All die ganzen Jahre //
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Dokumente, Lobeshymnen und Verrisse:

Die Spur, die die Toten Hosen in Magazinen und Zeitschriften hinterlassen haben.

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Joe Strummer im Interview mit Campino für die SZ

SZ-Magazin: Joe, Deine größten Erfolge liegen schon zwanzig Jahre zurück und trotzdem machst Du keinen sonderlich frustrierten Eindruck. Du wirkst sehr entspannt.

Joe Strummer: Bin ich auch. Ich werde 49 Jahre alt und lebe in Somerset. Ich fahre nur in die Stadt, wenn's sein muss, und trinke abends mein Bier. Ich bin sogar froh, dass ich alles hinter mir habe.

SZ-Magazin: Und das sagt der Sänger der wichtigsten Punkband aller Zeiten, die nichts weniger als den Sturz der britischen Regierung gefordert hat.

Joe Strummer: Ja, das war lustig damals.

SZ-Magazin: Deine Band, The Clash, gilt bis heute als erhabenes Beispiel für politische Popmusik.

Joe Strummer: Ja, komisch.

SZ-Magazin: Was ist daran komisch? Viele Deiner Platten waren politische Manifeste. Sie protestierten gegen Maggie Thatcher, gegen Neonazis, den Falkland-Krieg und die atomare Aufrüstung. Eine Deiner Platten begann mit den Worten »This is a public service announcement - with guitars«. Wir haben immer gedacht, genau darum sei es bei Clash gegangen: amtliche Bekanntmachungen mit Gitarren.

Joe Strummer: Ich habe damals einfach einen Scherz gemacht. In Amerika gibt es ständig diese Sicherheits- oder Behördenhinweise, die auf jedem Laternenpfahl kleben. Das war der einzige Hintergrund. Manchmal macht man ein Witzchen und alle Leute nehmen es total ernst. So entstehen Missverständnisse.

SZ-Magazin: Aber politische Statements spielten bei Clash eine große Rolle. Habt ihr viel darüber diskutiert innerhalb der Band?

Joe Strummer: Nein, nie. Wir haben uns nur über Musik unterhalten. Das war schon kompliziert genug. Nur zwei von uns konnten ihre Instrumente richtig: Mick Jones, der Gitarrist, und Topper Headon, der Drummer. Der Bassist Paul Simonon und ich waren musikalisch komplett unterbelichtet. Es war schon schwer genug, uns einen Durakkord beizubringen. Keiner von uns hatte einen Schimmer von Politik oder politischen Systemen. Hat uns auch nicht interessiert.

SZ-Magazin: Immerhin bist Du gern in T-Shirts der italienischen Brigate Rosse aufgetreten oder hast Dich mit Symbolen der deutschen RAF geschmückt. Eine extreme Provokation.

Joe Strummer: Ich habe dieses T-Shirt 1978 selbst bemalt...

SZ-Magazin: ...Dein legendäres Hemd mit dem Brigate-Rosse-Schriftzug?

Joe Strummer: Ja. Im Fernsehen kam die Entführung des damaligen italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro. Ich fand das Logo der Entführer cool und hatte das Gefühl, dass es gut auf einem T-Shirt aussehen würde.

SZ-Magazin: Ein Modegag.

Joe Strummer: Die Wahrheit ist: Punk war Mode. Politisch zu sein war in Mode. In einer Punkband zu sein war in Mode. Wir waren die größten Trendsetter der Welt. Als ich wegen des T-Shirts mal verhaftet wurde, war das natürlich das absolut Coolste, was passieren konnte.

SZ-Magazin: Aber da machst Du es Dir jetzt doch ein bisschen einfach. Punk war und ist viel mehr als ein Modetrend.

Joe Strummer: Es lief aber darauf hinaus. Ich kam Anfang der Siebziger nach London und hatte gerade mein Kunststudium abgebrochen. Natürlich trieb ich mich nicht in rechtsradikalen Kreisen herum, sondern eher im linken Spektrum. Ich war ein Slacker, der Musik machte, um über die Runden zu kommen. Wenn du Musik machst, brauchst du etwas, worüber du singst. Und die Themen lagen nahe, weil meine Freunde auf der Straße oder in besetzten Häusern wohnten.

SZ-Magazin: Damals nanntest Du Dich Woody. Wo kam dieser Name her?

Joe Strummer: Von dem Protest- und Folksänger Woody Guthrie. Der hatte einen enormen Einfluss auf mich. Als Junge hatte ich seine Biografie Bound for Glory gelesen. Genau wie Bob Dylan 15 Jahre vor mir. Übrigens las Bob Geldof das gleiche Buch. Der Name seiner Band Boomtown Rats stammt auch daraus.

SZ-Magazin: Dann kam Punk, die Musik wurde härter und die Parolen auch.

Joe Strummer: Jeder Idiot, der nach London kam, wurde davon infiziert, dass Punk die Musik der Stunde war und gefälligst politisch zu sein hatte. Dabei waren die ganze Radikalität des Punkrocks und seine aggressiven Parolen erst mal eine künstlerische Ausdrucksform, keine politische. Es stand nichts dahinter, das muss man einfach mal sagen. Viele haben das nicht begriffen.

