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Dokumente, Lobeshymnen und Verrisse:

Die Spur, die die Toten Hosen in Magazinen und Zeitschriften hinterlassen haben.

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Helden und Diebe (Aus dem Überblick 12/1999)

Die Toten Hosen kurz vor'm Millennium: Die "Opelgang" lässt es nochmal richtig krachen. Der Überblick durfte vorhören und (mit-) lachen.

Interview-Tag bei Hosens. Mit etwas Verspätung trudelt Andreas "Andi" Meurer, dessen DTH-Profession vier Saiten beinhaltet, im Office der Plattenfirma ein. Von Campino, dem eigentlichen Sprachrohr der Hosen, weit und breit keine Spur, und der PR-Beauftragte lächelt diesbezüglich ein wenig verlegen. Die Kollegin von der Ruhrpott-Gewerkschaftspostille zieht hastig an ihrer Light-Kippe, ein kurzes »Hallo« und auf geht's zur Audiosession in den Videoraum. Immerhin - die Brötchen und der Kaffee stehen parat. Darf es ein bisschen lauter sein?

Nach fast drei Jahren Pause in puncto (Langspiel-)Tonträger-Veröffentlichung, nur unterbrochen durch die beiden englischsprachigen Songs "Pushed Again" und "You're Dead", ist die Neugier auf das neue Hosen-Opus gewaltig und - das klärt sich in den folgenden 54 Minuten - wird (Magnum) befriedigt.

Was mit der Vorabauskopplung "Schön sein" begann, findet auf "Unsterblich" seine Fortsetzung. Die Toten Hosen, bei denen in aller Regel (insofern es für die Hosen so etwas überhaupt gibt) Frontmann Campino für die Texte verantwortlich zeichnet, haben drei Stücke in kongenialer Kooperation mit Funny van Dannen ("Uruguay") geschrieben und covern mit "Lesbische Schwarze Behinderte" sogar eine Nummer des Berliner Liedermachers. »Eigentlich sollte der Song auf den POP 2000-Sampler«, erklärt Andi, »aber dann fanden wir den so klasse, dass wir ihn exklusiv für uns behalten haben!«

Und plötzlich ist auch Andreas Frege aka Campino da. Leiser als gewohnt, Kopfschmerzen andeutend, als Resultat einer durchzechten Nacht. »Glaub' bloß nicht, dass es bei einem Bier bleibt, wenn Du mit einem Eishockeyspieler (Uli Hiemer, die Red.) um die Häuser ziehst«. Jedenfalls zieht sich Campino fürs erste zurück, nicht ohne kundzutun, dass die Zusammenarbeit mit Funny »so richtig klasse war, weil wir humormäßig direkt um die Ecke sind. Nur dass der irgendwie unbeschwerter an viele Sachen rangeht!«

Wie effektiv das Autoren-Duo Frege/van Dannen tatsächlich ist, wird sich spätestens mit der als dritten Single geplanten Fußballhymne "Bayern" zeigen. Ein Hit des Monats. Per Fallrückzieher in die Charts-Championsleague. Da grient sogar die bis dato eher schweigsame Kollegin. »Ich komme aus Dortmund!« Schaun' mer mal, wie Franz Beckenbauer, der "Kaiser", auf den kommenden Südtribünen-Klassiker reagiert.

Ein weiterer Höhepunkt auf "Unsterblich" ist "Helden und Diebe". »Das ist die längste Nummer, die wir je geschrieben haben«, kündigt Andi an, »vielleicht unsere Rockoper!«. Da rührt der Bassist die Promo-Trommel dann doch ein gehöriges Stück, von "Bohemian Rhapsody 2" kann jedenfalls nicht die Rede sein. Stattdessen alte, fast vergessene Akkorde aus Tagen, als die "Fantastischen Fünf aus Düsseldorf" (Konrad Schnabel) noch und für jedermann die "Opelgang" waren. Inhaltlich nehmen die Hosen hier all denen den Wind aus den Segeln, die ihnen Verrat an der "Punkrock-Bewegung" vorwerfen. Sie stellen klar, dass a) die Idee (also Punkrock) schon lange begraben ist und b) man nicht an sie (also die Hosen), sondern sich selbst glauben soll. Der Gedanke, für alle Zeiten einer (guten) Idee auf Gedeih und Verderb quasi ausgeliefert zu sein, ist nicht der ihre. Nichts bleibt für die Ewigkeit.

