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Dokumente, Lobeshymnen und Verrisse:

Die Spur, die die Toten Hosen in Magazinen und Zeitschriften hinterlassen haben.

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"Ich bin ein Charmeur" (Tagesspiegel vom 18.12.1999)

Der gereifte Punkrocker Andreas Frege, besser bekannt als Campino, sagt von sich selbst: "Ich bin ein Charmeur" (Interview)

Kann denn ein wilder Punksänger in die Jahre kommen, ohne furchtbar peinlich zu wirken? Klar. Er muss nur trällern wie eine Operndiva und alte Klamotten ausmisten. Seit 1982 nennen sich fünf Männer "Die Toten Hosen"; sie gehören zu den erfolgreichsten deutschen Bands der letzten Jahre. Ihr Sänger und Sprecher ist Andreas Frege, 37, kurz: Campino. Die Punkrocker sind gegen rechts und für Fortuna Düsseldorf.

TAGESSPIEGEL: Wie sind Sie aus dem Bett gekommen, Herr Frege?

CAMPINO: Ganz gut, danke. Jammerig bin ich immer nur, wenn ich gesoffen habe. Und wenn ich wie heute vor acht Uhr aufstehen muss, geht es komischerweise am allerbesten. Punkt elf Uhr wird mein Biotief einsetzen. Die wichtigsten Fragen also bitte zuerst.

TAGESSPIEGEL: Als der Fußballtorwart Toni Schumacher so alt war wie Sie jetzt, hat er das Aufstehen so erlebt: "Höllische Schmerzen. Ich habe 20 Jahre die Sau raus gelassen und meinen Körper nicht geschont. Ich bin ein Wrack."

CAMPINO: Rapiden Altersverfall kann ich noch nicht feststellen. Ich bin fitter als vor 10, 15 Jahren, weil ich damals auf alles geschissen und drogenmäßig richtig Gas gegeben habe. Ich renne inzwischen regelmäßig alleine durch den Wald, auch wenn ich das dumm finde.

TAGESSPIEGEL: Weil Sie sonst Ihr Tourprogramm nicht mehr durchhalten würden. Der gereifte Punkrocker frühstückt frisch gepressten Orangensaft statt Dosenbier?

CAMPINO: Wir stehen heute nüchtern auf der Bühne, das war in den ersten zehn Jahren der Karriere nicht der Fall. Wir hatten diese LKW-Fahrer-Mentalität: Immer unter Druck, immer Höchstleistung. Wir dachten, das gehört zum großen Rock'n'Roll dazu. Auf Tour haben wir privat übernachtet, im Winter oft in Räumen ohne Heizung. Da sind wir lieber die Nacht über zur nächsten Stadt durchgefahren. Und dann hast du dir halt eine Nase Koks gegeben oder Speed, damit du das durchstehst. Und dann am nächsten Tag noch mal und dann noch mal und dann noch mal. Wenn du das Zeug im Kopf hast, findest du jeden Auftritt einfach supergeil. Du weißt nicht mehr, ob dich das Publikum doof findet oder nicht. Für dich ist alles nur noch cool.

TAGESSPIEGEL: Wenn alles so schön war, warum haben Sie dann die Orgie durch Disziplin ersetzt?

CAMPINO: Der Schlüsselmoment war mein Stimmbandanriss inklusive Kreislaufkollaps, schon am vierten Tag einer langen Tournee. Im Krankenhaus haben die Ärzte gesagt: Wenn Sie das noch drei Monate machen, können Sie Ihre Stimme vergessen. Ich war so naiv, ich wusste überhaupt nicht, wie ein Stimmband aussieht, und dass man es nicht mehr zusammenflicken kann. Ich war erschreckt: Das sollte es schon gewesen sein? Ich habe abrupt mit allen Drogen aufgehört.

TAGESSPIEGEL: Nüchtern auf der Bühne zu stehen ...

CAMPINO: ...war ein Scheißgefühl, ich fühlte mich saunackt ohne diese künstliche Euphorie. Ich hatte bis dahin auf keiner Platte nüchtern gesungen, ja noch nicht einmal nüchtern geprobt, weil mir meine eigene Stimme unangenehm war. Erst nach ein, zwei Bier konnte ich sie ertragen. Und plötzlich sagt der Arzt zu mir: Stimmbänder sind Muskeln, die müssen Sie trainieren wie ein Leichtathlet.

TAGESSPIEGEL: Es muss furchtbar sein für einen wilden Punk, zu erkennen: Sei vorsichtig, deine Stimme ist dein Kapital!

