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Studio-Interview mit Campino, August 2004

Zurück zum Glück - über Ibiza, Bayern und Köln

??? Campino, wie lange wart Ihr diesmal mit der Produktion des neuen Albums beschäftigt?

Campino: Den allerersten Ton mit eingerechnet, arbeiten wir seit April 2003 an der Platte. Das ist sehr, sehr lang im Vergleich zu früheren Alben. In der Regel brauchen wir vom ersten Ton bis zum letzten ein Jahr. Diesmal hatten wir ein paar Unterbrechungen, und es ist auch so viel passiert. Wir haben damals aber schon so früh begonnen, weil wir ahnten, dass es diesmal nicht so rund laufen könnte. So ist es dann auch gekommen.

??? Was ist Euch genau dazwischen gekommen?

Campino: Bei mir hat natürlich die Geburt meines Sohnes im März die Hauptrolle gespielt. So eine Geburt ist auf der einen Seite ein tolles Geschenk, aber auf der anderen ist der Kopf auch erstmal ganz woanders. In der Zeit danach bin ich überhaupt nicht dazu gekommen, irgendwelche Texte zu schreiben oder über unsere Stücke nachzudenken. Ob man will oder nicht, nach so einem Ereignis ist der Kopf erstmal drei Monate außer Betrieb, was andere Sachen angeht.

??? Wo habt Ihr in den anderthalb Jahren überall gearbeitet? Für Euer vorheriges Album "Auswärtsspiel" seid Ihr ja teilweise nach Spanien ausgewichen.

Campino: Für unsere erste Demo-Session, die über sechs Wochen ging, waren wir wieder auf Ibiza. Es gibt da im Winter immer jede Menge Häuser, die leer rumstehen. Und da herrscht dann auch eine ziemlich coole Atmosphäre, weil zu der Zeit kaum jemand auf der Insel ist und man zwischendurch mal einen Kaffee am Strand trinken kann. Es war allerdings ein ziemlich altes Haus, und es war die ganze Zeit ziemlich klamm. Die Heizung war scheiße, wir hingen nur um den Kamin herum und waren von morgens bis abends nur eingehüllt in Pullover. Aber es war auch lustig, hatte was von Pfadfinder-Feeling.

??? Wo ging es dann weiter?

Campino: Nach einer kurzen Pause sind wir im Sommer in die ehemalige Klinik von Julius Hackethal in Bayern gezogen und haben da wirklich in einem wahnsinnigen Kasten gehaust. Der ganze Komplex wirkte ähnlich wie das Hotel in "Shining" von Stephen King. Jeder hatte nicht nur ein eigenes Zimmer, jeder hatte einen ganzen Gang für sich! Und wir mussten immer durch die Großküchen durchlaufen, die natürlich längst außer Betrieb waren. Sechs Mann, wir und ein Koch, in diesem riesigen Hotelkrankenhaus - das war echt original wie in einem Horrorfilm! Und da haben wir uns insgesamt noch mal vier Wochen aufgehalten.

??? Kann man ein Stück überhaupt noch neutral beurteilen, wenn man es in der Entstehung hunderte von Malen gehört hat?

Campino: Auf eine analytische Art und Weise kann ich das schon. Ich kann dann aber nicht mehr sagen, ob das Stück gut oder schlecht ist oder ob wir da einen besonderen Nerv getroffen haben. Das kann ich nach mehrmaligem Anhören überhaupt nicht mehr beurteilen. Da fehlt mir dann einfach der Abstand. Aber ich kann auch noch nach 300 Malen beurteilen, ob der Bass im Verhältnis zur Gitarre zu laut oder zu leise ist. Oder ob ich mir vorstelle, dass der Snare-Sound irgendwo mehr Hall haben sollte.

??? Außer dass es diesmal etwas länger gedauert hat, was war das Besondere an den Aufnahmen zu "Zurück zum Glück"?

Campino: Jede Plattenaufnahme ist anders als die vorherigen. Wir haben diesmal einen Vorteil gehabt, der sich beinahe negativ ausgewirkt hätte. Und zwar waren wir sehr früh mit einer Menge Stücken fertig, vom Entwurf her. Wir hatten zum Beispiel sehr schnell schon raus, was die erste Single sein könnte. Das war so, als ob ein Fußballteam 2:0 zur Halbzeit führt. Das tut zunächst mal gut, aber wir haben uns dann in der zweiten Hälfte zu sicher gefühlt und hinten dicht gemacht. Und dadurch kam der Gegner noch mal ran auf 2:1 und hat die Kugel auch noch zweimal vor unsere Latte gehauen. Das war dann eine unangenehme Situation. Und wir mussten dann unnötigerweise bis zur 90. Minute warten, um die drei Punkte sicher zu haben.

