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Das große Sommer-Interview 2003

Das große Sommer-Interview 2003

Campino über Gott und die Welt

??? Campino, Ihr habt ein wildes Jahr hinter Euch. Zwei Platten herausgebracht, die lange Tour. Was bleibt für die Ewigkeit?

Campino: 2002 war ja wirklich eines der massivsten Live-Jahre von uns - hängen geblieben ist, dass wir kein Konzert absagen mussten. Wir hatten fast jeden Abend Spaß, die Leute haben uns super empfangen haben und Vom hat sich wahnsinnig gut eingelebt. Ich finde, dass wir durch Vom live so gut geworden sind wie kaum zuvor. Und das ist für einen selbst auch toll, dass man nach zwanzig Jahren noch einmal auf einem Höhepunkt steht und nicht einfach seine Hits verwaltet und gelangweilt nach Hause geht.

??? Welche Bilder hast Du vor Augen, wenn Du heute an das vergangene Jahr denkst?

Campino: Das Covershooting zur "Reich & Sexy II" ist schon eine Riesensache gewesen. Das werden wir so leicht nicht vergessen. Und selbst wenn es in Wirklichkeit nicht so spannend gewesen sein sollte: Wir werden auf jeden Fall allen immer erzählen, dass es toll war (lacht). Wir haben außerdem noch nie so viel in den "neuen Bundesländern" gespielt. Es ist mir aufgefallen, dass wir da besonders viel Spaß hatten und dass die Leute supergut abgegangen sind. Das war eine echte Offenbarung. Wir haben zum Beispiel in Dresden ein Konzert im Dauerregen gespielt, ein Wahnsinnsabend! Weitere Höhepunkte waren die Konzerte im Ausland, vor allem in Polen und Argentinien. Toll war, dass Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen in Buenos Aires mit dabei war. Und wer gerne nach Roskilde fährt, dem kann ich das Sziget-Festival in Budapest uneingeschränkt empfehlen!

??? Wie war Euer Gefühl bei der langen "Auswärtsspiel"-Tour?

Campino: Wir haben wirklich überall gespürt: Wir leben - und das Leben hat Spaß gemacht. Dafür bin ich dankbar. Es war das erste Mal seit Jahren, dass wirklich nichts dazwischen kam, ich denke da nur an meinen Kreuzbandriss oder Wöllis Verkehrsunfall. Es lief einfach rund für uns. Und ich fände es toll, wenn wir so etwas noch ein-, zweimal erleben dürften.

??? Wie hast Du die Live-Pause bislang verkraftet?

Campino: Ich denke eigentlich schon immer nach acht Wochen: Hoffentlich kennt uns noch jemand, hoffentlich sind wir nicht vergessen - und hoffentlich geht es bald wieder los! Die Musikwelt dreht sich immer weiter. Und ich bekomme manchmal Panik, dass wir den Anschluß verlieren. Die Zeit seit dem letzten Konzert ist schnell vergegangen. Ich war alleine in Indien und Australien, dann waren wir mit der Band lange in Spanien. Ich bin also kaum zu Hause gewesen. Gleichzeitig denke ich aber oft: Mann, jetzt dauert das noch ein Jahr, bis wir wieder in Deutschland spielen! Das kommt mir sehr lang vor, aber die Anderen erklären mir dann immer, dass so eine Pause auch mal nötig ist - und dann glaube ich es irgendwann selber.

??? Anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung von "Auswärtsspiel": Wie beurteilst Du mit etwas Abstand das Album?

Campino: Nach der "Unsterblich" gab es ja einige Diskussionen unter den Fans. "Auswärtsspiel" hatte zwar keine Hitsingle im eigentlichen Sinne, aber ich glaube, dass wir den Spagat zwischen Weiterentwickeln und trotzdem noch "Die-Toten-Hosen-bleiben" ganz gut hingekriegt haben, ohne uns zu verbiegen. Das war eine kompromisslosere Platte als viele andere. "Auswärtsspiel" ist ein Album, mit dem ich heute noch zufrieden bin. Und das ist nicht bei jeder Scheibe der Fall.

??? Wie bist Du eigentlich, nachdem Du fast ein Jahr lang unterwegs gewesen bist, mit der Post-Tour-Depression umgegangen?

