie beurteilst Du Deine Entscheidung aus heutiger Sicht?

Wenn man zurückschaut, war das natürlich ganz schön blauäugig von mir. Ich habe wirklich Glück gehabt. Wenn das mit der Band nicht so gut geklappt hätte, weiß ich nicht, wo ich gelandet wäre. Und ich muss echt schauen, dass ich die Geschichte möglichst lange vor meinen beiden Kindern verbergen kann (lacht). Im Ernst: Ich muss oft an meine Schulzeit zurückdenken, wenn ich ihnen heute sage: Macht Eure Hausaufgaben! Dieser Rollenwechsel ist jedes Mal wieder eine neue Herausforderung für mich. Und ich habe mich da längst noch nicht dran gewöhnt.

Hast Du jemals auf anderem Gebiet gearbeitet als in der Musikbranche?

Ich habe einmal Inventur in einem Supermarkt gemacht und musste die tief gefrorenen Hähnchen zählen. Und dafür habe ich nicht einmal Geld bekommen. Da hatte ich dann endgültig keinen Bock mehr (lacht). Ich habe aber nie Schiss vor dem Scheitern gehabt. Ich hatte niemals den Gedanken: „Wenn das jetzt nicht klappt, was dann?“ Bei mir in der Schule gab es einen begnadeten Klavierspieler, dem es zu risikoreich war, auf die Musik zu setzen. Ich habe das damals überhaupt nicht verstanden, dass der lieber eine Ausbildung zum Handelskaufmann gemacht hat. Für mich war das verschwendetes Talent.

Wie war Deine erste Begegnung mit dem damaligen ZK-Sänger Campino?

Wenn ZK ein Konzert in der Nähe gespielt haben, ist Campi immer mit der Straßenbahn hingefahren, zusammen mit den anderen Punks. Er hatte seinen Bühnenkoffer dabei, mit seinem Mikrophon und seinen Klamotten, und ich fand das immer schon extrem lässig. Bei diesen Fahrten gab es natürlich auch immer ziemlich viel Krawall, es war laut, da wurde getrunken und geraucht. Nachdem ich ZK irgendwann mal wieder im Okie-Dokie in Neuss gesehen hatte, habe ich gedacht: „In so einer Band zu spielen, das wäre es!“ Zu dem Zeitpunkt schien das aber noch ganz weit entfernt von mir zu sein.

Wie bist Du dann trotzdem zum Bandmitglied geworden?

Zwei Wochen später rief Fabsi bei mir an, der Schlagzeuger von ZK. Er sagte mir, dass sie einen neuen Gitarristen suchten, weil die alte Gitarristin fünfmal im Monat ihre Tage gehabt hätte und deswegen ständig die Proben absagte. Und plötzlich stand ich wirklich im ZK-Proberaum. Campi meinte zur Begrüßung: „Ach, Du bist das!“ Wir hatten uns vorher schon ein paar Mal auch in der Altstadt gesehen. Und es wurde dann nie wieder ein Wort drüber verloren, ob ich jetzt in der Band drin war oder nicht. Ich stieß also zu ZK, ohne dass das jemals ausgesprochen wurde.

Wer hat die ersten Stücke für ZK geschrieben?

Ziemlich viele Ideen stammten anfangs von unserem Bassisten Isi. Gleichzeitig war er ein sehr geduldiger Lehrer, der mir viele Sachen auf der E-Gitarre beigebracht hat, auf die ich von der Wandergitarre umgeschult hatte. Mit der Zeit zeigte sich dann aber schon, dass ich mich gut mit Campi ergänzte. Er hat mir die Melodie, die er sich vorstellte, einfach vorgesungen und ich habe die nachgespielt. Die Zusammenarbeit funktionierte wirklich von Anfang sehr gut. Sehr oft lief es aber auch einfach so: Wir kamen alle schon ordentlich dicht in den Proberaum, es wurde irgendwie los geschrabbelt und irgendwann ein Text draufgehauen. Es war alles sehr einfach, spontan und chaotisch.


>> Campi hatte viele Ideen, ich hatte viele Ideen. Und das hat sich sofort gut ergänzt. <<


Wie lief dieser Prozess des Songschreibens bei den frühen Hosen ab?