SZ-Magazin: Aber Deine Statements wirkten ziemlich scharf und ironisch. Im Video zu Rock The Casbah bist Du vermummt wie ein PLO-Kämpfer aufgetreten.

Das hat viel Spaß gemacht. Wir drehten das Video in der Nähe von Austin, Texas, in der Wüste. Im Clip sieht man einen Juden und einen Palästinenser, die per Autostopp zu einem Konzert trampen wollen. Eigentlich hatten wir vor, dass in dem Video ein jüdisches Team gegen ein arabisches Team Fußball spielen sollte. Das war aber leider zu teuer.

SZ-Magazin: Es sind immer mal Gerüchte aufgetaucht, wonach Du Mitte der Siebziger gemeinsam mit europäischen Terroristen in einem Trainingscamp der PLO gewesen bist.

Joe Strummer: Das ist falsch. Totaler Quatsch. Erstens hatten wir überhaupt nicht den Mumm dazu. Und zweitens haben wir gar nicht kapiert, wofür die alle genau kämpften. Wir hatten keine Ahnung von den Zusammenhängen.

SZ-Magazin: Wie konntest Du Deine Texte schreiben, ohne die Verhältnisse zu kennen?

Joe Strummer: Im Grunde haben wir Stimmungen ausgedrückt, die in der Luft lagen. Aber Du hast Recht: Irgendwann merkten wir, dass es nicht reichte, nur hip zu sein. Wir wollten mehr Substanz in unserer Musik. Heraus kam Sandinista...

SZ-Magazin: ...das legendäre Dreifachalbum, bei dem Du auf Tantiemen verzichtet hast, damit es preisgünstig in die Läden kam.

Joe Strummer: Die Platte war sehr politisch und kämpferisch, aber letztendlich hat uns das eher im Weg gestanden.

SZ-Magazin: Wieso das?

Joe Strummer: Wir bekamen Post von der Kommunistischen Partei Englands. Und von den Sozialisten und von, ich weiß nicht mehr, wem. Alle wollten uns für ihre Propaganda einspannen.

SZ-Magazin: Und was habt Ihr gemacht?

Joe Strummer: Wir haben die Briefe gar nicht erst verstanden. Diese Texte waren total wirr und wir waren völlig ratlos. Also haben wir sie weggeworfen und gar nicht reagiert. Wir hatten an so was kein Interesse.

SZ-Magazin: Ihr hättet eine Menge bewegen können.

Joe Strummer: Da bin ich nicht so sicher. Und letztlich hat diese ganze Politshow die Band das Leben gekostet.

SZ-Magazin: Warum?

Joe Strummer: Nach dem vierten Album, Combat Rock ging uns die Luft aus. Wir hatten nichts mehr zu sagen. Uns gingen die Themen aus. Letztlich waren wir nur Poser.

SZ-Magazin: Aber The Clash waren doch mehr als eine Pose.

Joe Strummer: Ja, wir haben so wichtig gewirkt. Und genau das war die Pose. Letztlich waren wir eine Rock-'n'-Roll-Band. Und im Rock'n'Roll geht es nun mal hauptsächlich darum, eine Pose einzunehmen.

SZ-Magazin: Und heute bist Du damit fertig?

Joe Strummer: Oh nein, überhaupt nicht. Ich spiele auch viele der alten Songs noch auf der Bühne. Wenn man singt, sollte man auch was zu sagen haben. Dazu stehe ich immer noch. Ich habe nur im Rückblick die Neigung, alles ein bisschen schlechter zu machen, als es war. Es war natürlich eine großartige Zeit und ich habe ihr alles zu verdanken.

SZ-Magazin: Inwiefern spielte Pop vor zwanzig Jahren als Gegenkultur eine größere Rolle als heute?

Joe Strummer: Den Musikern von heute kann man daraus kaum einen Vorwurf machen. Die Rollen waren damals noch anders verteilt. Maggie Thatcher und Helmut Kohl waren keine Popstars, sondern natürliche Feinde der Popkultur. Das hat sich verändert. Bill Clinton war ein großer Popstar, Gerhard Schröder ist einer und Tony Blair ist von allen der größte. Es gibt ein Foto von ihm, das ihn nach dem Wochenende zeigt. In der einen Hand trägt er eine Aktentasche mit den wichtigsten Papieren der Staatsgeschäfte, in der anderen den Gitarrenkoffer seiner Fender Stratocaster. Der Kerl spielt E-Gitarre und singt in einer Rockband. Das gibt einem schon zu denken.

SZ-Magazin: Die Politik ist aus der Popmusik weitgehend verschwunden. Stört Dich das?

Joe Strummer: Nein. Die wichtigen Themen sind für die Rockmusik zur Zeit einfach aus der Mode gekommen. Macht aber nichts, es gibt noch ein paar Bands, die das Vermächtnis weiterführen. Asian Dub Foundation zum Beispiel. Oder Rage Against The Machine. Obwohl, die haben sich gerade aufgelöst.

SZ-Magazin: Der Kampf geht weiter?

Joe Strummer: Er hat gerade erst begonnen. Ohne Pose ist man ein Nichts.

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