CAMPINO: Ich wollte alles versuchen, um sie zu retten. Ich habe unsere Platten genommen, bin zu einer Gesangslehrerin gegangen und habe gebettelt: Das möchte ich in Zukunft singen können. Die Frau hat sich das angehört und geantwortet: Junge, pack' den Müll wieder ein, das wirst Du nie singen können - das ist kein Singen.

TAGESSPIEGEL: Die Frau hatte Recht.

CAMPINO: Naja, richtig geholfen hat mir jedenfalls erst eine Freundin. Sie schenkte mir zur Verarschung die Kassette einer englischen Pianistin, die Gesangsübungen macht. Aus Witz habe ich die mal eingelegt und mitgesungen und gemerkt: So geht es viel besser. Das Band ist das wichtigste Ding in meinem Leben. Ich habe es fünfmal kopiert und an verschiedenen Orten aufbewahrt. Sogar Johnny Rotten von den Sex Pistols ist zu dieser Frau gelaufen, sie ist ein Geheimtipp für die Talentlosen, sie holt aus jedem etwas raus.

TAGESSPIEGEL: Nett: Sie trällern vor dem Konzert wie ein Opernstar.

CAMPINO: Mir war das ungeheuer peinlich. Da hängst du als Punkband rum und dann mache ich Wa-wa-wa-wa, di-di-di-di. Die anderen haben Witze gerissen, ich habe mich immer ganz alleine eingeschlossen.

TAGESSPIEGEL: War das der Moment, wo Ihnen klar wurde: Mit dem Spaß ist es zu Ende, Musikmachen ist dein Beruf?

CAMPINO: Nein. Der Übergang zum Profi, das klettert einem ganz unauffällig am Bein hoch. Wir haben ja als Spaßvögel angefangen, mit Feten in einem Proberaum. Wir waren eher Champions im Reden schwingen. Dass uns mal jemand zuhört, damit war nicht zu rechnen. Wir haben uns Die Toten Hosen genannt, weil wir dachten, da kann keiner sein Eintrittsgeld zurückverlangen, wenn wir wirklich unerträglich schlecht sind. Wir wollten vor allem wie The Clash böse ins Publikum gucken, während wir die Instrumente malträtieren. Deshalb haben wir immer im Dunkeln geübt, damit keiner schummeln kann - auf der Bühne zu den Saiten schielen zu müssen war natürlich zu peinlich.

TAGESSPIEGEL: Für die große Show hat es trotzdem nicht immer gereicht. In der Schweiz haben Sie Anfang der 90er...

CAMPINO: ...eines der beschissensten Dinger unserer Geschichte hingelegt. Wir hatten zwei Tage frei und fingen zügig an zu trinken. Dank verschiedener Substanzen streckte sich die Party über 48 Stunden, keiner ging ins Bett. Wir dachten, es reicht als Erfrischung vor dem Auftritt, den Kopf kurz unter 'nen Wasserhahn zu halten. Ich wollte dynamisch auf die Bühne springen und bin der Länge nach hingefallen. Ich konnte nicht mal mehr alleine aufstehen. Unserem Schlagzeuger flogen bei jedem Trommelwirbel die Stöcke aus der Hand. Die Roadies haben sie ihm mit Klebeband festgebunden, aber nach 20 Minuten fiel Wölli einfach so vom Stuhl. Wir mussten das Konzert abbrechen. Wölli hat geweint vor Verzweiflung. Wir waren schrecklich enttäuscht und haben uns geschämt.

TAGESSPIEGEL: Wieso? Nach dem Brockhaus ist "Punk: den Wohlklang etablierter Rockmusik ablehnende Laienmusik".

CAMPINO: Keine schlechte Definition. Sie trifft auf jeden Fall für die späten 70er Jahre zu. Wir sind Überzeugungstäter der ersten Stunde, mit der alten Bewegung identifiziere ich mich total. Aber ich fühle mich 20 Jahre danach der Ideologie nicht mehr verpflichtet. Sollen wir die einzigen Idioten sein, die sich wie Katholiken an eine uralte Bibel halten? Jetzt kommt bestimmt gleich wieder der Vorwurf, wir hätten den Punk verraten.

TAGESSPIEGEL: Zumindest klingt Ihre neue Platte "Unsterblich" wie eine Rechtfertigung. O-Ton: "Zu viele Fernsehshows, viel zu oft verdächtig nett... angeklagt wegen Hochverrat an einer Idee, die seit Jahren tot ist".