Ich konnte damals schon ein bisschen Gitarre spielen, aber Andi wusste nicht, wo ein F und ein G ist. Campi beherrschte den Zwei-Finger-Anschlag einwandfrei, konnte aber keine Gitarre spielen, weshalb es ihm schwer fiel, selbst Stücke zu schreiben. Walter, der damals noch dabei war, konnte nicht mal viermal hintereinander denselben Ton anschlagen. Nichts für ungut, Walter, aber Du warst wohl der unmusikalischste Gitarrist, den ich je gesehen habe! Er hat bei den Auftritten Gas gegeben wie kein Anderer, aber für das Stückeschreiben fiel er komplett aus. Letztendlich war es in diesen Tagen so: Campi hatte viele Ideen, ich hatte viele Ideen. Und das hat sich sofort gut ergänzt. Breiti, der etwas später dazu kam, hat sich nach kurzer Eingewöhnungszeit auch sehr schnell mit eingebracht.

Habt Ihr Euch jemals nur zu zweit getroffen, um neue Stücke zu schreiben?

Das haben wir einmal probiert, bei Campi in Mettmann auf dem Klavier. Das hat aber lange nicht so gut funktioniert wie im Proberaum und deshalb haben wir es schnell wieder sein lassen. Wir durften auf dem Klavier übrigens auf keinen Fall den „Flohwalzer“ spielen, weil Campis Mutter sonst Hausverbot erteilt hätte (lacht). Das ging wohl gegen ihre Ehre als Chorsängerin. Ich weiß nicht mehr genau, ob bei der Probe eventuell „Bis zum bitteren Ende“ heraus gekommen ist. Wie früher einzelne Stücke entstanden sind, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Darüber liegt ein Schleier aus alkoholischen Getränken, aber wir hatten auch schon damals Phasen, wo überhaupt nichts ging, und Tage, an denen wir vier Stücke hintereinander geschrieben haben.

Was hat sich heute, über 20 Jahre später, geändert?

Heute kann man sich für 2000 Euro ein Studio ins Zimmer stellen, früher hätte man dafür 50.000 Mark bezahlt. Mit diesen Geräten kann man schon zu Hause ziemlich viel ausarbeiten. Es ist also nicht mehr nur so, dass man mit einem Gitarrenriff in den Proberaum kommt, sondern eher schon mal mit einer halbfertigen Songidee, die Strophe, Refrain und Mittelteil beinhaltet. Einige der neuen Sachen sind bei mir so entstanden, zum Beispiel „Alles wird vorübergehen“, „Sehnsucht“, „Weißes Rauschen“ und „Kopf oder Zahl“. Früher hat man eine Idee einfach mal schnell vorgespielt. Und wenn sich keiner der anderen Bandmitglieder etwas drunter vorstellen konnte, wurde das schnell wieder verworfen. Heute hat sich der Arbeitsprozess vereinfacht, weil man jedem schon eine genauere Vorstellung davon vermitteln kann, wie der Song hinterher klingen könnte. Breiti und Andi machen das mittlerweile genauso wie ich. Es ist aber natürlich auch immer noch so, dass wir uns einfach im Proberaum treffen und komplett neue Sachen machen oder dass Campi mehrere Melodien im Kopf hat, die wir dann gemeinsam ausarbeiten.

Du hast aber noch niemals an einem Text mitgearbeitet?

Doch, einmal. Bei dem Stück „35 Jahre“ hatte ich die grandiose Idee für die Zeile „35 Jahre lang/Haken für den Duschvorhang“. Es ging darum, einen Beruf in einer Firma zu finden, der möglichst stupide ist, aber gleichzeitig lustig. Und wenn man 35 Jahre lang Haken für den Duschvorhang sortiert, ist man wohl schon etwas fertig mit den Nerven (lacht). Manchmal ist mir ein Wort oder eine Zeile eingefallen, aber nicht mehr. Einen ganzen Text habe ich noch nie geschrieben. Das ist einfach nicht meine Baustelle.

Du giltst dafür aber als der musikalische Direktor der Hosen, mit einem ganz besonderen Einfluss auf den Stil der Band...