Campino: Ich bin ganz schnell nach Indien gefahren. Indien ist dann so weit, dass man eigentlich gar nicht an zu Hause denkt. Letztes Jahr haben wir wirklich viel gespielt, und ich war am Ende schwer angeschlagen, bin nur noch auf drei Rädern ins Ziel gerollt. Der Hals und die Stimmbänder waren am Schluss natürlich etwas angeschlagen. Ich brauchte die Pause einfach, auch für mich persönlich, von daher hatte ich diesmal kein Loch, in das ich in früheren Jahren schon mal gefallen bin.

??? Wie wirkt sich die Tourpause auf Euer Privatleben aus?

Campino: Nach so einem Jahr ist es für alle Bandmitglieder auch immer sehr wichtig, Dinge im Privatleben zu richten, gerade zu rücken, zu korrigieren. Es geht darum die Versäumnisse, die man sich während der Tour erlaubt hat, wieder gut zu machen. Unsere Freundinnen und Familien sind natürlich dankbar, wenn man auch mal eine zeitlang zu Hause ist und sich etwas zurücknimmt. Während einer Tour ist für die Freundin ja immer nur "Warten" oder "2. Reihe" angesagt. Das ist dann wirklich immer eine Scheißphase für die Leute, die privat mit uns zu tun haben! Einige Zeit nach einer Tournee merke ich, dass ich wieder offener werde, wieder besser zuhören kann. Man kommt wieder runter - und hat die Antennen wieder frei für andere Sachen.

??? Wie unterscheidet sich das Tour- und Privatleben bei Dir?

Campino: Wenn man privat wie auf Tour leben würde, dann wäre man nur noch ein Vollarsch. Dass man auf Tour Prioritäten setzt und dass man Alltagssorgen abgenommen kriegt, finde ich okay. In einem Jahr, in dem ich zu Hause bin, sollte ich mich aber wieder selbst um den tropfenden Wasserhahn kümmern, sonst ist da etwas nicht in Ordnung. Man sollte sich nicht an diesen Luxus gewöhnen, den man sich auf einer Tour gönnt, um zwischendurch zu entspannen, sonst verliert man den Kontakt zur Realität.

??? Man hört, ihr arbeitet an einem neuen Album und wart deshalb zuletzt auch wieder in Spanien...

Campino: Wir haben diesmal sehr konzentriert gearbeitet, fast nur Musik gemacht. Und es war wohl der spießigste Aufenthalt, den wir je zusammen hatten: wir haben kaum getrunken oder Party gemacht. In der Zeit nach Spanien habe ich allerdings vier Wochen lang keine einzige Textzeile hinbekommen, weil einfach andere Dinge wichtiger waren. Ich werde mich wohl demnächst wieder irgendwohin zurückziehen müssen, wo es keine Ablenkung gibt. Jede Ablenkung, und wenn es sich um das Fußballspiel 1. FC Köln gegen FC Liverpool oder das AC/DC-Konzert in der Berliner Columbiahalle handelt, haut einen wieder zwei Tage raus. Da muss ich mich dann selber ausbremsen, sonst gibt das nichts.

??? Wie entstehen denn Deine Texte meistens, schreibst Du Dir auch unterwegs mal was auf?

Campino: Es ist nicht so, dass ich durch die Weltgeschichte fahre und mir dauernd Notizen mache. Es ist auch mal gut, Abstand zu gewinnen, und die Toten Hosen und ihre Musik mal gar nicht im Kopf zu haben. Das ist mir in Indien auch supergut gelungen. Ich habe einfach überhaupt nicht mehr dran gedacht. In Spanien habe ich jetzt aber einige Sachen geschrieben. Wenn wir zusammen proben, kommt das abends oft von selbst. Da sitzt du dann alleine am Tisch und plötzlich hast du einen Satz im Kopf. Dann entwickelt sich die Geschichte weiter. Ich brauche jedes Mal, wenn ich wieder anfange zu texten, eine Art Warmlaufphase. Das ist immer ein komplett neuer Start. Man ist handwerklich am Anfang auch immer dilettantischer. Nach einer gewissen Zeit kommt man dann wieder rein und wird besser.