CAMPINO: Ich entschuldige mich für nichts. Das ist die ironische Antwort auf Leute, die 15 Jahre später den Begriff Punkrock für sich entdeckten. Es nervt mich total, mit Leuten zu diskutieren, die keine Ahnung haben - mit Laien und Quereinsteigern, die meinen, sie müssten den Revoluzzer raushängen lassen! Aus der eigentlichen Szene der Hausbesetzer oder Punks hat uns nie jemand einen Vorwurf gemacht.

TAGESSPIEGEL: Die "taz" nannte Sie "Roberto Blanco des Bierdosenpunk".

CAMPINO: Ich will die "taz" nicht für jeden Kleckerer verantwortlich machen. Ein Pups wie Benjamin von Stuckrad-Barre schrieb sich dort seinen Ödipus-Komplex vom Leib, der kommt eben aus vornehmen Hause. Ich hätte sogar Verständnis dafür, wenn er einem in die Augen schauen könnte. Aber der scheißt sich in die Hose, wenn er vor mir steht, er würde sich nie trauen, mir zu sagen: Du bist ein Wichser. Er redet sich dann jedes Mal raus: Es war doch nicht so gemeint.

TAGESSPIEGEL: Sie bekamen auch von anderen hämisch eins übergebraten. Sie sind nun mal der gealterte Berufsjugendliche, der in jeder Talkshow sitzt, die Inge Meysel der Popgeneration und...

CAMPINO: ...das ist völliger Quatsch! Ich war in den vergangenen drei Jahren in genau zwei Talkshows. Viel zurückhaltender geht's nicht mehr, und den Mund zukleben lasse ich mir nicht. Ich schwöre, ich habe für jede Show eine Einladung, von Beckmann über Kerner bis zu "Peep". Die haben echte Besetzungsnöte. Inge Meysel finde ich übrigens ganz in Ordnung.

TAGESSPIEGEL: Im "Zeit"-Magazin haben Sie einmal getönt: "In Talkshows trete ich den Mächtigen in die Hacken."

CAMPINO: Wenn ich kann. Das müsst Ihr wie auf dem Fußballplatz sehen. Ich würde gern in die Hacken treten, aber manchmal sind sie zu schnell, ich trete in den Rasen, und das Publikum lacht. Leute wie Schröder und Geißler sind schon Gegner von echter Qualität, redemäßig gesehen. Gegen die habe ich superschlecht ausgesehen, die haben mich lang gemacht. Aber ich will meine Chance nutzen, gegen solche Leute ein gutes Foul zu machen, weil sich jemand anders kaum traut.

TAGESSPIEGEL: Vielleicht werden Sie gerne eingeladen, weil Sie furchtbar wild aussehen und sich trotzdem so anständig benehmen können wie der Sohn des Gerichtsrats Frege.

CAMPINO: Manchmal bin ich in diese Falle des Klischees reingetappt. Aber manch einer hat sich auch verkalkuliert. Etwa bei einer Show in Frankfurt, zu der auch Hillu Schröder und mehrere Politiker eingeladen waren. Ich wurde gefragt, ob ich an eine Politiker-Laufbahn dächte, und sagte: Das wäre mir viel zu anstrengend, immer zu lügen. Beispielsweise zu leugnen, dass wir alle 10.000 Mark Gage für diesen Auftritt bekommen würden. Da sind alle voller Empörung aufgesprungen: Ich habe keine 10.000 Mark verdient und so. Die haben sich nur noch gerechtfertigt. Natürlich waren es keine 10.000 Mark, nur 500 Mark Wegegeld. Aber so etwas zu sabotieren, finde ich einen coolen Moment.

TAGESSPIEGEL: Sie sind stolz darauf, dass Politiker einen wie Sie ernst nehmen. Nur vor Rudolf Scharping sind Sie geflüchtet.

CAMPINO: Der hat sich mir in einer ungebührlichen Art genähert. Ich saß Backstage bei einem Festival in Köln und ein Wagen fuhr vor. Scharping sprang raus und sauste an mir vorbei, irgendein Berater sagte ihm: Dort steht der Campino, gehen Sie doch mal hin. Und dann kam er wirklich auf mich zu und wollte mir die Hand reichen. Das Foto sah ich schon vor mir: "Scharping trifft sich mit dem Sprachrohr der Jugend." Ich bin dann schnell weggegangen.

TAGESSPIEGEL: Ihre Begründung war verblüffend: "Meine Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel."

CAMPINO: Das war ein Vereinnahmungsversuch der ganz dummen Art. Sicher, ein frecher Spruch wäre besser gewesen, dazu war ich leider nicht lässig genug.