Ich tue mich sehr schwer mit dem Begriff "musikalischer Direktor". Ich weiß nicht, wer mir den Titel gegeben hat. Ein solcher Direktor hätte ja bei allen musikalischen Entscheidungen immer das letzte Wort, würde den ganzen Prozess kontrollieren und in eine bestimmte Richtung führen. Und das ist bei uns bis heute komplett anders! Die Stücke, die wir zusammen schreiben, sollen auch jedem von uns gefallen. Jede Meinung hat das gleiche Gewicht, was neue Stücke angeht. Und es sind dadurch auch schon genug Ideen abgeschmettert worden, die ich total super fand.


>> Auch Campi hat auf der „Opel-Gang“ noch außer mir Schlagzeug gespielt, bei „Sommernachtstraum“ und „Armee der Verlierer“. Wir haben es immer so gehalten: Wer etwas am Besten konnte, der hat es eingespielt. << (Foto: Donata Wenders)


Wie würdest Du Deinen musikalischen Status selbst beschreiben?

Was mich vielleicht von den Kollegen unterscheidet, ist, dass ich manchmal bestimmte Ideen etwas besser umsetzen kann. Der Abstand zwischen mir und den anderen hat sich in den letzten Jahren aber sicherlich immer stärker verringert. Die Zeiten der „Opel-Gang“ und „Unter falsche Flagge“ sind lange vorbei. Für diese Platten habe ich im Studio bei manchen Stücken noch ALLES alleine eingespielt: Gitarren, Bass und Schlagzeug. Auch Campi hat auf der „Opel-Gang“ noch außer mir Schlagzeug gespielt, bei „Sommernachtstraum“ und „Armee der Verlierer“. Wir haben es immer so gehalten: Wer etwas am Besten konnte, der hat es eingespielt.

Woher stammt Deine Inspiration für neue Stücke?

Meine CD-Sammlung ist im Vergleich zu den anderen aus der Band verhältnismäßig klein. Ich spiele aber alleine immer viel mit der Gitarre rum und überlege mir dabei ständig, was zu uns passen könnte. Insgesamt bin ich – wie die ganze Band – viel offener für andere Musikstile geworden. Früher haben wir uns immer selbst limitiert: Alles, was nicht Punk-Rock war, schied von vorneherein aus. Heute höre ich gerne in die unterschiedlichsten Sachen rein, vom Stil her auch mal in alte Tom-Petty- und Johnny-Cash-Platten. Und natürlich bekommt man trotzdem viele neue Sachen mit, die man dann auch mal unbewusst klaut. Schlecht klauen konnten wir ja immer schon ganz gut (lacht).

Welche anderen Bands beeinflussen Euch heute besonders?

Wenn wir im Proberaum neue Stücke schreiben, orientieren wir uns manchmal an dem Sound anderer Bands. Da heißt es dann: Lass uns doch mal ein Stück wie Rocket From The Crypt, Red Hot Chili Peppers oder Ramones spielen! Der Titel "How Do You Feel?" auf dem "Zurück zum Glück"-Album war von den Foo Fighters inspiriert, "Lebt wohl & danke sehr" auf der "Friss oder stirb"-EP von Social Distortion. Ein komplettes Gitarrenriff aus einem anderen Stück haben wir aber höchstens mal unbewusst geklaut. Meistens haben wir es rechtzeitig gemerkt (lacht). Soweit ich weiß, hat uns auch noch keiner verklagt.

Hattest Du als Linkshänder jemals Probleme, ein geeignetes Arbeitswerkzeug zu finden?

Für mich war es immer schwierig, die optimale Gitarre zu entdecken, weil es auf dem Markt fast nur Standardmodelle gibt. Und es ist jedes Mal wieder blöd, wenn ich einen bestimmten Sound von einer anderen Band höre und weiß, dass die entsprechende Gitarre für mich nur schwierig zu kriegen sein wird. Es ist nun mal so: Nur ein Prozent aller Gitarren sind Linkshänder-Gitarren. Ein Rechtshänder kann in einen Musikladen gehen und hat die Auswahl zwischen hunderten von Gitarren; für Linkshänder steht da dann meistens nur eine einzige. Und die ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht die beste. Wenn ich dann doch mal eine geeignete für mich finde, bin ich jedes Mal froh, sie mir kaufen zu können. Ich habe mittlerweile eine ganz schöne Sammlung zusammen, die ich je nach Bedarf immer wieder mal verkleinere oder vergrößere. Komischerweise habe ich mittlerweile viel mehr Gitarren als Breiti (lacht).