??? Das Texten ist alleine Dein Job?

Campino: Ja, meistens ist das auf meinem Müll gewachsen - und ich lese das den Anderen dann vor. Die sagen dann schon, ob sie das okay finden oder scheiße. In dem Moment kommt dann auch von denen so eine Art Input. Grundsätzlich fällt es mir aber leichter, einen Gedankenblitz erstmal alleine zu entwickeln, ihn in eine Form zu bringen, bevor ich das den Anderen vorstelle.

??? Was macht Dich zuversichtlich, wenn Du an das neue Album denkst?

Campino: Vom wächst wie gesagt immer mehr rein - und Kuddel ist meiner Meinung nach in Höchstform, so kreativ wie noch nie. Der ballert eine Melodie nach der anderen raus. Da muss man echt schnell hinterher galoppieren, um überhaupt mitzukommen. Das ist zur Zeit das Schönste, dass er von der Musik her geradezu platzt vor Ideen. Eine bestimmte Richtung haben wir nicht im Auge. Wir wollen uns da nicht limitieren. Wir hauen erstmal alles raus, was es gibt. Und es ist schon jede Menge ordentlicher Krach dabei: Wir haben schon über 60 Ideen, zu denen jetzt nur noch die Texte fehlen. Was hinterher auf der Platte sein wird, entscheidet sich aber erst ganz spät.

??? Was sind denn dabei Eure größten Schwierigkeiten?

Campino: Wir sind vor allem auf der Suche nach zwei Dingen: Einerseits suchen wir ständig nach extrem anderen Sachen, die man uns so nicht zutraut, andererseits nach klassischen Hosen-Stücken, die aber kein kalter Kaffee sein sollen. Und das ist die schwierigere Übung. Wenn man sich zum Beispiel ein neues AC/DC-Album kauft, sind da immer eine Menge Stücke drauf, die okay sind, aber eines ist dann immer dabei, dass etwas ganz Besonderes ist. Und diese eine Perle zu finden, darum geht es. Das wird natürlich auch für uns immer schwieriger, wir wollen uns aber dieser Herausforderung stellen. Das Größte wäre es für uns, nochmal ein paar Stücke rauszuhauen wie "Wünsch Dir was" oder "Auswärtsspiel", welche aber nicht wie diese beiden Lieder klingen. Das ist ein Prozess, der schonmal mit Frustration verbunden ist, wenn man eben dann doch nur eine Kopie hinbekommt.

??? Welche Platten des Jahres 2003 waren für Dich wichtig?

Campino: Für mich ist das neue Metallica-Album "St. Anger" der Beweis dafür, dass man nicht immer ausgewogen sein muss, was die Stückeauswahl angeht. Wo ist hier das Radiolied oder so ein Scheiß? Das Album ist ein weiterer Beweis für die Herangehensweise: Mach, was in Dir drin ist und die Leute werden es honorieren! Und wenn nicht: auch scheißegal! Man darf sich nicht von taktischem Kalkül leiten lassen, wenn man neue Lieder schreibt. Ansonsten warte ich auf die neue Scheibe von Social Distortion und höre mir so lange das aktuelle Album von den Hives an.

??? Was hielt 2003 ansonsten bisher für Dich bereit?

Campino: Es hat großen Spaß gemacht, nach Halberstadt zum Fußballturnier um den Tote-Hosen-Fan-Pokal zu fahren. Es gab da eine allgemeine Aufforderung, jeder konnte mitmachen - wir haben das im Internet beobachtet. Dann haben wir uns gesagt, dass das doch ein guter Joke wäre, wenn wir selbst hinfahren, weil da niemand mit rechnet. Wir haben uns als JKP-Team angemeldet, damit das den Organisatoren nicht auffiel. Gesagt, getan, wir schnappten uns also ein paar Mitarbeiter aus dem Büro, fuhren dahin und es gab natürlich ein großes Hallo. Gespielt haben wir übrigens wie die Nationalmannschaft unter Jupp Derwall: In der Vorrunde ganz schwach, am Ende Turniersieger. Wenn es mir nicht gelungen wäre, die Spielzeit in der Vorrunde um 5 Minuten zu erhöhen, wären wir schon früh rausgeflogen. Das für unser Weiterkommen entscheidende Tor fiel 2 Minuten vor Schluß. Das Endspiel war dann ein echter Fight. Die anderen hatten einen Torwart aus der Landesliga. Im Elfmeterschießen habe ich meinen Schuß total versemmelt, aber Toni von der Security hat den entscheidenden reingesetzt.

