Showgeschäft: "Locker aus dem Bauch raus" (Aus dem Spiegel Nr.51 1999)
Campino im Spiegel
SPIEGEL: Campino, wie hat letztes Wochenende Ihr
Lieblingsverein Fortuna Düsseldorf gespielt?
Campino: Keine Ahnung, ich war seit drei Wochen nicht mehr
zu Hause. Und in der Zeitung taucht Fortuna nicht mehr auf,
seit sie in der Regionalliga West/Südwest kickt.
SPIEGEL: Ist es dann nicht besonders dreist, wie die Toten
Hosen auf ihrer neuen CD über den Deutschen Meister und
Tabellenführer Bayern München herziehen: "Was für Eltern
muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu
unterschreiben bei diesem Scheißverein"?
Campino: Wir werden fußballmäßig sowieso nicht mehr für
voll genommen, seitdem wir Repräsentanten eines
Drittliga-Clubs sind. Aber bei der Fortuna handelt sich
wenigstens nicht um eine arrogante Truppe, die besser
spielen könnte, wenn sie nur wollte.
SPIEGEL: Gegen die Mächtigen in der Politik loszuzetern
haben viele Künstler offenbar aufgegeben, weil sie es für
sinnlos halten. Stattdessen schimpfen alle von Harald
Schmidt über Stefan Raab bis zu den Toten Hosen auf die
armen Bayern. Warum eigentlich?
Campino: Was heißt denn hier "die armen Bayern"? Denen
schließen sich doch nur Typen an, die nicht verlieren
können und für die es an Majestätsbeleidigung grenzt, etwas
gegen die Bayern zu sagen. Wenn man, wie der FC Bayern,
alles hat, dann muss man sich auch ein bisschen ans Bein
pieseln lassen können.
SPIEGEL: Punk-Rock bedeutete mal, immer mit Absicht in die
Abseitsfalle zu laufen. Rennen die Toten Hosen mit ihrem
Anti-Bayern-Lied jetzt nicht offene Türen ein?
Campino: Nein, Bayern München kommt in der Gunst des
Volkes eher noch viel zu gut weg. Ich glaube, wenn wir den
Islam angegriffen hätten, hätten wir weniger Ärger
bekommen.
SPIEGEL: Die Erregung der Bayern-Chefs hat doch sicher
mitgeholfen, dass die neue Tote-Hosen-CD gerade ganz oben
in der Hitparade eingestiegen ist. Uli Hoeneß schimpfte
sogar: "Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft
irgendwann ersticken wird."
Campino: Uns war nicht klar, dass das Lied bereits zwei
Tage nach der Veröffentlichung in der Bayern-Kabine
diskutiert werden würde. Hoeneß wollte wohl zuerst sogar
rechtliche Schritte einleiten. Aber dann muss ihm
irgendjemand, der eine etwas kürzere Leitung hat als er,
gesagt haben: Du legst dich mit Leuten an, die das
regelmäßig machen. Dabei haben Hoeneß und ich viele Dinge
gemeinsam. Die Nacht von Belgrad 1976 etwa, in der er den
Elfmeter verschossen hat, als es um die Europameisterschaft
ging das werde ich nie vergessen. Und er auch nicht.
SPIEGEL: Immerhin hat Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld
verkündet: Uns interessiert nicht, was die Toten Hosen
machen. Sind manche Bayern doch cool?
Campino: Vermutlich haben sie auch noch bei Sat 1
angerufen und gesagt: Wenn ihr ein Wort über die Toten
Hosen bringt bei "ran", bekommt ihr keine Interviews mehr.
So jedenfalls stelle ich mir das vor.
SPIEGEL: Ist es nicht vielleicht doch der Neid, der Sie
treibt? Der Bayern-Spieler Thorsten Fink glaubt, als
Fußballer wären Sie in Wahrheit auch froh, wenn Sie beim FC
Bayern spielen dürften.
Campino: Niemand von uns hat jemals gut Fußball gespielt.
Selbst zu unseren besten Zeiten nicht, als wir noch jung
waren. Wir haben das Lied eher aus der Perspektive eines
Bauern im Mittelalter geschrieben, der einem anderen Bauern
erzählt: Also, König zu sein ist auch ein Scheißleben.
SPIEGEL: Spielen die Toten Hosen nicht längst in der
Pop-Liga dieselbe Rolle wie der FC Bayern beim Fußball?
Campino: Im Gegensatz zu denen rekrutieren wir unsere
Spieler nur aus dem eigenen Nachwuchs. Das kann man jetzt
bei unserem Schlagzeuger-Wechsel sehen: Weil unser alter
Schlagzeuger es mit der Bandscheibe hat, brauchten wir
einen neuen. Statt irgendwo einen Star einzukaufen, haben
wir einen Roadie zum Drummer befördert. Wir sind eben
erdverbunden.
SPIEGEL: Aber die Gehälter der Toten Hosen ähneln
inzwischen denen der Bayern?
Campino: Nein, überhaupt nicht. Selbst wenn wir von der
Platte zwei Millionen Exemplare verkaufen würden, könnten
wir uns keinen Bayern-Spieler leisten. Noch nicht einmal
einen halben.
SPIEGEL: Allein 1996 haben die Toten Hosen rund zwei
Millionen Platten verkauft und trotzdem sollen nicht mal
2,5 Millionen Mark zusammengekommen sein, wie sie der FC
Bayern für Michael Wiesinger bezahlt hat? Sondern nur so
viel, dass Sie den Liedermacher Funny van Dannen bezahlen
konnten, der mit Ihnen den Text zu "Bayern" geschrieben
hat?
Campino: Auch die Leute, die uns noch so sehr hassen,
müssen sich damit abfinden, dass wir einen gewissen
Geschmack haben und Humor. Ein Lied wie "Bayern" ist locker
aus dem Bauch herausgeschüttelt. Ich kann zur Zeit aber
besser ernstere Sachen schreiben. Bei den lustigen Stücken
hat mir Funny sehr geholfen.
SPIEGEL: Also doch wie beim FC Bayern, wo man die besten
Leute einfach zusammenkauft?
Campino: Nein, aber wenn ein Ronaldo in der Dritten Liga
kickt, und ich hole ihn ins Rheinstadion, ist das in
Ordnung.
SPIEGEL: 1989 haben die Toten Hosen rund 150 000 Mark
gesammelt Geld, mit dem Fortuna Düsseldorf den
Verteidiger Anthony Baffoe verpflichten konnte. Warum fehlt
auf der neuen CD ein Benefiz-Aufkleber wie "Von jeder
verkauften Platte gehen drei Mark an Fortuna Düsseldorf"?
Campino: Weil das nicht reichen würde. Außerdem wollen wir
uns nicht wiederholen. Aber ich gehe nach wie vor zu jedem
Kabinenfest, wenn der Zeugwart 'ne Runde schmeißt.
INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL, MARTIN WOLF
(C) DER SPIEGEL 51/1999
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