>> Für mich war es immer schwierig, die optimale Gitarre zu entdecken, weil es auf dem Markt fast nur Standardmodelle gibt. Und es ist jedes Mal wieder blöd, wenn ich einen bestimmten Sound von einer anderen Band höre und weiß, dass die entsprechende Gitarre für mich nur schwierig zu kriegen sein wird. <<

Wo findest Du Deine Gitarren am zuverlässigsten?

Die Welt der "Lefties" in Deutschland ist ziemlich überschaubar. Ich kenne viele linkshändige Kollegen, wie zum Beispiel Arnim von den Beatsteaks oder Stefan Schwaab von Male, und weiß ungefähr, welche Modelle sie unterm Bett liegen haben. Man wundert sich auch schon mal, wenn da irgendwo eine Gitarre wieder auftaucht, die ich vor 15 Jahren selbst verkauft habe. Ich bin heute froh, dass ich irgendwann einen Shop für mich entdeckt habe, in dem ich auch mal etwas Neues testen kann: „South Paw“ in Houston/Texas. Da stehen über 600 Left-Hand-Gitarren herum, auch viele Sondermodelle, die es in Europa gar nicht gibt – und das ist natürlich ein absolutes Paradies für mich. Ich war mittlerweile schon dreimal dort und habe mir insgesamt vier Gitarren gekauft, unter anderem zwei für das „Unplugged“-Konzert.

Hast Du zu Hause ein Musikzimmer, in dem Du Gitarre spielen kannst?

Ich habe mir in der Garage ein kleines Studio eingebaut, in dem außerdem mein Sohn mit seiner Band probt. Ich nehme zurzeit aber verstärkt das Wohnzimmer in Beschlag und meine Frau ist da sehr, sehr verständnisvoll. Ich arbeite nämlich im Moment mit dem Berliner Musiker Frank Speer am neuen Hosen-Songbook - mit allen Texten und allen Griffen seit 1982 - was für mich sehr interessant ist. Da tauchen Stücke auf, die ich seit längerer Zeit nicht mehr gespielt und gehört habe. Was mich wirklich positiv überrascht hat, sind die ganzen B-Seiten von den ersten Singles, „Feinde“ auf der „Azzuro“-Single, „Baby, Du sollst nicht weinen“ auf „Weihnachtsmann vom Dach“, „Im Meer“ auf „Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!“, „Hirnfick“ auf „Nur zum Besuch“ und das Stück „In der Nacht der lebenden Leichen“ vom Radio-Fritz-Sampler.

In den 80ern seid Ihr selten nüchtern auf die Bühne gestiegen. Du hattest irgendwann sogar richtige Probleme mit dem Alkohol. Woran hast Du gemerkt, dass Du etwas ändern musstest?

Damals war es bei uns einfach normal, ziemlich viel zu trinken, sei es bei Proben, im Studio und vor Konzerten oder auch zwischendurch. Irgendwann habe ich dann halt ständig Alkohol getrunken, sogar morgens. Der Band und meiner Frau ist das irgendwann zu viel geworden, weil ich das normale Maß dabei weit überschritten hatte. Ich selbst hätte wohl gar nicht bemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Erst als ich manche Sachen nicht mehr so gut hinbekommen und betrunken Sachen gemacht habe, die mir am nächsten Tag total peinlich waren, bin ich zu der Einsicht gelangt, dass es nicht mehr so weiter geht. Es hat aber durchaus etwas gedauert, bis es bei mir "Klick" gemacht hat. Für mich war eine Welt mit Alkohol bis dahin völlig normal. Als ich den Ernst der Lage dann aber endlich begriffen hatte, habe ich von heute auf morgen mit dem Trinken aufgehört. Und seitdem habe ich überhaupt nichts mehr getrunken.

Wer hat Dir damals besonders ins Gewissen geredet?