??? Du warst außerdem beim Konzert der Rolling Stones im Cirkus Krone in München...

Campino: ...und das Publikum war etwas merkwürdig. Ich war der Benjamin der Veranstaltung! Dass ich noch mal irgendwo als Jüngster auftauchen würde, hätte ich nicht gedacht (lacht). Die waren alle so 55 Jahre und aufwärts. Das war ein Publikum, bei dem die Stones nichts falsch machen konnten. Die schauten alle zur Bühne rüber, als stünde da Gott persönlich. Selbst die hartgesottensten Kritiker von Zeitschriften wie dem "Rolling Stone" standen da - und waren plötzlich wieder Schuljungen.

??? Wie hat Dir das Konzert gefallen?

Campino: Die Stones haben vor diesem Altersheim gespielt, alle haben auf den Rängen für ihre Verhältnisse auch gut mitgerockt - und hinterher haben alle gedacht, sie hätten dort jetzt den wildesten Abend ihres Lebens verbracht. Trotzdem war es ein gutes Konzert, denn die Band war locker und hat gezeigt, dass sie ohne Probleme auch in einer Kneipe spielen kann. Die Stones brauchen diesen ganzen Firlefanz nicht. Und Mick Jagger ist wie ein aufgedrehtes Batteriemännchen. Ein bisschen weniger davon wäre fast noch besser, aber er muss halt jedem beweisen, dass er der Fitteste ist.

??? Du hast Mick Jagger nach dem Konzert auch noch getroffen?

Campino: Ich war sehr beeindruckt davon, dass der auf einer Welttournee nach seinen Konzerten auch noch feiern geht. Er war quietschfidel und fing dann hinterher sogar noch an, für sich selbst zu tanzen. Ich habe mir gedacht: Wieso kriege ich das eigentlich nur so selten hin, nach einem Konzert auch noch in die Kneipen zu gehen? Der hatte auch gar keine Allüren, man konnte einfach hingehen und mit ihm reden. Aber ich fühle mich Iggy Pop näher.

??? Worüber hast Du mit Mick Jagger gesprochen?

Campino: Es gab schon ein paar Themen... Wir waren ja auch mal Vorband der Stones. Ich habe ihn auch auf die Böhsen Onkelz angesprochen. Er hat erzählt, dass sie sich die Problematik haben schildern lassen und dann entschieden haben, dass die trotzdem in Hannover spielen sollen.

??? Wie kannst Du Dir den weiteren Umgang mit den Böhsen Onkelz vorstellen?

Campino: Man sollte die Onkelz endlich wie jede andere Hardrock-Band behandeln. Ich habe keine Ahnung, was da passieren wird in Hannover. Ich bin aber der Meinung, dass man aufhören sollte, die Onkelz immer darauf festzunageln, was vor 20 Jahren war. Wenn du in Deutschland jemanden umbringst, kriegst du Lebenslänglich, kommst nach 20 Jahren aus dem Knast und die Sache ist ausgestanden. Aber die Typen werden angemacht für Texte, die sie mal vor 20 Jahren geschrieben haben, obwohl sie jetzt schon seit langer Zeit dagegen kämpfen. Ich denke, irgendwie sollte man das auch mal akzeptieren.

??? Wie beurteilst Du das Publikum der Onkelz?

Campino: Da kann ich mir überhaupt kein Urteil drüber erlauben, weil ich noch nie bei einem Konzert von denen war. Da wird es sicherlich auch viele Leute geben, denen Politik scheißegal ist oder die gerade mal Anfang 20 sind. Wie soll man denen erklären, was damals war? Und ist das überhaupt noch wichtig? Ich bin bei diesem Thema mittlerweile entspannter.

??? Besonders im Vorfeld einer Tour unterziehst Du Dich ja auch immer einem größeren Trainingsprogramm. Wie aber hältst Du Dich zur Zeit fit?