TAGESSPIEGEL: Es ist nicht einfach, Herr Frege, ein echter Punkrocker zu bleiben, total authentisch zu sein. Dürfen wir Sie einem kleinen Glaubwürdigkeitstest unterziehen?

CAMPINO: Ihr fragt mich bestimmt, ob einer wie ich in einem Golfclub spielen darf. Ich habe kein Bedürfnis nach Golf, das ist Bullshit! Aber ich wäre keiner von den Langweilern, die sich nicht trauen, sich über das Punkreglement hinwegzusetzen. Ich bin ein Freigeist, ich lasse mir keine Regeln aufoktroyieren. Ich kann mir viel mehr leisten als andere Menschen in dieser Republik. Ich kann mich sogar im Puff erwischen lassen, nicht wahr, Herr Töpperwien?!

TAGESSPIEGEL: Herr Frege, wir wollten eigentlich nur wissen: Darf ein Punker eine Putzfrau haben?

CAMPINO: Glaubt ihr denn, dass ich selber bei mir Ordnung halten kann? Das ist eine gemeine Frage.

TAGESSPIEGEL: Und muss er sie sozialversichern?

CAMPINO: Habe ich die erste Frage mit Ja beantwortet?

TAGESSPIEGEL: Darf ein Punk die "FAZ" abonnieren?

CAMPINO: Also bitte, das ist wirklich nicht meine Lieblingszeitung. Außerdem kaufe ich am Kiosk.

TAGESSPIEGEL: Müssen Sie einen Polizisten "Bulle" nennen?

CAMPINO: Ich kann nicht mehr einfach "Alle Bullen sind Arschlöcher" sagen. Ich weiß, dass zu einem Polizisten tendenziell ein gewisser Charakter gehört, das ist weltweit so. Aber ich habe ganz coole Bullen erlebt, die die Situation wirklich im Griff hatten. Und jetzt fragt Ihr sicher noch: Was kostet ein Liter Milch. Fickt Euch!

TAGESSPIEGEL: Darf ein Punk Aktien kaufen?

CAMPINO: Sagt es doch offen: Ihr wollt auf die Kohle raus. Dann machen wir es doch kurz! Das glaubt mir zwar keiner, aber mich interessiert Kohle sekundär, ich habe noch nie eine Aktienzeitung gelesen, weil es mich einen Dreck interessiert, und ich nehme mir die Arroganz, zu sagen, ich zahle die Steuern, die von mir verlangt werden, und gebe den Rest bei der Bank ab. Ich verbringe meine Zeit mit Sachen, die mich amüsieren, und da gehört Geldspielerei nicht dazu. Manche bezeichnen das als Dummheit, ich bezeichne das als Luxus. Habe ich Euch jetzt zugetextet mit Sachen, die Euch nicht die Bohne interessieren?

TAGESSPIEGEL: Über Geld wollten wir erst später reden,...

CAMPINO: ...Ach, es hat eine Dramaturgie, das Gespräch?...

TAGESSPIEGEL: ...aber bitteschön: Alleine beim 96er Album "Opium für das Volk", das sich 1,1 Millionen Mal verkauft hat, wird der Gewinn auf zehn Millionen Mark geschätzt.

CAMPINO: Da sind unsere Taschen ganz gut voll geworden. Aber die Bilanz ist nicht so einfach, wie sie aussieht. Ich bitte darum, mit einzuberechnen, dass wir für all das viel Geld raushauen: Werbeetat, Fahrten, eine Menge Angestellte - die sind übrigens sozialversichert, auch die Putzfrau im Büro ist sozialversichert. Da sind wir wasserdicht, spendenaffärenmäßig, und Null Schwarzkonten. Wo sind wir stehen geblieben? Bei unseren Punkrock-Wurzeln? Wir haben uns entschieden, nicht bei einer großen Plattenfirma zu unterschreiben, sondern alles selber zu managen. Wir mögen keine Chefs und entscheiden gerne persönlich, was mit unserem Poster passiert, wie das CD-Cover aussieht und wieviel Geld für Werbung wo hin gesteckt wird.

TAGESSPIEGEL: Ihr 40. Geburtstag ist nicht mehr allzu fern. Joschka Fischer erinnert sich so daran: "Ich hatte das Gefühl, an der Schwelle des Greisentums zu stehen. Du gehst durch eine Tür, und es gibt keinen Weg mehr zurück."