Zu dieser kritischen Zeit gab es zahlreiche Aussprachen mit der Band. Für mich war es damals ja auch richtig unangenehm, mit dieser Tatsache konfrontiert zu werden. Gleichzeitig war es natürlich gut, dass es immer wieder angesprochen wurde. Es war mir halt einfach nicht klar, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte. Ich bin den Anderen aus der Band deshalb auch bis heute dankbar dafür, dass sie mir damals geholfen und nicht gesagt haben: "Ach, egal, das geht schon irgendwie...". Das war einer der wichtigsten Momente mit der Band für mich persönlich und ein sehr großer positiver Einschnitt in meinem Leben.

Ist es eigentlich ein Problem, dass Du seit ein paar Jahren nach Düsseldorf pendeln musst, als Einziger in der Band?

Ich wohne mit dem Auto anderthalb Stunden vom Proberaum, das ist also nur etwas mehr als ein Album lang (lacht). Das ist für mich also noch lange kein Stress, zumal ich auch sehr gerne Auto fahre. Für Zeiten, in denen wir auch mal sechsmal in der Woche proben, habe ich außerdem eine kleine Wohnung in Düsseldorf, in der ich auch mal übernachten kann.

Du lebst ansonsten in einem sehr kleinen Dorf , das laut der letzten offiziellen Zählung 275 Einwohner hat...

In meinem Heimatort existieren exakt eine Physiotherapeutin und eine Musikschule, mehr braucht man eigentlich nicht! Wenn ich aus meinem Fenster schaue, ist draußen alles sehr grün. Zehn Meter weiter von meinem Haus stehen meistens zwei Esel und zwei Pferde, auf der anderen Seite gibt es Schafe, mit denen ich mich morgens immer wunderbar unterhalte, und gleich dahinter beginnt der Wald. Ich habe es nie bereut, hierhin gezogen zu sein. Wir wollten mit all unseren Tieren einfach raus aus Düsseldorf und nicht mehr zur Miete wohnen. Mit mittlerweile drei Katzen, drei Hunden, zwei Ratten und zwei Kindern war das auf jeden Fall eine richtige Entscheidung.

Wie haben die anderen Einwohner auf Dich reagiert?

Wir sind hier sehr nett aufgenommen worden. Das Dorfleben ist natürlich sehr viel intimer als das in der Stadt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass sich die Leute anfänglich gefragt haben, was da mit der Toten Hose auf sie zukommt. Wenn man sich hier heute über den Weg läuft, grüßt man sich freundlich. Und sogar das Wasser aus dem Wasserhahn schmeckt besser als das aus der Flasche.

Du warst als Erster aus der Band verheiratet und hattest neben Wölli als Erster Nachwuchs. War es jemals ein Problem für Dich, die Familie mit der Band zu vereinbaren?

Das war schon manchmal sehr schwierig, speziell kurz nach der Geburt von Tim. Wenn wir drei Monate am Stück unterwegs waren, hatte ich wirklich Angst davor, dass er mich nicht mehr wieder erkennt, wenn ich nach Hause kam. Mittlerweile sind wir ja höchstens mal drei, vier Wochen hintereinander weg. Und sonst reist die Familie halt hinterher oder ich fahre an den freien Tagen nach Hause. Da meine Frau früher Merchandising für uns gemacht hat, kennt sie das Tourleben aus eigener Erfahrung und kann da extrem cool mit umgehen. Ich glaube aber schon, dass mich meine Familie während einer Tour vermisst. Meine Kinder wollten mich auch schon mal nicht gehen lassen und haben meinen Autoschlüssel versteckt. Heute sind sie 14 und zehn Jahre alt und können damit umgehen. Ich habe aber auch heute auf Tour immer noch größeres Heimweh, als das ganz früher der Fall war.

Wie hast Du die ungewohnte Freizeit während der Bandpause bislang genutzt?

Wir waren mit der Familie in New York und auf Ibiza im Urlaub. Sonst bin ich viel zu Hause gewesen und habe in der Küche viele neue Rezepte ausprobiert, an die ich mich vorher noch nicht rangetraut hatte, zum Beispiel original thailändisches Essen oder original bayrischen Schweinebraten mit Weißkraut. Da ich gelegentlich auch bei Bandbesprechungen koche, könnte es sein, dass es beim nächsten Mal etwas davon gibt.