Campino: Bei diesem Fan-Fußball-Turnier war natürlich erstmal nur wichtig, dass wir den Pokal geholt haben - aber leider ist danach mein Knie, in dem ich den Kreuzbandriss hatte, regelrecht explodiert. Es ist irre dick geworden, der Arzt hat mir fast ein Altbierglas Wundwasser rausgeholt. Ich muss einfach akzeptieren, dass das Knie eine Schwachstelle von mir bleibt, auf die ich achten muss. Ich bin immer sehr, sehr gerne durch den Wald gelaufen, aber das hat mir der Arzt verboten. Ich werde jetzt Radfahrer. Ich kaufe mir einen Home-Trainer, stelle mir den in die Bude, gucke Tour de France und werde wie ein Idiot Rad fahren.

??? Wie fandest Du die Aktion "Saufen für St. Pauli" und dass sich ausgerechnet der "Klassenfeind" FC Bayern als Benefizgegner angeboten hat?

Campino: Das war ein kluger Schachzug, eine große Geste von Bayern München, das muss man denen einfach auch mal zugestehen. Da zeigt der Hoeneß, dass er eben doch nicht nur doof ist, sondern in diesem Fall genau im richtigen Moment das Richtige getan hat. Ansonsten sind die St-Pauli-Fans in Deutschland einfach konkurrenzlos. Sie sind die Größe, an der man sich messen muss. "Saufen für Fortuna" hätte ich auch super gefunden, aber in Düsseldorf wäre es wahrscheinlich so, dass viele Wirte bei der Aktion bescheißen und das Geld in die eigenen Taschen stecken würden. Auf der Reeperbahn ist das einfach Ehrensache, dass das Geld dann auch abgeführt wird. Die haben einfach einen ganz anderen Rückhalt in der Stadt. Den Klub und die Fans kann man auch gar nicht getrennt sehen, die Fans sind der Klub und der Klub sind die Fans. Und so lange solche Vereine wie den FC St. Pauli gibt, wird es im Fußball auch noch Märchen geben. Ich möchte einfach nicht aufhören zu glauben, dass so etwas möglich ist.

??? Wie denkst Du über den spektakulären Selbstmord von Jürgen W. Möllemann?

Campino: Meiner Meinung nach hätte er es schon ein paar Jahre früher machen können, nach diesem Skandal um die Einkaufswagen-Chips (lacht). Es war eine sehr inszenierte Sache, aber schon formvollendet. Meine Zustimmung zu der Aktion hatte er. Ein Staatsbegräbnis für ihn hätte meine Billigung nicht gefunden. Er hat eine Menge krumme Dinger gedreht, wahrscheinlich im großen Stil betrogen und sich damit in eine Lage manövriert, in der er keinen Ausweg mehr sah. Ich finde, das ist eine traurige Karriere. Er hat meiner Meinung nach ein armes Leben geführt. Was aber dann über diesen Mann geheuchelt wurde, das fand ich unerträglich.

??? Wie beurteilst Du die öffentliche Diskussion und moralische Empörung um den koksenden Michel Friedmann?

Campino: Es zeigt, dass Deutschland nach wie vor ein Problem damit hat, mit Leuten umzugehen, die jüdische Wurzeln haben. Das ist dann bei uns immer direkt ein besonderes Thema, obwohl es mit der eigentlichen Sachlage überhaupt nichts zu tun hat. Der Friedmann sollte behandelt werden wie jeder andere Karl Arsch. Aber die Tatsache, dass er im Zentralrat saß, machte das alles gleich sehr delikat. Ich finde aber nicht, dass die Kampagne gegen ihn überzogen war. Über Leute wie Christoph Daum oder Konstantin Wecker ist man auch hergefallen. Man empfindet natürlich besondere Schadenfreude, wenn es Leute trifft, die sonst den Saubermann haben raushängen lassen. Für meinen Geschmack wurde aber viel zu viel über das Kokain geredet und viel zu wenig über die fragwürdigen Vorgänge mit den Prostituierten. Steckte da wirklich ein Menschenhändler-Ring hinter? Hatten die Mädchen eine Aufenthaltsgenehmigung oder wurden sie erpresst?