Und dass DTH im Sommer trotzdem komplett gen Hamburg gezogen sind, um den ehemaligen Clash-Sänger Joe Strummer bei dessen Comeback live zu erleben, muss in diesem Kontext kein Widerspruch sein. Doch weiter im Text, zurück zu "Unsterblich". Empfehlenswerte Anspieltips sind die einzige englischsprachige Nummer "Call Of The Wild", das "Container-Lied" mit Billy Bragg-mäßigem Gitarren-Intro sowie der zweite Cover-Song "Sonntag im Zoo". »Das Stück ist von Frank Z. (dem Frontmann von Abwärts, die Red.), der auch für uns das Gitarren-Solo gespielt hat«, berichtet Andi. »Wir kennen uns schon seit Jahren und fanden Abwärts immer unterbewertet. Deshalb haben wir auch für den POP 2000-Sampler "Ich sehe die Schiffe den Fluss hinunterfahren" gecovert.«

Dann ist die Platte zu Ende und unsere Wege trennen sich. Während Campino versuchen wird, der BvB-Journalistin zu erklären, warum er immer noch Fortuna-Fan ist, zieht die Düsseldorfer Fraktion in die Überblick-Redaktion um. »"Unsterblich" ist in sich eindeutiger als viele unserer älteren Platten. Wenn eine Nummer hart und schnell sein sollte, haben wir sie auch extrem hart und schnell gespielt. Und wenn die Instrumentierung Streicher erforderte (z.B. beim balladesken "Unser Haus", die Red.), dann sind die Gitarren da auch komplett raus.« Und anders als Campino, der einmal andeutete, dass die Aufnahmesessions harte Arbeit waren, empfand Andi die "Unsterblich"-Produktion als ziemlich entspannt. »Normalerweise stehst du im Studio und fragst dich, ob du es nochmal hinkriegst.

Aber nach unserem Indien-Trip im Februar, ursprünglich war als Album-Titel mal "Kamasutra" geplant, ging plötzlich alles ganz schnell. Es hat der Band einfach gut getan, mal für einen längeren Zeitraum zusammen zu sein und gemeinsam abzuhängen. Ohne Termine oder irgendwelchen Druck von außen. Und Indien ist eine ganz andere Welt. Irgendwie abgedreht.« Die Hosen also auf den Spuren der Beatles? »Nicht wirklich. Aber als wir wieder zurück waren, haben wir uns zweimal für jeweils drei Tage im Proberaum regelrecht eingeschlossen und die meisten der neuen Stücke geschrieben.«

Wenn nicht "Kamasutra", warum "Unsterblich"? Wie verträgt sich dieser Titel mit dem plakativen Malcolm McLaren/Sex Pistols-Punkslogan "No Future"? Andi verweist auf "Helden und Diebe" und »außerdem ist das doch ein lustiges Wortspiel. Die Toten Hosen - Unsterblich. Bei den Ärzten wär das nicht gegangen.«

Weniger amüsant ist die gesundheitliche Situation von Schlagzeuger Wölli. Der "Kirschwasserkönig" hat massive Bandscheibenprobleme und erwägt zur Zeit einen operativen Eingriff. »Wölli bleibt auf jeden Fall vollwertiges Hosenmitglied, selbst wenn Vom (ehemals The Boys, Doctor & The Medics, Nine Nine Nine, B. Bang Cider, die Red.), unser neuer Drummer, die meisten Stücke auf "Unsterblich" gespielt hat und Wölli nur bei ein paar ruhigeren Stücken am Start war. Und sicher ist auch, dass Vom in der nächsten Zukunft bei unseren Konzerten den größten Teil der Lieder spielen wird. Vielleicht übernimmt Wölli dann den Zugabenpart.« Zuletzt war Wölli beim "Schön sein"-Videodreh in München mit von der Partie, bei dem der brillante Berliner Schauspieler Ben Becker ("Comedian Harmonists") die Hauptrolle übernommen hat.

»Videos zu machen ist nicht gerade unsere Lieblingsbeschäftigung. Da haben wir einfach zu wenig Kontrolle über das, was am Ende dabei rauskommt. Bei unserem aktuellen Video zu "Schön sein" (Regie Stefan Telegdy) hat das allerdings 100%ig funktioniert. Und Becker hat seine Rolle großartig gespielt.« Außerdem ist der Mann hosen-geeicht und läßt es sich nicht nehmen, am selben Abend aus der "Beckmann"-Show Genesungsgrüße (s.o.) an Campino zu richten.

Bleibt die Frage, wie es den mit den unsterblichen Toten Hosen weitergeht? »Wir spielen 2000 eine Hallentour im Frühjahr (April, Mai), ein paar Festivals im Sommer (in Planung ist u.a. "Rock Am Ring") und eine zweite Tour im Herbst. Und vorher wird es garantiert auch wieder ein paar Magical-Mystery-Shows geben.«

andreas huber

Überblick 12, 1999

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