??? Wie lange dauerte zuletzt die finale Phase, in der alle Stücke komplett fertig gestellt wurden?

Campino: Was nach Ibiza und Bayern noch zu machen war, haben wir in Düsseldorf im Proberaum erledigt oder hier in Köln im Studio. Wir haben mit dem Einspielen im April 2004 angefangen. Das ist ja dann auch keine Kopfarbeit mehr für mich, deshalb hat das funktioniert. Wir haben also ein Jahr lang Demos und Stücke gesammelt und die in vier, fünf Monaten ausgearbeitet und fertig gemacht. Und speziell am Schluss waren wir sogar ziemlich schnell für unsere Verhältnisse. Aber eigentlich ist eine Platte ja erst fertig, wenn man das Masterband zum Vervielfältigen an das Presswerk geschickt hat.

??? Wie sieht es jetzt in der 90. Minute aus?

Campino: Es kommt jetzt unheimlich auf die Mischung an. Du kannst sehr viele gute Stücke auf einer Platte haben, aber wenn die alle langsam oder lahmarschig sind, dann geht die Power zwangsläufig verloren. Oder du kannst eine Menge schnelle Stücke haben: Wenn da kein einziges dabei ist, das ein geiles Hook hat oder anders aufregend rüberkommt, dann ist es auch eine saftlose Platte. Es geht darum, eine Bandbreite zu finden, die spannend bleibt und Abwechslung bietet, gleichzeitig aber auch die Energie zu bewahren. Das ist die große Kunst. Und das bleibt bis zum letzten Studiotag spannend.

??? Was sind Eure letzten Tätigkeiten kurz vor dem Schlusspfiff?

Campino: Selbst heute wissen wir bei drei, vier Stücken noch nicht, ob die drauf kommen oder nicht. Wir haben ja insgesamt über 20 Stücke aufgenommen. Ein Stück heißt zum Beispiel "Die Nummer eins von Flingern". Das wird allerdings nicht aufs Album kommen, auch wenn es für Lokalpatrioten definitiv der Hit der ganzen Produktion ist. Ich konnte darüber lachen, die anderen weniger. Und auch die Reihenfolge der Stücke steht noch nicht fest. Ich spiele zur Zeit ständig damit rum und lasse mir hier immer wieder CDs mit veränderter Reihenfolge mitgeben. Und dann schaue ich zu Hause, welche Übergänge die homogensten sind.

??? Entscheidet die ganze Band mit, welche Stücke hinterher den Sprung auf die Platte schaffen?

Campino: Klar, jeder hat eine Stimme, und die Möglichkeit zum Veto gibt es auch. Das wird aber nur im Ernstfall ausgesprochen. Breiti hat das mal irgendwann vor ein paar Jahren eingesetzt. Dann ist ein Lied aber wirklich im Arsch und kann nicht benutzt werden. Und das tut schon weh. In der Regel macht aber jeder eine Liste mit seiner Top-15. Und das Lied, das am häufigsten schlecht bewertet wird, das ist dann natürlich der Wackelkandidat. Die Stücke, die wir alle besonders mögen, pendeln sich eigentlich auch ziemlich schnell ein. Man streitet sich im Maximalfall über drei, vier Stücke.

??? Einige Stücke habt Ihr ja auch schon bei einigen Festivals live ausprobiert. Ist so etwas auch eine Art von öffentlicher Probe, wie etwas Neues ankommt?

Campino: Wenn du ein Stück mit einem etwas komplizierten Aufbau hast, ist es klar, dass das beim ersten Hören im Publikum oftmals nicht der totale Bringer ist. Dann sollte man nicht den Fehler machen, die Nummer sofort wegzuwerfen. Aber wenn man etwas spielt, was man als adäquates Live-Stück eingestuft hat, und das funktioniert überhaupt nicht, kann es durchaus mal vorkommen, dass man da noch etwas verändert. Sehr gute Reaktionen gab es bislang vor allem auf "Alles wird vorübergehen", das ja eigentlich ein sehr ruhiges Stück ist. Jetzt sind wir natürlich alle gespannt, ob wir den Standard mit der Studioversion halten können.

??? Welche Rolle spielte im Studio Euer langjähriger Produzent Jon Caffery?

Campino: Jon ist der Mann unseres Vertrauens, was den grundsätzlichen Sound angeht. Und er hat sich wie wir über die Jahre weiterentwickelt. Seine Stärke ist, dass er weiß, wann er noch mehr aus uns rausholen kann und wann wir einfach ausgereizt sind. Und er ist durch seine ruhige Art in der Lage, uns auszubalancieren und die Stimmung sachlich zu halten. Letztendlich sind wir ja immer noch fünf eigene Charaktere, und jeder hat da auch mal ein kleines Problem, wenn sein Instrument oder seine Stimme nicht so laut ist, wie er sich das vorstellt. Genial an Jon ist, dass er auch reagieren kann, wenn wir auch nur eine diffuse Unzufriedenheit mit einem Stück spüren. Er macht sich dann mit dieser unsachlichen, rein emotionalen Information an die Problembehebung.