??? Stichwort Agenda 12/20, fast fünf Millionen Arbeitslose, Deutschland in der Wirtschaftskrise. Wie gehen die Toten Hosen mit so etwas um? Ist das für Euch als Musiker ein Thema?

Campino: Jeden Tag werden wir zugerieselt mit neuen schlechten Nachrichten, als befänden wir uns in einem Sumpf: Je mehr wir uns bewegen, desto tiefer rutschen wir rein. Wen will man abstrafen bei einer Wahl, es gibt doch ger keine Alternativen. Die Union läuft wie ein Hühnerhaufen rum und hat als Galionsfiguren nur widerliche Personen. Wer will denn einen Koch, einen Merz, eine Merkel? Das ist doch alles scheiße. Mittlerweile bin ich so weit, dass es mir egal ist, ob das nun die Union oder die SPD ist. Mir bedeuten diese Parteinamen nicht mehr viel, mir geht es um die Charaktere, die dahinter stecken. Und wenn bei der Union irgendein Bringer wäre, dem man etwas abnehmen würde, dann würde ich wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben CDU wählen. Ich bin soweit. Ich würde wechseln. Aber was sind das für Figuren? Bei der SPD ist das zwar nicht viel besser, aber hin und wieder läuft da doch mal einer rum, bei dem man denkt: Komm, lass ihn mal machen! Ein Kanzler Schröder ist immer noch besser als Stoiber, Merkel oder Koch.

??? Ihr habt Euch ja vor Kriegsbeginn als Band deutlich "gegen die beiden Diktatoren" geäußert: Was ist Dein Fazit des Irak-Kriegs?

Campino: Der eine ist halt schon weg, jetzt muss noch der andere gehen. Man hat gesehen, dass die angebliche Bedrohung der Welt durch Atomwaffen im Irak völliger Quatsch gewesen ist. Das ist alles nur ein Vorwand gewesen, um wirtschaftliche Interessen zu wahren. Irak wird in der Statistik ein weiteres Land bleiben, in das Amerika mit seinen Verbündeten einmarschiert ist, Chaos gestiftet hat und hinterher nicht dafür sorgen konnte, wie es weitergeht. Eigentlich sind die USA die Oberanarchisten in der Welt: Sie schmeißen irgendwas um, ohne eine Ahnung zu haben, wie es weitergeht. Sie machen alles kaputt und lassen die Leute dann mit ihren Problemen alleine. Es wäre schön, wenn Europa in Zukunft etwas stärker würde, um einen Gegenpol zu bilden. Denn die USA mit diesem Mann vorneweg haben einfach nicht die Vernunft, als Wertemaßstab diese Welt zu lenken. Das Einzige, was man hoffen kann, ist, dass in Amerika bald wieder ein Demokrat zum Präsidenten gewählt wird. Mir kommt Weltpolitik manchmal vor wie ein Wirtshaus, das Niveau ist genauso: eine einzige Wirtshausschlägerei.

??? Es gibt Leute, die würden Dich bei den Kommunalwahlen in Düsseldorf 2004 gerne als Bürgermeister-Kandidat aufstellen. Wäre das reizvoll?

Campino: Soll ich den ganzen Tag nur mit Arschlöchern reden? Die Vorstellung, dauernd in Meetings mit so Schleimern gehen zu müssen, da kannst du dir ja gleich die Kugel geben. Als Protestaktion fände ich eine Kandidatur schon ganz gut. Aber da geht es doch schon mit der Verantwortung los. Was ist denn, wenn dich wirklich ein paar Leute wählen? Dann musst du plötzlich in den Stadtrat - und die Mehrzahl dieser Leute sind nur so Politärsche, die Karriere machen wollen. Ein ätzendes Umfeld, da bleibe ich doch lieber, wo ich bin.

??? Was wäre denn eine Alternative? Ein Buch zu schreiben?