Du hast während der letzten Monate aber auch ein bisschen Musik außerhalb Deines Wohnzimmers gemacht...

Ich bin einmal mit Voms Zweitband aufgetreten, den Spittin´ Vicars, als die ein Konzert in Kaisersesch hatten. Die habe ich bei der Gelegenheit überhaupt zum ersten Mal live gesehen und war echt beeindruckt, wie die reinhauen. Ingo, der Sänger von den Donots, ist ja bekanntlich schon ein paar Mal mit uns aufgetreten. Im Gegenzug habe ich jetzt mal ein paar Stücke bei den Donots mitgespielt: „London Calling“ von The Clash, „Everlong“ und „Razor“ von den Foo Fighters und „All die ganzen Jahre“. Und dann habe ich noch ein paar Mal bei Blind mitgespielt, einer sehr guten Band aus Andernach. Die habe ich erstmals im Vorprogramm von Silbermond gesehen und war echt überrascht, wie die alles weggeblasen haben. Wir haben uns dann nach dem Konzert kennen gelernt und seitdem bin ich mit dem Gitarristen Fabian und der restlichen Band befreundet. Kleiner Tipp: Wenn die mal bei Euch in der Gegend spielen, hingehen!


>> Es gibt ja so grandiose Filmmusiken, die einem gar nicht bewusst sind, weil man einen Film in erster Linie schaut und nicht hört. Bei "Shining" war mir zum Beispiel vorher schon klar, dass es ein extrem guter Horrorfilm ist, aber wenn man mal auf die Musik achtet, wird man feststellen, wie genial die ist. <<

Ein weiteres musikalisches Projekt von Dir spielt sich in einem anderen Bereich ab. Inwiefern arbeitest Du neuerdings mit Campinos Schwester Judy zusammen?

Judy hat schon einige Bücher geschrieben, unter anderem eine sehr nette Geschichte über "Theatermotten". Zunächst sollte aus der Story ein Theaterstück für Kinder werden. Jetzt bemüht sich Judy darum, daraus einen Animationsfilm zu machen - und hat mich gefragt, ob ich die Musik dazu schreiben will. Ich habe jetzt erstmal ein bisschen Sound unter zwei, drei Szenen gelegt, um zu zeigen, wie das hinterher klingen könnte. Jetzt warten wir auf die Entscheidung, ob das Projekt Filmförderung bekommt und umgesetzt wird. Musikalisch ist das etwas ganz Neues für mich und hat wenig damit zu tun, was ich sonst für die Hosen mache. Wenn man eine Szene vertonen will, geht man ganz anders an die Sache ran. Man muss kein Lied schreiben, sondern die Szene durch Musik verstärken.

Ist es für Dich vorstellbar, so etwas in Zukunft öfter zu machen?

Ich habe mir zuletzt mal einige Film zum zweiten Mal angeschaut und nur auf die Filmmusik geachtet. Es gibt ja so grandiose Filmmusiken, die einem gar nicht bewusst sind, weil man einen Film in erster Linie schaut und nicht hört. Bei "Shining" war mir zum Beispiel vorher schon klar, dass es ein extrem guter Horrorfilm ist, aber wenn man mal auf die Musik achtet, wird man feststellen, wie genial die ist. Es gibt in dem Genre schon sehr viele gute Leute, die eigentlich von Bands kommen. Joe Kraemer, der Schlagzeuger von Aerosmith, hat sich ja auch mal an "The Way Of A Gun" versucht. Stewart Copeland, der ehemalige Schlagzeuger von Police, war für die Musik in "Rumblefish" verantwortlich. Und Massive Attack haben den Soundtrack zu „Unleashed – Entfesselt“ geschrieben. Ich weiß ich nicht, ob ich da mithalten kann. Aber wenn es die Hosen mal nicht mehr geben sollte, also in 30, 40 Jahren, könnte ich mir das schon vorstellen, mich mal etwas intensiver damit zu beschäftigen. Ich sehe mich schon mit Schnabeltasse und Computer im Altersheim sitzen (lacht).