??? Die Single "Friss oder stirb" fuhr wieder mal auf der härteren Schiene, die neue Single "Ich bin die Sehnsucht in dir" ist dagegen etwas ruhiger. Was dürfen wir vom Album musikalisch erwarten?

Campino: Wir orientieren uns weder an unseren früheren Scheiben, noch an irgendetwas anderem. Eine neue Platte ist bei uns mittlerweile so etwas wie ein Tagebuch, was in letzter Zeit so bei uns gelaufen ist. Es geht dabei schon um eine Bandbreite von Stücken. Die "Friss oder stirb"-Single war nicht so gemeint, dass wir anzeigen wollten, ab sofort geht es nur noch 1-2-3-4 voll auf die Zwölf. "Sehnsucht" kann als Aussage mehr Gewicht haben als "Friss oder stirb". Das ist für mich keine Frage der Lautstärke oder der Schnelligkeit. Und ich glaube, dass wir ein paar gemeine Lieder dabei haben.

??? Kannst Du da schon das eine oder andere Beispiel nennen?

Campino: Ein ziemlich linkes Stück ist "Die Behauptung". Das ist durchaus klassische Musik, aber so ein kranker Text, dass es unangenehm für die Ohren ist. Das Lied irritiert und stört. Wenn man das hört, ist man überrascht und interessiert, aber nach zehnmal fängt es an, einem auf die Nerven zu gehen. Das ist ein echter Ohrbeißer, und es nervt. Trotzdem sind wir alle der Meinung, dass es auf das Album muss. Natürlich haben wir auch andere Sachen dabei, die etwas glatter reingehen. Zum Glück sind uns auf der Schlussgeraden auch noch ein paar Tempo-Nummern eingefallen, die meiner Meinung nach immer dazu gehören.

??? Also erwartet uns wieder eine Mischung aus unterschiedlichen Stilrichtungen?

Campino: Ich halte es nicht so mit den Ramones, einen Song in 15 Variationen auf ein Album zu hauen. Das ist eine Kunst für sich, und da sind wir nicht so gut drin wie die Ramones, die es immer wieder geschafft haben, dass da fünf sehr gute dabei waren. Da können wir uns anstrengen, wie wir wollen, wir bleiben die Toten Hosen, mit ein paar ganz signifikanten Sachen. Wenn es bei uns überhaupt eine Qualität gibt, dann ist es die, dass wir in jede Richtung mal Ausreißversuche machen, die nicht immer klappen, aber hin und wieder.

??? Ein weiterer Unterschied bei der aktuellen Plattenaufnahme war, dass Ihr für Eure MTV-Sendung "Friss oder stirb" von einem Fernsehteam beobachtet worden seid. Hat das irgendwas für Euch verändert?

Campino: Das Team kam ja eigentlich erst in der Schlussphase hinzu, als die ganzen Liedentwürfe schon standen. Außerdem haben wir uns sehr schnell daran gewöhnt, dass die Jungs dabei sind. Und weil die uns zwölf Stunden am Tag verfolgen und unsere Besprechungen aufnehmen, haben die jetzt auch schon eine eigene Meinung zu gewissen Liedern. Die sind so nah dran, dass sie bei dieser Produktion fast Tote-Hosen-Mitglieder sind. Ich kann mit dem Produzenten Stefan Kloos sehr gut über viele Dinge reden, weil der in den Abläufen drin ist. Das ist eine komische Annäherung von beiden Seiten. Die stören wirklich nicht!

??? Warst Du eigentlich mit den ersten Ankündigungen von "Friss oder stirb" glücklich?

Campino: Es hieß überall, MTV würde jetzt einen auf deutsche Osbournes machen. Das ist aber vollkommener Bullshit. Bei uns wird das nicht unbedingt eine Homestory. Es soll die Chance sein, etwas mehr vom Leben einer Rockband mitzukriegen. Und es soll allgemeingültig sein. Im Optimalfall sollte es dem Zuschauer egal sein, ob da jetzt Marius Müller-Westernhagen mit seinem Anwalt redet oder einer von den Toten Hosen. Es soll nicht beweisen, was die Toten Hosen für schräge Vögel sind. Das ist nur ein Teilaspekt, dass wir immer noch jede Menge Spaß haben und zusammen Golf spielen, Reiten oder Fallschirmspringen. Es wäre aber ein falscher Eindruck, wenn das alles wäre, was nach der Sendung hängen bleibt.

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