Campino: Eine Alternative wäre es, Gärtner zu werden oder in der Hängematte zu liegen. Buch schreiben, fände ich super - aber ich weiß nicht, ob ich das kann. Irgendwann in meinem Leben werde ich das mal probieren, aber kein Effenberg-Buch, sondern vielleicht mal eine ganz andere Geschichte. Ich glaube aber, dass es nicht so leicht ist, wie es aussieht. Wenn man mal älter ist und sich nicht mehr bewegen kann, dann kann man auch mal ein Buch schreiben. Aber zur Zeit gibt es da noch zu viele andere Sachen.

??? Gibt es bei der Entstehung Eures neuen Albums eigentlich einen festen Zeitplan?

Campino: Pläne machen finde ich an sich nichts Schlimmes, solange man sie wieder umschmeißt, wenn es anders kommt. Im September wollen wir ein paar Demos aufnehmen. Das heißt aber auch, dass mir im August hoffentlich etwas einfällt, was man dann aufs Band knallen kann. Danach üben wir erstmal für Argentinien, fahren rüber nach Buenos Aires - und dann ist der Oktober auch schon weg. Es folgt der November und man muss schon mit den Weihnachtseinkäufen beginnen. Und dann ist das Jahr schon wieder rum. Ich bastele ja immer selbst was für die Verwandtschaft - und das dauert. Das ist nicht an einem Nachmittag getan.

??? Die einzigen Konzerte hierzulande finden in diesem Jahr in Leipzig statt. Warum nur Club-Konzerte, warum das Conne Island?

Campino: Wir haben vom Conne Island viel gehört und wissen, dass der von guten Leuten betrieben wird. Es ist langweilig, immer in denselben Schlüsselorten zu spielen: Berlin, München, Düsseldorf. Da kennen die Leute unsere Sonderaktionen doch schon alle. Wenn wir in Leipzig in einem kleinen Club spielen, ist das aber noch eine echte Überraschung. Und warum sollten wir dieses Bonbon immer nur denselben Städten zukommen lassen?

??? Mit welcher Erwartungshaltung fliegt Ihr diesmal nach Buenos Aires?

Campino: In Buenos Aires habe ich so viele gute Dinge erlebt, dass ich da immer wieder mit Angst hinfahre, ob es immer noch so ist, wie ich es in Erinnerung habe. Ich bin natürlich voller Erwartung und auch diesmal werden viele Fans aus Deutschland mit rüber fliegen. Diesmal ist es eine große Halle - mit wildem Publikum. In einem Club mit bis zu 3.000 Leuten ist das noch irgendwie familiär, aber sobald das größer wird, dann hat man eine etwas andere Mischung von Leuten. Das kann sehr, sehr tough werden. Da sollte man sich wetterfeste Schuhe mitnehmen (lacht)! Das beschäftigt mich natürlich vorher, ob ich das Konzert dann noch so gut steuern kann vorne auf der Bühne, aber nichtsdestotrotz springt man immer wieder von Neuem ins tiefe Wasser - und natürlich freue ich mich darauf. Ich gehe aber auch mit der nötigen Portion Respekt an die Sache ran.

??? Was willst Du dieses Jahr noch unbedingt erledigen?

Campino: Das hängt davon ab, wie wir das mit den Demos im September hinbekommen. Wenn wir damit zufrieden sind, können wir den Rest des Jahres sehr entspannt angehen. Wenn wir aber meinen, dass wir noch eine Schippe draufpacken müssen, werden wir im November und Dezember wieder sehr viel proben. Das ist also noch offen. Gerade in einem Jahr, in dem man sich mal nicht auf Tournee befindet, ist es auch mal schön, wenn man nicht genau weiß, wie es weitergeht. Es läuft aber alles darauf hinaus, dass wir Ende nächsten Jahres mit einer neuen Platte um die Ecke kommen wollen. Je näher die Platte rückt, umso mehr wird sich auch darauf konzentriert.

??? Willst Du Euren Fans noch was mit auf den Weg geben?

Campino: Wir vermissen Euch. Wir haben genauso Entzugserscheinungen wie unsere Hardcore-Fans und freuen uns sehr auf Leipzig und Buenos Aires. Wer mitkommt, dem kann ich nur sagen, dass er die Reise nicht bereuen wird! Das ist eine sichere Bank. Und Ihr müsst immer bedenken: Je länger wir wegbleiben, umso besser kann die neue Platte werden. Also gebt uns einfach noch etwas Zeit!

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