CAMPINO: Ich hatte meine erste Krise mit zwölf, da bin ich mir schon zu alt vorgekommen, als ich in der Schule zum zweiten Mal hängen geblieben bin. Es gibt doch in jedem Alter ein Gebiet, auf dem du sehr gut sein kannst. Ältere Schriftsteller haben den langen Atem für einen Roman, und es wird behauptet, dass man als Liebhaber erst mit viel Erfahrung zu einem adäquaten Faktor im Bett wird. Und neben Ronny Biggs...

TAGESSPIEGEL: ...dem legendären englischen Posträuber...

CAMPINO: ...bin ich mir wie ein Spießer vorgekommen, das ist ein großartiger Verrückter. Der springt mit seinen 70 Jahren mitten in Rio de Janeiro auf einen Vorgartenzaun und blafft einen Köter an: Wau, wau, wau! Und abends bei unserem Konzert kommt er als Stevie Wonder verkleidet auf die Bühne, mit Krückstock und Sonnenbrille und singt "I just called to say I love you". Es gibt eine Menge Leute, die zeigen, wie man problemlos älter werden kann. Iggy Pop ist auch so einer.

TAGESSPIEGEL: Nicht jeder kann in Würde altern. Über Mick Jagger hat der Schriftsteller Truman Capote gesagt: "Er ist so sexy wie eine Kröte beim Pissen."

CAMPINO: Jagger wird mit dem Satz klarkommen. Aber vielleicht sollte er seine Reize wirklich im Schrank lassen. Ich habe gesehen, wie sie bei einer Show Micks Arsch gefilmt und das auf eine riesige Leinwand projiziert haben. Ich dachte: Muss das in dem Alter sein?

TAGESSPIEGEL: Mit Ihrem Outfit sind Sie auch nicht gerade auf der Höhe der Zeit.

CAMPINO: Das hat sich gebessert, eine Frau hat mich gerettet. Wir saßen bei einer Pizza und sie sagte: "Du bist der am beschissensten angezogene Typ, den ich je gesehen habe. Ich weiß nicht, ob ich das aushalte." Da habe ich erstmal tief in den Teig gebissen...

TAGESSPIEGEL: ...und das war's dann mit der Dame.

CAMPINO: Überhaupt nicht. Wir sind zusammen meinen Schrank durchgegangen, da lagen noch Klamotten drin, die waren 20 Jahre alt. Ich hatte die immer angezogen, ohne zu denken, ob ich damit nicht lächerlich aussehe. Die Hälfte davon haben wir weggeschmissen - ich kann gar nicht sagen, wie ich diesen Moment genossen habe. Da fing ich an, die Frau gut zu finden. Ich brauchte jemanden, der mich anschubst. Die Leute aus meinem Umfeld registrierten gar nicht mehr, ob ich peinlich wirke oder nicht.

TAGESSPIEGEL: Sie wirken entspannt. Ganz wild, hat ein Freund erzählt, werden Sie beim Thema englisches Königshaus.

CAMPINO: Weil keiner eine Ahnung hat, Ihr auch nicht! Die Queen hat politisch schon sehr, sehr gute Sachen gesagt, Prinz Charles legt sich mit Architekten an, die hässliche Häuser bauen. Alte und Alleinstehende schreiben Briefchen an die Familie, das hilft dem Selbstwertgefühl der Leute wahnsinnig viel. Die Königsfamilie, das ist keine veraltete Scheiße und ich...

TAGESSPIEGEL: Herr Frege, kommen Sie zu sich!

CAMPINO: Es ist doch wahr, die haben sich mit dem Thatcher-Regime angelegt, die sind eher linksliberal. Als ich mit sechs Jahren meine Tante in England besuchte, fuhr die "Britannia" auf dem Fluss an unserem Haus vorbei. Ich stand am Ufer, ein kleiner Kerl mit einem Fähnchen. Die Queen stand an Deck und hat mir zugewunken, nur mir - das war ein großer Moment für mich.

TAGESSPIEGEL: Es ist erstaunlich: Viele Musiker in Ihrem Alter werden religiös oder fangen an zu malen. Niedecken von BAP, Udo Lindenberg...

CAMPINO: Macht Euch keine Sorgen. Ich habe weder vor, Prediger zu werden noch Maler. Ich habe dafür kein Talent. Ich habe überhaupt kein Talent, obwohl: Ich bin ein Charmeur. Das ist das Einzige, was mir in die Wiege gelegt worden ist. Und ich kann Euch sagen, man kommt verdammt weit damit.

Der Tagesspiegel - vom 18.12.1999

Von Holger Stark und Norbert Thomma

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